Rund 30'000 Menschen leben in dieser Woche Mitte Februar in Zermatt. «Für uns ist es die wichtigste Woche des Jahres», sagt Kurdirektor Daniel Luggen, als er uns im Tourismusbüro gleich beim Bahnhof empfängt. Es ist kurz nach Mittag. Dafür, dass Hochsaison ist, geht es ziemlich beschaulich zu und her im Dorf. «Zum Glück», sagt Luggen und zeigt zum stahlblauen Himmel und in Richtung Skigebiete. Hinter einem der Häuser lugt das Matterhorn hervor. «Die Leute sind auf den Pisten, wie es sich gehört. Heute Morgen zählten wir rund 17'000 Eintritte ins Skigebiet», sagt der Tourismusdirektor und bittet uns in ein Sitzungszimmer.

In Crans-Montana, einem anderen Walliser Skigebiet, verschüttete letzte Woche eine Lawine Menschen auf einer offenen Piste. Ein Pistenretter starb, und nur mit Glück gab es keine weiteren Toten. Was ging dem Mann nach dem Unglück durch den Kopf, der exponierte Pisten im Hochgebirge oberhalb von Zermatt vermarktet, auf denen sich täglich Tausende Menschen tummeln?

Daniel Luggen: Wir nahmen natürlich Anteilnahme. In Zermatt kam es einmal zu einem ähnlichen Fall. Doch ich dachte mir auch: Schwein gehabt. Das gilt insbesondere für denjenigen, dessen Film auf allen Online-Medien gezeigt wurde und auf dem zu sehen ist, wie die Lawine gleich hinter ihm die Piste verschüttet.

Hier fliehen Skifahrer vor Lawine

Hier fliehen Skifahrer vor der Lawine in Crans-Montana.

Und auf den Pisten? Liessen die Zermatter Sicherheitsverantwortlichen mehr Vorsicht walten?

Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Pistenchefs. Ich bin aber überzeugt, dass mit so einem Vorfall die Sensibilität noch zusätzlich wächst. Pistenchefs sind praktisch jeden Tag mit einem Bein im Gefängnis. Sie wissen, Fehler liegen keine drin. Und trotzdem ist nie ausgeschlossen, dass etwas passiert. In Zermatt haben wir übrigens einen Vor- teil: Wir sind gross genug und können eine Piste im Zweifelsfall auch frühzeitig schliessen. Das Gebiet bietet so viele Ausweichmöglichkeiten, dass der Gast kaum eine Angebotseinbusse hinnehmen muss.

Sie sprechen von Gefängnis. Kam es in Crans-Montana zu Fehlern?

Das weiss ich nicht, das wird die Untersuchung zeigen. Ich will einfach darauf hinweisen, dass in der heutigen Zeit sofort die Schuldfrage gestellt wird, von der Justiz und von den Medien.

Schweigeminute für Lawinenopfer von Crans-Montana

Schweigeminute für Lawinenopfer von Crans-Montana (Video vom 21. Februar)

Zwei Tage nach dem Lawinenunglück in Crans-Montana VS haben am Donnerstag um 14.23 Uhr im Skigebiet zahlreiche Menschen mit einer Schweigeminute des Opfers gedacht. Genau zu dieser Zeit hatte sich das Unglück ereignet, das einen Pistenpatrouilleur das Leben kostete.

Offenbar handelte es sich um eine Gleitschneelawine. Ein Problem, das in letzter Zeit auch wegen des Klimawandels häufiger auftritt. Auch hier in Zermatt?

Dass der Klimawandel stattfindet, sehen wir eher an den Gletschern. Ich bin bald zwanzig Jahre hier Tourismusdirektor. Zermatt ist ständig daran, auf die sich zurückziehenden Gletscher zu reagieren. Wir mussten auch schon eine Bahn abbauen deswegen. Ich würde so weit gehen und sagen: Wahrscheinlich ist kaum irgendwo der Klimawandel so deutlich ersichtlich wie in Zermatt. Wir sehen die Veränderungen eins zu eins.

Dann braucht es einen griffigeren Klimaschutz?

Ja, eigentlich schon. Aber der Klimawandel ist ein globales Problem. Auch in der Schweiz würde mehr drinliegen, aber wir tun ja bereits sehr vieles sehr gut. Und wir sind klein, die Welt ist gross und es braucht viel, damit die Klimaerwärmung sich abbremst.

Es kommt nun etwas Bewegung in die Sache, plötzlich zeigt sich FDP-Präsidentin Petra Gössi einverstanden mit einer Flugticketabgabe. Wie fänden Sie das?

Aus ökonomischer Sicht super. Eine solche Abgabe würde ja die Schweizer Flugpassagiere treffen, und Ferien in der Schweiz würden wieder konkurrenzfähiger. Trotzdem glaube ich nicht, dass eine solche Flugticketabgabe dem Klima viel bringen würde. Aber es wäre ein kleiner Schritt.

Ist Fliegen zu günstig?

Fliegen ist definitiv viel zu günstig.

Das dürften Sie doch fast nicht sagen, immerhin lebt Zermatt auch von den Gästen aus Übersee.

Es ist für uns ein zweischneidiges Schwert. Wäre Fliegen teurer, kämen vielleicht weniger Gäste aus Übersee, ja. Aber auf der anderen Seite verlieren wir in unseren wichtigsten Märkten wegen der billigen Flugtickets Leute. Die Schweizerinnen und Schweizer sind unser wichtigster Markt mit einem Anteil von 40 Prozent.

Zermatt ist autofrei und Nachhaltigkeit ist dem Ort wichtig. Diesem Image widersprechen gewisse Angebote fundamental. Neu kann man dieses relativ günstige Package buchen: Im Miet-Geländewagen fährt man ins Rhonetal. Dort steigt man direkt auf einen Heli von Air Zermatt um und wird samt Mietausrüstung für einen Skitag direkt ins Skigebiet geflogen. Zurück geht es am Abend per Taxi – notabene auf einer Strasse neben der Eisenbahn – zurück ins Rhonetal, wo der Miet-SUV zum Retourfahren bereitsteht. Mit Verlaub, das ist schizophren.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, auf den ersten Blick verstehe ich jeden, der das so sieht. Auch wir mussten im ersten Moment leer schlucken, als wir von diesem Angebot gehört haben, zumal wir immer die Anreise mit dem öV propagieren. Zermatt ist sehr gut ans öV-Netz angeschlossen.

Sie schluckten leer? Weshalb dann das Angebot?

Es ist ein Angebot der Air Zermatt, das den Bemühungen von Zermatt Tourismus widerspricht. Doch bisher gab es gerade einmal drei Buchungen. In einen Helikopter passen fünf Leute. Von den drei Helikoptern konnten nur zwei fliegen, bei einem war das Wetter zu schlecht. Es waren also zehn Leute bisher.

Dann kann man es ebenso gut sein lassen. Es geht doch bloss um Marketing.

Ja, ein Stück weit ist es so. Doch der Wettbewerb ist hart und die Leute wollen ein breites Angebot. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die meisten Hotels haben ein Hallenbad, dessen Betrieb ist sehr stark mit Emissionen verbunden. 90 Prozent der Hotelgäste brauchen das Schwimmbad nicht. Und trotzdem buchen sie explizit ein Hotel mit Schwimmbad.

Sie wollen sagen, ein Gast bucht Zermatt nur darum, weil er theoretisch die Möglichkeit hat, sich direkt auf die Skipisten fliegen zu lassen.

Ein Gast bucht Zermatt, weil er hier ein breites Angebot hat. Unter anderem, weil er Heliskiing oder einen Rundflug ums Matterhorn machen kann.

Die Politik scheint auf die Klimaproteste der Schüler zu reagieren. Auch im Wallis gehen Schüler auf die Strasse. Und Sie in Zermatt fliegen Gäste direkt hoch auf den Gletscher und werben mit dem «schnellsten Skilift der Welt»?

Also wenn Sie mit der Politik gerade die FDP ansprechen. Ich will dieser Partei nicht zu nahe treten, aber es ist ja letztlich nichts anderes als Marketing, dass sie jetzt ihren Kurs dem Zeitgeist anpasst. Zermatt aber ist dem Zeitgeist weit voraus. Wir arbeiten seit Jahrzehnten daran, nachhaltig aufgestellt zu sein. Ich gebe aber zu, wir haben nun auch mit dem Heli- skiing schon seit Jahren ein Angebot, mit dem wir mehr Emissionen verursachen als bei anderen. Umweltaktivisten von Mountain Wilderness bekämpfen das Angebot seit Jahren. Doch ich sage: Wenn diese Aktivisten im Hafen von Marseille nur einmal ein Kreuzfahrtschiff am Auslaufen aus dem Hafen hindern würden, hätten sie viel mehr erreicht als mit ihren Protesten hier oben.

Diesen Naturschützern geht es ja primär um die Berge. Und diese haben wir nun mal in der Schweiz.

Wir Zermatter spüren die Folgen des Klimawandels besonders stark. Wir haben heftige Schneefälle, dann Regenfälle mit Murgängen und so weiter. Aber ich bin überzeugt, die Heli-Angebote, die braucht es. Air-Zermatt fliegt ja nicht nur zum Spass. Die Helis rücken ja auch aus bei schlimmen Unglücken, erinnern Sie sich nur an den schrecklichen Unfall mit den belgischen Kindern auf der Autobahn bei Siders. Die Piloten können aber nicht einfach so auf Knopfdruck zum Einsatz, sie müssen das auch üben. Freizeitangebote helfen, auf die nötigen Flugstunden zu kommen.

Sie nannten vorher selbst die beschränkten Zahlen beim Heliskiing. Wegen zweier Flüge einer Organisation sind die Heli-Piloten von Air Zermatt doch nicht die besseren Retter.

Nein, natürlich nicht. Aber das ist eine Kooperation mit gewissen Marketingabsichten. Deren Kerngeschäft ist in Gottes Namen ein Geschäft, das nicht ohne CO2-Ausstoss auskommt. Beide Branchen haben ja trotzdem ihre Daseinsberechtigung.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Sie als Kurdirektor auch für diese Fragen den Kopf herhalten müssen?

Nein, das gehört zum Job. Nachhaltigkeit hat einen wichtigen Platz in unseren Konzepten. Aber wir können doch einer Firma wie Air Zermatt nicht einfach so vorschreiben, ab sofort nur noch zwecks Rettungen auszurücken. Wir müssen den Firmen auch die Möglichkeit lassen, dass sie neben der Rettung auch kommerziell fliegen können.

Für 80 Franken kann man sich samt Mountainbike im Sommer mit Air Zermatt aufs Rothorn fliegen lassen. Günstiger lässt sich nirgendwo in der Schweiz ein Heliflug buchen.

Das ist der Marktpreis. Es handelt sich dabei um einen Flug von zwei Minuten. Eine Flugminute pro Person – im Heli haben fünf Personen Platz – kostet 40 Franken. Zwei Flugminuten 80.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Heli-Wandern, Heli-Jagd, Heli-Apéros …

… ja, gibt es alles bereits. Es gibt noch Heli-Climbing, Heli-Fishing, aber nicht hier bei uns. Wissen Sie, wo es das alles gibt? In Kanada zum Beispiel, Heli-Biking kommt auch von dort. Nur: Sollen wir das hier abbrechen und stattdessen sagen: Liebe Schweizer, fliegt doch über den Atlantik nach Kanada zum Heli-Skifahren?

Aus einer Umweltschutzperspektive ist beides unnötig.

Schon, aber Sie müssen auch sehen, wenigstens bleiben die Leute hier, wo es streng reglementiert und überprüft wird. Ohne Emissionen des Atlantikflugs kann man das hier machen. Und wir haben erst noch die Wertschöpfung im wirtschaftsschwachen Alpenraum in unserem Land.

Wäre es ein Problem für eine Destination wie Zermatt, wenn Treibstoffe für Helis oder Pistenbullys mit einer CO2-Abgabe belegt würden?

Es hiesse höhere Preise, die Nachfrage würde gebremst. Das hilft sicher auch dem Umweltschutz, klar. Aber die Nachfrage wird deshalb nicht versiegen. Skifahren zum Beispiel ist zu wichtig für unsere Destination. Das werden wir nicht sein lassen.

Kurzum: Wären Sie für eine CO2-Abgabe auf Treibstoff für Helikopter und Pistenbullys?

Ich wäre dafür, sofern man das Geld dann auch zweckgebunden einsetzen würde für Massnahmen zur Eindämmung der Auswirkungen des Klimawandels in den Bergen. Zum Beispiel in der Lawinensicherung oder bei Murgängen et cetera.

Sie sagten, der Schweizer Markt sei der wichtigste. Wie wollen Sie das beibehalten?

Wir bemühen uns primär um Gäste aus der Schweiz. Und da liegt noch viel mehr drin. Wir wissen aus Umfragen, gerade einmal zwanzig Pro- zent der Schweizerinnen und Schweizer haben bereits einmal das Matterhorn gesehen.

Man sieht doch das Matterhorn auch von den Bergen oberhalb von Crans-Montana zum Beispiel.

Vielleicht mit dem Feldstecher. Ich meine von nah. Und dafür ist unser Angebot da, zum Beispiel unsere Bergbahnen hier, die ich gerne öV nenne.