Pisa-Studie
Pisa-Schock hat gewirkt: Die Schlechten können jetzt besser lesen

Dank Förderung schneiden fremdsprachige Schüler beim Lesetest besser ab. In der Mathematik hält die Schweiz ihren Spitzenrang.

Christof Forster
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Vor neun Jahren wurde vielen Schweizern schmerzlich bewusst, dass Pisa nicht nur eine italienische Stadt mit einem schiefen Turm ist, sondern auch der Name eines internationalen Schülertests, der die Schwächen des hiesigen Bildungssystems schonungslos offenlegt. Es stellte sich heraus, dass einer von fünf Jugendlichen am Ende der Schule kaum einen einfachen Text versteht. Der Pisa-Schock sass tief und löste eine breite Debatte über Bildung und Schulreformen aus.

Was hat das gebracht? Auf den ersten Blick wenig. Die Schweiz hat zwar beim Lesen, das jetzt wie bereits 2000 als Schwerpunkt ausführlicher getestet wurde, mehr Punkte erreicht. Doch der Zuwachs ist so klein, dass nicht sicher ist, ob er rein zufällig ist. Weil der internationale Schnitt gesunken ist, liegen die Schweizer Schüler dennoch neu in der Spitzengruppe.

Ermutigend wird es, je genauer man hinschaut. Die Schweiz ist eines der wenigen Testländer, die ihren Anteil an schwachen Leserinnen und Lesern klar reduzieren konnten: von 20,4 auf 16,8 Prozent. Besonders erfreulich sei, dass vor allem die Leseleistung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund besser geworden sei, sagte gestern Regierungsrätin Isabel Chassot, Präsidentin der kantonalen Erziehungsdirektoren. Dieses Resultat glänzt noch stärker, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen neun Jahren der Anteil der Schüler aus dem Ausland von 20,7 auf 23,5 Prozent gestiegen ist.

Knaben könnten es besser machen

Die grössere Lesekompetenz sei nicht durch den stärkeren Zustrom aus Deutschland bedingt, versichern die Studienautoren. Vielmehr habe sich die spezielle Leseförderung für fremdsprachige Kinder ausbezahlt. Hier gilt es laut Chassot weiterzufahren. Bei den Spitzenreitern Schanghai (China) (4%) und Finnland (8%) ist deren Anteil bedeutend geringer. Allerdings handelt es sich um Länder mit niedriger Immigrationsrate.

In der Schweiz - wie in sämtlichen untersuchten Ländern - ist es beim Lesetest ein Nachteil, Knabe zu sein. Sie schneiden durchs Band schlechter ab. Doch die männliche Schülerschaft kann ihren Startmalus mittels Lernstrategien und zusätzlicher Leseaktivitäten ausserhalb der Schule fast wettmachen. Das ist wie beim Musizieren: Je mehr man übt, desto kompetenter wird man. Allerdings könnte das Engagement viel grösser sein. Fast die Hälfte der Jugendlichen (45%) liest nicht zum Vergnügen. Bei den Knaben sind es sogar 56 Prozent.

Dabei würde es schon viel helfen, unabhängig von der Dauer jeden Tag freiwillig einen Text zu lesen, wie es in der Pisa-Studie heisst. Es profitiert auch, wer sein Lesemenü vielfältig zusammenstellt - Comics, Romane, Sachbücher, Tageszeitungen. Von Online-Leseaktivitäten wie E-Mails lesen oder chatten dürfen sich die Schüler hingegen nicht viel erhoffen.

Spitzenplatz in Mathematik

In der Mathematik gehört die Schweiz - wie bereits in den drei letzten Pisa-Vergleichen - zu den Klassenbesten. Das mag wenig spektakulär wirken, weil ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt hat. Die Leistung erhält ihren wahren Wert, wenn man sich vor Augen führt, dass einige Länder deutlich an Terrain eingebüsst haben. Konstant gut bleiben die Schweizer Schüler in den Naturwissenschaften. Für den Aufstieg in die Spitzengruppe braucht es aber einen Effort.

An Pisa 2009 haben sich 65 Länder beteiligt, 34 mehr als 2000. Im Frühjahr 2009 füllten weltweit 470 000 und in der Schweiz 20 000 Jugendliche die Pisa-Tests aus. Pisa läuft im Dreijahresrhythmus weiter.