Bei Fluggesellschaften wie der Swiss gilt ab sofort das ständige Vier-Augen-Prinzip. Bringt das etwas?

Michael Anklin: Genau genommen liegt im Vier-Augen-Prinzip die Basis der Fliegerei. Dabei kontrolliert der eine Pilot immer das, was der andere macht. Dieses Vorgehen ist in heiklen Flugphasen wie Start und Landung zentral. Was man neu einführt: Wenn einer der Piloten das Cockpit verlässt, setzt sich ein weiteres Crew-Mitglied zum verbleibenden Piloten ins Cockpit dazu. Aber das ist nicht Teil des Vier-Augen-Prinzips. Denn eine Flight Attendant kann nicht beurteilen, ob der Pilot fliegerisch richtig handelt.

Eine Stewardess im Cockpit – nützt das überhaupt?

Ja, schon. Sie kann dem zweiten Piloten die Türe öffnen.

«Ein Kollege wurde von einem einsteigenden Passagier gefragt: ‹Sie haben aber nicht vor, heute Selbstmord zu begehen, oder?›»

Früher sassen sogar drei Personen im Cockpit.

Das war bis in den Achtzigerjahren so. Damals kamen die ersten computergesteuerten Systeme in den Flugzeugen auf. Vorher war auch noch der für diverse Systeme zuständige Flugingenieur Teil der Cockpitcrew. Auf manchen Langstreckenflügen sind bis heute drei Piloten nötig, damit die Ruhezeiten eingehalten werden können. Doch auch dieser dritte Pilot sitzt nicht im Cockpit, sondern erholt sich während seiner Pause in einem von den anderen Fluggästen abgeschirmten Abteil.

Der Faktor Mensch tritt nun in den Vordergrund. Die psychische Verfassung von Piloten aber wird nur vor deren Ausbildung überprüft.

Ob eine regelmässige Überprüfung der Psyche der Piloten helfen würde, kann ich nicht beurteilen. Ganz generell müssen wir etwas akzeptieren: Menschen können in zahlreichen Situationen relativ schnell relativ grossen Schaden anrichten.

Kommt die Situation, wie sie sich an Bord der Unglücksmaschine abgespielt hat, in der Ausbildung zum Zug?

Eine Gefährdung kann von allen Personen an Bord ausgehen, sei es von einem Passagier, einem Cabincrew-Mitglied oder einem Pilot. Im Training selber übt man verschiedene Situationen ein. Etwa was zu machen ist, wenn ein Pilot bewusstlos wird. Man trainiert aber auch den Fall, bei dem einer der Piloten nur halb bewusstlos wird und abnormale Sachen zu machen beginnt. Kommt es zu einer solchen Situation, so ist es wichtig, dass der Pilot, der bei Sinnen ist, Hilfe holt. Sei es bei einem anderen Crew-Mitglied oder bei einem kräftigen Passagier, wenn die körperliche Durchsetzungskraft der Flight Attendants nicht ausreichend ist.

Wie gerne sprechen Sie über solche sicherheitsrelevante Details? Können dadurch nicht Passagiere mit bösen Absichten Schwachpunkte erkennen?

Es sind so viele Leute in die Fliegerei involviert, dass eine komplette Geheimhaltung sehr schwer durchzusetzen ist. Das Ziel liegt darin, Vertrauen durch Transparenz zu schaffen.

Erste Ferndiagnostiker vermuten eine narzisstische Störung des Piloten. Sind die Helden der Lüfte Narzissten?

Menschen, die sich selber überschätzen, wollen wir gerade nicht in den Cockpits. Denn Selbstkritik ist eine der wichtigsten Eigenschaften für einen Piloten.

Unweigerlich wird man das nächste Mal den Piloten zweimal beäugen, bevor man ins Flugzeug steigt.

Ein Kollege berichtete mir über die folgende irritierende Szene. Er wurde von einem einsteigenden Passagier gefragt: «Sie haben aber nicht vor, heute Selbstmord zu begehen, oder?» Wir Piloten stehen nun unter besonderer Beobachtung, das ist klar. Ein gewisses Misstrauen wird sich gerade zu Beginn kaum verhindern lassen. Ich bin aber sicher, dass sich das rasch legen wird.

Sollen die Piloten die Passagiere beim Einsteigen persönlich begrüssen?

Wenn es die Zeit erlaubt, dann unbedingt. Dabei wird auch Vertrauen aufgebaut.

Ist es dem Piloten freigestellt, ob er das macht oder nicht?

Das regelt jede Fluggesellschaft individuell. Aber die Sicherheit geht natürlich vor. Man verzichtet nicht auf die wichtigen Vorbesprechungen, nur um den Passagieren beim Einsteigen in die Augen schauen zu können.

Wie weit verbreitet sind psychische Probleme unter Piloten?

Es wird auch psychisch labile Menschen unter den Piloten geben. In der Fliegerei passiert so selten etwas, weil aus jedem noch so kleinen Vorfall gelernt wird: Ein wichtiger Bestandteil ist das anonyme Meldewesen: Jeder Pilot kann Vorfälle melden, ohne dass die gemeldeten Namen direkt bei den Vorgesetzten landen, sondern bei einem Fachgremium bleiben, das Anpassungen vorschlägt.

Piloten kämpfen mit sinkenden Löhnen und strengeren Arbeitszeiten. Ist das überhaupt noch ein Traumberuf?

Ja, unbedingt. Denn es gibt nichts Schöneres, als die Welt von oben zu sehen.