Ja, es gibt sie noch, die Bewohner von Pflegeheimen, die ohne Medikamente auskommen. Im Medikamentenschrank des Heims wartet höchstens ein Röhrchen mit Vitamin-Brausetabletten auf sie. Doch bilden diese Heimbewohner die Ausnahme. Alle anderen erhalten ein Säckli oder Becherli mit fünf, acht oder auch sechzehn Pillen drin.

Heimbewohner ab 65 Jahren nehmen im Schnitt 9,3 unterschiedliche Medikamente ein. Das hat eine Auswertung des Krankenversicherers Helsana ergeben. Mit dem Alter nehmen die Gebrechen zu, die Patienten sind auf verschiedene Therapien angewiesen. So nehmen 85 Prozent der Heimbewohner gleichzeitig fünf oder mehr Medikamente aufs Mal.

Die Anzahl alleine ist aber nicht das Problem. Es stellte sich bei der Auswertung heraus, dass vier von fünf Bewohnern Medikamente mit einem potenziell inadäquaten Wirkstoff erhalten – Arzneimittel, die für den Patienten möglicherweise nicht geeignet sind. Zusätzlich erhöht Polypharmazie (verschiedene Medikamente parallel) nicht nur das Risiko auf Wechselwirkungen der Wirkstoffe, es führt auch zu unnötigen Therapien: Nebenwirkungen werden als Krankheitssymptome fehlinterpretiert, ein neues Medikament wird verschrieben.

Unnötige Beruhigungsmittel

Richard Egger, Chefapotheker des Kantonsspitals Aarau (KSA), sagt: «Uns ist das Problem längst bekannt.» Brigitte Morand ist eine von vier Spezialistinnen des KSA in klinischer Pharmazie. Sie überprüfen die Medikation von Patienten am Kantonsspital, denn sie wissen, welche Medikamente wann funktionieren und in welchem Fall sie eher schaden.

Seit ein paar Jahren hat Morand ihre Dienste auf die Aargauer Pflegezentren, Spital Zofingen und das Lindenfeld in Suhr ausgeweitet. Das Lindenfeld, spezialisiert auf Pflege und Geriatrie, nutzt die Expertise des KSA, um die Bewohner mit den Pillencocktails nicht alleine zu lassen. Brigitte Morand besucht das Heim regelmässig, kontrolliert zusammen mit der leitenden Ärztin Isabelle Amrhein Helg die Medikamente der Bewohner, stimmt diese aufeinander ab und versucht, deren Anzahl zu reduzieren.

Als Paradebeispiel, wo sich mit einem einfachen Kniff die Medikation verbessern lässt, nennt Morand Medikamente gegen Depressionen. Einige Antidepressiva wirken antriebssteigernd. Patienten, die abends deswegen nicht gut schlafen können, erhalten dann ein Beruhigungsmittel. «Dabei wäre es viel sinnvoller, die Indikation für ein Antidepressivum kritischer zu stellen», sagt Morand. Dafür muss man aber jedes Medikament und seine Nebenwirkungen spezifisch kennen – und wissen, welches passt.

Nebenwirkungen des Alters

Der geriatrische Patient sei eine Herausforderung, sagt Morand und meint das nicht negativ. Oftmals plagten ältere Menschen verschiedene Leiden auf einmal, die Medikamente hätten zum Teil starke Nebenwirkungen und genau da sei es wichtig, auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen. Für die Geriatrie gibt es so gesehen kein Handbuch. Vielmehr sei es ein Problem, dass es in der Medizin häufig eine Richtlinie gebe, wie eine Krankheit bei Erwachsenen behandelt werden müsse.

Der Stoffwechsel älterer Menschen funktioniere aber anders, sagt Morand. «Viele Medikamente sind nur für Erwachsene mittleren Alters getestet und haben bei älteren Menschen eine verlängerte Wirkung.» Chefapotheker Richard Egger pflichtet ihr bei: «Eine Therapie, die über zwanzig Jahre richtig war, funktioniert möglicherweise mit zunehmendem Alter nicht mehr.» In manchen Fällen muss das Medikament tiefer dosiert werden, in anderen Fällen empfiehlt es sich, es ganz abzusetzen.

Wie die Beratung funktioniert, zeigt ein Augenschein im Lindenfeld. Apothekerin Morand sitzt mit der Geriaterin Amrhein Helg im Sitzungszimmer, sie studieren Patientenakten. Genauer: die Liste der Medikamente, Blut- und Leberwerte. Patientin A leidet an einer Aortaerweiterung. Die Haut der Hauptschlagader ist dünn, ein Riss kann tödlich sein. Doch die Frau hat den Wunsch geäussert, keine langfristige Therapie mehr machen zu wollen. Sie will im Moment gut leben.

Das bedeutet: Symptome behandeln. Aktuell nimmt sie zehn unterschiedliche Medikamente. Alleine um den Blutdruck zu stabilisieren, um die Aorta nicht zu belasten, muss sie fünf verschiedene Medikamente nehmen. Und obwohl sie Eisenpräparate erhält, deuten die Blutwerte auf einen Eisenmangel hin. Morand erkennt in der Liste ein Präparat, das dazu führt, dass Eisen sowie Vitamine schlecht aufgenommen werden.

Also sucht sie nach einer Alternative. «Es ist ein sehr heikles und feines Abwägen», sagt sie. «Und es stellt sich für mich immer die Frage, was in Anbetracht der klinischen Ausprägung für die Patientin zumutbar ist.» Was also der jeweilige Gesundheitszustand überhaupt zulässt. Bei der Patientin könnte ein höherer Blutdruck den tödlichen Riss herbeiführen. Deshalb seien die Zusammenarbeit und der Austausch mit der Ärztin so wichtig. Sie entscheidet, welche Änderung für die Patientin zumutbar ist. Und vor allem: Ob es auch ihren Bedürfnissen entspricht.

Je weniger Medis, umso besser

Isabelle Amrhein Helg begleitet die Bewohner über Jahre und weiss genau, was ihnen wichtig ist. Abhängig davon, ob ein Patient mit Knieproblemen lieber jeden Tag spazieren gehen will oder lieber abends wach sein will, um die «Tagesschau» zu schauen, wähle sie einen anderen Therapieansatz. Nach Absprache mit Brigitte Morand und auf Wunsch von Patientin A können zwei Medikamente abgesetzt werden.

Amrhein Helg speichert das im Computer, welcher die Information an den Zulieferer Medifilm AG weitergibt. Dieser verpackt die Medikamente nach der neuen Vorgabe mittels eines computerisierten Abfüllsystems in Säckli, die nach spätestens drei Tagen im Heim ankommen.

Patient B zählt fast hundert Lenze. Ihm gehe es gut. Aber auch er wünscht sich weniger Medikamente. Da Fettsenker nicht sofort wirken, schlägt Morand angesichts des fortgeschrittenen Alters des Patienten vor, diese abzusetzen. Auch das Schlafmittel könne «ausgeschlichen» werden, wie Amrhein Helg das langsame Absetzen eines Medikamentes nennt.

Bei hochbetagten Patienten stelle sich die Frage, welche Therapien die Lebensqualität noch verbessern, so Morand. Zu den rein medizinischen Überlegungen gesellten sich auch finanzielle. Nicht in jedem Fall sei ein ausserordentlich teures Medikament angemessen. Patient B zeigt sich bei der Rücksprache vor allem dankbar, nicht mehr so viele Medikamente einnehmen zu müssen.

Nicht nur gut für Gesundheit

Das verwundert nicht. Niemand schluckt mit einem guten Gefühl neun unterschiedliche Medikamente. Doch den behandelnden Ärzten fehlt oft das umfassende Wissen einer klinischen Pharmazeutin. «Ich kenne die wichtigen Nebenwirkungen der Medikamente», sagt Heimärztin Amrhein Helg. «Aber ich kenne längst nicht alle.» Zudem wisse sie nicht
im Detail, in welchen Dosierungen welche Medikamente vorhanden sind und ob eine Tablette zum Beispiel geteilt werden darf.

Für dieses Wissen sei sie auf Morand angewiesen, auch wenn sie sich erst daran gewöhnen musste, dass ihr jemand dreinredet. Morand spricht vom «gemeinsamen Lernen». Sie profitiere vom Wissen der Ärztin und komme zu neuen Erkenntnissen, wenn sie Patienten über längere Zeit beobachten könne.

Bessere Lebensqualität für Heimbewohner, höhere Medikamentensicherheit und tiefere Kosten. Es stellt sich die Frage, wieso nicht alle Heime eine klinische Pharmazeutin anstellen. Ein Hindernis ist das Geld: Die Dienste von Brigitte Morand können im heutigen Tarif-System des Kantons Aargau nicht abgerechnet werden. Das Heim muss die Kosten übernehmen. Andere Kantone wie Freiburg oder das Wallis sind da fortschrittlicher – und sparen so Medikamentenkosten.