Interview
Pilatus-Patron zum Umgang mit Corona: «Der Schweiz fehlt in der Pandemie eine mit Kompetenz ausgestattete Führung»

Oscar J. Schwenk (76), Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke, kann sich trotz Erschwernissen durch Corona über ein gutes Jahr freuen. Die Jahresproduktion 2021 ist praktisch ausverkauft und auch im EDA-Fall läuft es zugunsten von Pilatus.

Philipp Unterschütz
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Oscar J. Schwenk, Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke.

Oscar J. Schwenk, Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke.

Manuela Jans-Koch (Stans, 18. Dezember 2020

Wo steht Pilatus nach diesem schwierigen Coronajahr?

Die Geschäftszahlen liegen noch nicht vor, aber ich kann sagen, dass es ein gutes Jahr wird. Schon jetzt sind fast alle Flugzeuge verkauft, die wir 2021 produzieren können. Das ist unglaublich gut. Ein Meilenstein ist die Auslieferung des 100. «PC-24» vor wenigen Tagen. Beim «PC-12» stehen wir jetzt bei 1800 Exemplaren, etwa im 2023 werden wir das 2000. Flugzeug ausliefern. Im kommenden Jahr steht auch die Produktion der Bestellung von 24 «PC-21» Trainingsflugzeugen aus Spanien an. Und auch die neue Halle mit dem Nietroboter erfüllt die Erwartungen an die Effizienzsteigerung. Wir führen das Programm weiter, das Konzept über vier Jahre beinhaltet weitere Roboter und die dafür nötigen, qualifizierten Arbeitsplätze.

Kürzlich konnte man dem Blick entnehmen, dass Pilatus ein Team mit 40 Leuten zusammenstelle. Und es wurde über einen Grossauftrag oder gar die Entwicklung eines neuen Flugzeugs spekuliert. Was ist da dran?

Nichts. Wir suchen aber tatsächlich Leute, weil wir erfreulicherweise vor allem in Amerika mehr verkauft haben, als erwartet. Wir werden 2021 mehr Flugzeuge produzieren als dieses Jahr, deshalb brauchen wir mehr Mitarbeiter.

Im Fall Saudi Arabien bzw. den Vereinigten Arabischen Emiraten hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren wegen angeblicher Verletzung der Meldepflicht eingestellt, also hat Pilatus die Meldepflicht nicht verletzt. Abgeschlossen ist die Sache damit aber noch nicht?

Nein, es läuft noch ein weiteres Verfahren, bei dem es darum geht, ob unsere Wartungsverträge unter das Söldnergesetz fallen oder nicht. Das EDA möchte das in Alleinregie bestimmen. Das Bundesverwaltungsgericht wird aber wohl noch nicht entscheiden wollen, weil jetzt die vom Parlament – das sich hinter Pilatus gestellt hat – geforderte Anpassung der Verordnung per 1. Januar 2021 in Kraft tritt. Danach soll alles, was der Bundesrat einmal bewilligt hat, nicht nachträglich geändert werden können. Das Seco und das EDA müssen bei Exportanträgen zwingend zusammenarbeiten. Finden sie keinen gemeinsamen Entscheid, muss der Bundesrat entscheiden, so wie das vor dem Söldnergesetz schon war.

Was waren die grössten Herausforderungen für Pilatus im Coronajahr, wie haben Sie agiert?

Noch bevor der Bund im Frühjahr den Lockdown und später die Maskenpflicht verhängte, haben wir bereits Temperaturmessungen und Maskentragepflicht überall bei Pilatus eingeführt. Es ist für mich, wie in einer Familie. Wir müssen zueinander schauen und dafür sorgen, dass wir weiter arbeiten können.

Haben die Schutzmassnahmen Auswirkungen auf die Produktivität?

Ja, die Leistung nimmt ab, weil die Massnahmen die Arbeiten verlangsamen. Wir sind auf Effizienz getrimmt, dadurch erzielen wir Gewinn auf den Produkten. Arbeiten können wir immer, aber nicht immer auf effiziente Art. Bei gewissen Arbeitsprozessen ist es auch ganz unmöglich, Abstände einzuhalten. Wir mussten auch die Kultur im Umgang mit Krankheitsabsenzen ändern. Früher kamen viele Mitarbeiter trotz Erkältungen oder leichtem Fieber arbeiten. Das geht nicht mehr, wer über 37,6 Grad Körpertemperatur hat, muss zu Hause bleiben, bis das Fieber weg ist.

Kein Fan von Homeoffice: Oscar J. Schwenk, VR-Präsident der Pilatus Flugzeugwerke, fotografiert vor einem Pilatus PC-21.

Kein Fan von Homeoffice: Oscar J. Schwenk, VR-Präsident der Pilatus Flugzeugwerke, fotografiert vor einem Pilatus PC-21.

Pius Amrein (Stans, 27. Oktober 2018

Wie sieht es mit Homeoffice aus?

Wir haben momentan rund 200 Leute im Homeoffice. Ich bin aber kein Freund davon, ich zweifle an der Effizienz und der Aufwand ist gross. Zu Hause sind oft Kinder, gefolgt von der Grossmutter, dem Hund und dem Hamster..., es gibt halt viele Ablenkungen. Hätten wir bei der Entwicklung des «PC-24» mit Masken und im Homeoffice arbeiten müssen, wären wir heute noch nicht fertig.

Können Sie an virtuellen Sitzungen ohne direkten Kontakt Entscheide von grosser Tragweite treffen?

Meine Devise lautet: Kooperation bis zum Entscheid. Aber dafür brauche ich Sparringpartner am Tisch. Das spornt mich an. Entscheide treffen kann man immer. Ob sie gut sind oder nicht, findet man aber erst im effektiven Kontakt und an der Front heraus. Es ist ein wenig wie beim Poker spielen. Das kann man auch nicht am Telefon. Es braucht die gegenseitige Beobachtung, die Mimik und Gestik. So ist es auch bei Sitzungen. Wir hatten bisher zwei virtuelle Verwaltungsratssitzungen, das war kein Vergleich zu realen Sitzungen. Entscheide von grosser Tragweite schiebe ich sofern möglich auf, die müssen bei echten Treffen erfolgen.

Pilatus ist weltweit tätig. Was bedeuten die Reiseeinschränkungen?

Vorher war ein ständiges Kommen und Gehen. Meetings mit Lieferanten oder Kunden. Unsere Mitarbeiter waren in der ganzen Welt unterwegs. Das fehlt jetzt, und irgendwann werden sich der mangelnde Kundenkontakt oder das fehlende Vorbereiten von Geschäften bemerkbar machen. Es ist praktisch alles, was mit Reisen zu tun hat, ausgefallen. Abgesehen von den Service-Mitarbeitern beträgt unsere Reisetätigkeit noch etwa 5 Prozent. Je nach Land müssen die Mitarbeiter zudem nachher in Quarantäne. Das verursacht Kosten und bringt eine Planungsunsicherheit.

Es kursieren Gerüchte, dass Pilatus Leute entlassen habe.

Ganz am Anfang des Lockdowns haben wir eine Bereinigung gemacht, da wir mit weniger Arbeit gerechnet haben. Es kam zu wenigen Frühpensionierungen und auch Leute, die noch über das Pensionierungsalter hinaus gearbeitet haben, mussten ihre Stellen aufgeben. Zudem haben wir einige Teilzeitstellen zusammengelegt. Es gab auch ein paar Kündigungen, die aber mit mangelnden Qualifikationen zu tun hatten. Insgesamt waren weniger als 30 Personen betroffen – wohlgemerkt in Relation zu den über 2200 Mitarbeitenden in Stans.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Schweiz mit der Pandemie?

Ich begreife nicht, warum es nicht eine einheitliche Führung gibt. Wohlverstanden, ich bin Föderalist. Aber in einer Pandemie, die uns alle gleichermassen betrifft, müsste es eine klare, vorausdenkende «Leadership» beim Bund geben, die entscheidet und dafür sorgt, dass überall in der kleinen Schweiz die gleichen Regeln gelten und zwar von Beginn an. Nur schon aus Solidarität wäre das angezeigt. Natürlich muss es ein beratendes Gremium geben, aber am Schluss muss einer die Kompetenz haben, Verantwortung übernehmen und schlussendlich entscheiden. Dass jeder aus diesem Experten-Gremium selber vorab kommunizieren darf, was er will, ist ein weiteres Zeichen fehlender Führung. Das dürfte so nicht sein und verunsichert die Leute extrem. Schlecht ist es auch, wenn dann noch Parteipolitik ins Spiel kommt und Parteien versuchen, daraus Kapital zu schlagen.

Auf die Flugindustrie hat das Virus einen verheerenden Einfluss. Wie ist das im Bereich von Pilatus?

Das ist ein grosser Unterschied. Die Airline Industrie verkauft praktisch nichts mehr und die Flugunternehmen fliegen nun mehrheitlich Cargo. Für uns entwickeln sich die Dinge aber eher positiv. Vor allem in Amerika kaufen sich immer häufiger Firmen eigene Firmenjets, nicht zuletzt wegen der Planungsunsicherheit bei den Flugverbindungen. Und dann gibt es immer mehr Leute, die aus Angst vor Ansteckungen nicht mehr in Grossraumflugzeugen fliegen wollen. Auf dem Vormarsch sind auch Firmen, die Anteile an Pilatus Flugzeugen verkaufen oder vermieten. So ähnlich, wie es im Carsharing schon üblich ist.

Oscar J. Schwenk vor dem 100. «PC-24».

Oscar J. Schwenk vor dem 100. «PC-24».

Manuela Jans-Koch (Stans, 18. Dezember 2020

Sie sind auch Verwaltungsratspräsident der Mineralquelle Bad Knutwil AG. Wie ist es mit dem Knutwiler Wasser gelaufen?

Es ist schwierig im Moment. Die Gastronomie leidet, viele werden nicht überleben. Wir können also in diesem Sektor weniger liefern. Dazu gab es im Sommer keine Anlässe, keine Schwingfeste, keine Konzerte. Es sind Unmengen, die wir nicht liefern konnten. Wir machen also wesentlich weniger Umsatz. Kompensieren können wir dies teilweise mit den Investitionen in die Automatisierung. Wir sind gut aufgestellt, es wird auch keinen Personalabbau geben. Die Krise können wir auch bei finanziellen Einbussen meistern. Meine Grundeinstellung ist: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. Es ist in einer Krise entscheidend, was man in der Kasse hat. Jetzt «verjagt» es viele Firmen, einfach weil sie die Rechnungen nicht zahlen können. Ich habe sowohl bei Pilatus wie bei Knutwiler genau definiert, wie viel Geld immer in der Kasse sein muss. Das bewährt sich jetzt. Wir können die Krise aus eigener Kraft überstehen.

Was bedeutet die Annahme der Konzernverantwortungsinitiative für Sie und Pilatus?

Ich hatte viel Sympathie dafür. Eigentlich hätten die Initianten ja gewonnen, wenn nicht das Ständemehr gewesen wäre. Ich habe bei meinen unzähligen Reisen auch Schweizer Firmen gesehen, die im Ausland katastrophale Sachen angerichtet haben. Es gibt für mich keinen Unterschied, ob wir Schadstoffe in die Reuss oder in den Kongo lassen. Ich bin der Meinung, die ethischen und moralischen Standards, die bei uns gelten, müssen für die in der Schweiz ansässigen Firmen weltweit gelten. Nun muss die Schweizer Industrie einen Verhaltenskodex aufstellen – jede Firma für sich selbst. Und wenn die Firmen dann ihre Wirksamkeitsberichte liefern, muss auch kontrolliert werden, was da drin behauptet wird. Wenn es einen Firmen-Kodex gibt, kann man sie selbst daran messen.

Sehen Sie in den knappen Abstimmungsresultaten ein Problem für die Schweiz?

Jawohl, ein paar wenige Stimmen entscheiden über eine grosse Tragweite, obwohl das in unserer direkten Demokratie so vorgesehen ist. Das stelle ich nicht in Frage. Aber wir müssen aufpassen, dass wir zum Gemeinwohl des ganzen Landes Sorge tragen und keinen zweiten «Röstigraben» schaffen. Es geht nicht an, dass beispielsweise die urbane Bevölkerung über spezifische Themen der Bergbevölkerung entscheidet.

Oscar J. Schwenk vor dem 100. «PC-24».
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Oscar J. Schwenk, Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke.
Oscar J. Schwenk vor einem PC 24.
Oscar J. Schwenk vor einem PC 24.
Oscar J. Schwenk, Verwaltungsratspräsident der Pilatus Flugzeugwerke, beim Gespräch in seinem Büro.
Oscar J. Schwenk, VR-Präsident der Pilatus Flugzeugwerke, fotografiert vor einem Pilatus PC-21 in der Werkhalle.
Oscar J. Schwenk vor einem PC 12, dem Verkaufsschlager des Unternehmens.
CEO Markus Bucher (links) und Verwaltungsratspräsident Oscar J. Schwenk vor einem sich im Bau befindenden PC-12.
Die Firma Pilatus liess das neue PC-12 Demoflugzeug durch den Künstler Hans Erni gestallten.
Hans Erni (links) unterschreibt auf einem Teil des Flugzeug in seinem Atelier in Luzern. Mit dabei: Oscar J. Schwenk (rechts).
Oskar Schwenk in der Konstruktionshalle.
Oskar J. Schwenk in der Produktionshalle.

Oscar J. Schwenk vor dem 100. «PC-24».

Manuela Jans-Koch (Stans, 18. Dezember 2020