Schifffahrt
«Pilatus»-Patron investierte mitten in der Krise in einen Mehrzweckfrachter

Von der Krise in der Hochseeschifffahrt ist als Privatmann auch Pilatus-Patron Oskar Schwenk betroffen. Er stieg mitten in der Schifffahrtskrise über eine nun in Schieflage geratene Reederei in das Hochseegeschäft ein.

Henry Habegger
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Der Mehrzweckfrachter «SCL Helvetia» – hier noch unter dem ersten Namen «Clipper Helvetia».

Der Mehrzweckfrachter «SCL Helvetia» – hier noch unter dem ersten Namen «Clipper Helvetia».

zvg/Key

Der 161 Meter lange Mehrzweckfrachter ist derzeit auf hoher See, auf dem Weg von Dafeng (China) nach Panama City, wo er am 10. April eintreffen soll. Er heisst
«SCL Helvetia» und ist eines der 50 Hochseeschiffe unter Schweizer Flagge. 2012 wurde das Schiff in China gebaut, seit dem Jahr 2013 ist der rote Riese, der 17 500 Tonnen tragen kann, im Schweizer Schiffsregister eingetragen. Zuerst als «Clipper Helvetia», seit letztem Sommer als «SCL Helvetia».

Pikant ist: Die «Helvetia», in der Bundesbürgschaften stecken, gehört einer Schweizer Persönlichkeit, die gewöhnlich nicht zur See, sondern in der Luft Schlagzeilen macht: Oskar Schwenk, Patron der erfolgreichen Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans NW, der mit seinem neuen Businessjet PC-24 derzeit weltweit für Aufsehen sorgt.

Mit dem grossen roten Schiff hat Flugzeug-König Schwenk derzeit allerdings seine liebe Mühe. Er stieg nämlich vor einigen Jahren, als die Hochseeschifffahrt bereits mitten in der Krise war, über den Chef der Swiss Cargo Line, den Berner Oberländer Unternehmer Hans-Jürg Grunder, in das Geschäft ein. Die SCL ist ausgerechnet die Schifffahrtsgesellschaft, wegen der der Bund derzeit Millionen zu verlieren droht.

Streit um Publikation

Brisanter Bericht

Die Affäre um die Bundesbürgschaften für Hochseeschiffe bleibt undurchsichtig. Auch, weil die Publikation einer brisanten Administrativuntersuchung der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFK) zum Thema blockiert ist. Gemäss Informationen der «Nordwestschweiz» wehren sich die Schifffahrtsgesellschaft SCL/Enzian und Michael Eichmann gegen die Veröffentlichung. Jetzt steht ein Schlichtungsverfahren des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten (EDÖB) an.

Eichmann war lange der starke Mann in Sachen Bürgschaftsvergabe beim zuständigen Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Kurz nach seiner Pensionierung 2012 trat er in die Dienste von SCL/Enzian ein. Eines der Schiffe, die der Bund zu verkaufen versucht, trägt den Namen der Tochter von Eichmann: «SCL Sabina». Eichmann wollte bislang keinen Kommentar zur Administrativuntersuchung abgeben. Gemäss anderen Quellen stellt er sich aber auf den Standpunkt, dass der EFK-Bericht zahlreiche Fehler enthalte. Er sei von der EFK nie befragt worden.

«Viel zu spät eingestiegen»

Der «Pilatus»-Patron, der im Unterschied zu anderen Schiffsbesitzern offen Auskunft gibt, bestätigt auf Anfrage der «Nordwestschweiz»: «Sie haben recht, ich bin mit der Swiss Cargo Line (SCL), die Herrn Grunder gehört, viel zu spät eingestiegen und wurde damals halt falsch informiert über die Aussichten.» Der «Pilatus»-Chef betont aber auch: «Die ganze Angelegenheit betrifft mich persönlich und hat nichts mit den Pilatus Flugzeugwerken zu tun.»

Wegen der Probleme der SCL musste Oskar Schwenk kürzlich sogar von Grunder das Verwaltungsratspräsidium der Eigentümergesellschaft des Schiffs übernehmen. Schwenk erklärt: «Die SCL ist in Schieflage, und deshalb ist Herr Grunder ausgestiegen als VR-Präsident, und ich musste kurzfristig das Präsidium übernehmen» Er werde dieses Mandat wieder abgeben, «sobald die Bereederung der ‹SCL Helvetia› neu geregelt ist.»

Bis zu 200 Millionen futsch

Bundesbürgschaften im Umfang von rund 236 Millionen Franken stecken derzeit in zwölf Hochseeschiffen, die dem SCL-Chef Grunder gehören. Weil die Gesellschaft in Schieflage ist, könnte das den Bund bis zu 200 Millionen Franken kosten (die «Nordwestschweiz» berichtete exklusiv). Pro Monat legt der Bund bis zu einer Million Franken drauf, um den Betrieb
der Schiffe sicherzustellen. Derzeit versuchen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und Finanzminister Ueli Maurer, die acht Frachter und vier Tanker zu verkaufen. So soll der Schaden minimiert werden. Schwenks «Helvetia» gehört nicht zu den zwölf Schiffen, die dem Bund Millionenschaden zuzufügen drohen.

Weitere Unternehmer betroffen

Oskar Schwenk ist allerdings nicht der einzige Schweizer Unternehmer, der indirekt von der SCL-Schieflage betroffen ist. Auch andere haben anscheinend mitten in der Krise im Umfeld der SCL in mit Bundesbürgschaften finanzierte Hochseeschiffe investiert. Recherchen im Handelsregister zeigen, dass auch Spitzenleute des Basler Logistikdienstleisters Ultra Brag und des Bahntechnikkonzerns Rhomberg Sersa aus Freienbach SZ in Verwaltungsräten von drei bundesverbürgten Schiffen aus dem SCL-Umfeld sitzen. Diese Unternehmer wollten sich gegenüber der «Nordwestschweiz» nicht äussern, da es «private Aktiengesellschaften» seien. Sersa-Verwaltungsrat Jürg Braunschweiler hält zudem fest, dass Rhomberg Sersa «in keiner Art und Weise» mit dem Schiff in Verbindung stehe. Klar ist: Die Schiffe dieser Unternehmer gehören ebenfalls nicht zu den Problemschiffen, die der Bund verkaufen will. SCL beziehungsweise deren Tochter Enzian Shipping reagierten nicht auf eine Mailanfrage rund um die Bürgschaften.

Die Affäre ist noch lange nicht ausgestanden (siehe Text rechts). Offen ist etwa, ob der Bund Strafanzeige einreichen wird. Dies hat die Finanzkontrolle bereits 2016 getan: Gegen einen ehemaligen Bundesbeamten und einen Reeder. Die Bundesanwaltschaft wurde damals allerdings nicht aktiv.