Die Vorfreude war gross im Hause Enzian. Reeder Hansjürg Grunder und sein «Advisor», der ehemalige militärische Untersuchungsrichter und Bundesbeamte Michael Eichmann, waren begeistert: Eines ihrer Hochseeschiffe, angeblich die «SCL Bern», würde an einer US-Militärübung teilnehmen können. Die Regierung in Bern hatte, wie es hiess, nichts einzuwenden.

Die Enzian ist jene Reederei, deren Pleite den Bund 215 Millionen Franken kostet, weil er für zwölf Enzian-Schiffe gebürgt hatte. Die US-Anfrage kam im Frühling 2015, wie Recherchen zeigen. Bei einer Partnerfirma der Schweizer Enzian-Reederei in Hamburg war eine Anfrage eingegangen. US-Behörden hatten sich bei der deutschen Betriebsgesellschaft erkundigt, ob die Enzian-Reederei mit einem ihrer Hochseeschiffe an einer US-Militärübung teilnehmen könne. «Es gab die Möglichkeit, dass ein Schiff der Enzian für einige Tage verchartert wurde und an einer Übung des Military Sealift Command vor der Küste der USA teilnahm», bestätigt ein Insider gegenüber der «Schweiz am Wochenende».

Logistikarm der US-Navy

Der Military Sealift Command (MSC), gehört zur US-Navy und betreibt die Versorgungs- und Transportschiffe der US-Armee. Er stellt den Nachschub an Munition und Brennstoff sicher und ist für den Seetransport sämtlicher US-Streitkräfte und wie auch Regierungsbehörden verantwortlich.

An einer Übung der amerikanischen Kriegsflotte sollte also ein unter der Flagge der neutralen Schweiz verkehrendes Schiff teilnehmen. Pikant: Mehrere Quellen beharren darauf, dass der Bund keine Einwände gegen die Teilnahme vorbrachte. «Mit der Regierung wurde abgeklärt, ob die etwas gegen den Einsatz hätte. Das war nicht der Fall», sagt eine Person, die den Vorgang im Detail kennt.

Konkret war es das für die Einhaltung der Gesetze zuständige Schweizerische Seeschifffahrtsamt (SSA) in Basel, das der Reederei grünes Licht gegeben habe. Das SSA ist Teil des Aussenministerium EDA. Es sei dann allerdings nicht zum Einsatz gekommen, da die USA die Übung vom Mai auf den Juni verschoben hätten und das fragliche Schweizer Schiff nicht mehr verfügbar war.

Das EDA stellt die Sache anders dar. «Die ehemalige schweizerische Reederei Enzian Shipping war im Jahr 2015 mit einer entsprechenden Anfrage an das Schweizerische Seeschifffahrtsamt SSA gelangt», sagt Sprecher Pierre-Alain Eltschinger. Aber: «Nur kurze Zeit später – und bevor das SSA materiell darauf antworten konnte – erfolgte der Rückzug der Anfrage durch den Reeder», so der EDA-Sprecher. «Das EDA hat weder in der Vergangenheit die Teilnahme von Handelsschiffen unter schweizerischer Flagge an ausländischen Militärübungen bewilligt, noch wird es dies in Zukunft tun.»

Die von der «Schweiz am Wochenende» befragten Insider halten allerdings an ihrer Darstellung fest. Das SSA habe in einem Zweizeiler-Mail signalisiert, dass es keine Einwände gegen die Teilnahme des Grunder-Schiffs an der Übung gebe. Das Mail ging an insgesamt vier Empfänger, und ihr Absender sass gemäss den Angaben ganz oben im Seeschifffahrtsamt

Es steht in der Affäre um die Schweizer Flotte also einmal mehr Aussage gegen Aussage. Wie in jenem Fall von 2015, als ein Enzian-Tanker russische Erdölprodukte nach Syrien lieferte. Mitten im syrischen Bürgerkrieg. Gemäss Informationen der «Schweiz am Wochenende» intervenierten die USA und drohten mit Gegenmassnahmen. Beim Bund will sich allerdings niemand an eine solche Intervention erinnern.

Die Anfrage der Nato

Die Anfrage der US-Navy war kein Einzelfall. Gut ein Jahr später, gegen Ende 2016, bekam eine andere Schweizer Reederei eine ähnliche Anfrage. Das Allied Maritime Command der Nato wollte von der Reederei Massoel wissen, ob ihr Hochseeschiff MV «Lugano» an einer Nato-Übung im Mittelmeer zwischen Piräus und Kreta teilnehmen könne. Massoel fragte beim SSA an. Aber ein Mitarbeiter (nicht der Chef selbst) lehnte ab: Aus Neutralitätsgründen sei es unerwünscht, dass ein unter Schweizer Flagge fahrendes Schiff an einer derartigen Militäroperation teilnehme.