Er gilt schweizweit als anerkannter Hooligan-Experte, war vor kurzem strahlender Sieger der Regierungsratswahlen im Kanton Genf und ist trotz knapper Niederlage bei der letztjährigen Bundesratswahl eine der grössten Zukunftshoffnungen des Freisinns: Ausgerechnet Überflieger Pierre Maudet sieht sich nun aber im Auge eines Sturms, der immer bedrohlicher wird. Am Dienstagabend bestätigte der Genfer Staatsanwalt, ein Verfahren wegen Vorteilsannahme eingeleitet zu haben. Dieses richtet sich formell zwar gegen Unbekannt; gemeint aber sind Maudet und sein Stabschef.

Was ist geschehen? Im November 2015 reisen der Sicherheitsdirektor, seine Ehefrau, die drei Kinder, der wichtigste Mitarbeiter und ein befreundeter Unternehmer für vier Tage nach Abu Dhabi, um sich ein Rennen der Formel  1 anzusehen. Im arabischen Emirat residieren sie in einem Fünf-Sterne-Hotel, in der Lobby kommt es – nach Aussage Maudets zufällig – zur Begegnung mit Verteidigungsminister Prinz Zayed Al Nahyan, mit dem der FDP-Politiker «über dieses und jenes» spricht, wie er später der «Tribune de Genève» zu Protokoll gibt. Mit dem Prinzen besucht er auch den Einsatzraum der Polizei, den diese wegen des Sportanlasses eingerichtet hat.

In Widersprüche verheddert

Einige Monate später beginnen Journalisten zu recherchieren. Sie fragen: Wer hat für die Flüge und die Hotelübernachtungen bezahlt? Handelt es sich um eine private Ferienreise oder doch eher um einen «Staatsbesuch light»? Statt Transparenz zu schaffen, verheddert sich Maudet in Widersprüche. Mal sagt er, er habe den Urlaub aus der eigenen Tasche berappt, mal gibt er an, Formel-1-Fans in seinem Freundeskreis hätten ihn und seine Entourage nach Abu Dhabi eingeladen. Die Vermischung von Privatem und Beruflichem während der Reise erklärt er mit seiner Angewohnheit, Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden.

Von den Recherchen der Journalisten aufgeschreckt, erstellt ein Polizist der Finanzpolizei im August 2017 einen Bericht und schickt ihn an die Staatsanwaltschaft. Diese leitet ein Verfahren ein, wie erst diese Woche bekannt wird. Nach weiteren Berichten von «Tribune de Genève» und Radio Lac in den letzten Tagen steigt der Druck auf Maudet derart stark an, dass er darum bittet, sich vor der Wirtschaftskommission des Kantonsparlaments erklären zu können. Die Wogen vermag er dort am Montagabend allerdings nicht zu glätten. Von links bis rechts hagelt es Kritik, einzig seine FDP hält noch zu ihm. «Ich erwarte, dass Maudet endlich alle Informationen auf den Tisch legt, statt häppchenweise immer mehr zuzugeben», sagt CVP-Kantonalpräsident Bertrand Buchs in der lokalen Presse.

Gegenüber der «Nordwestschweiz» übt auch die Genfer Nationalrätin Lisa Mazzone harsche Kritik am Freisinnigen, der es kürzlich als Einziger bereits im ersten Wahlgang in den Staatsrat schaffte. «Maudet ist machtversessen, er hält sich für unfehlbar», so die Grünen-Politikerin. «Kein Wunder, hat er nun Mühe, Fehler zuzugeben.»

Erst gestern Abend lässt Pierre Maudet erstmals selbstkritische Töne verlauten: «Ich war leichtsinnig», sagt der 40-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. «Ich hätte mehr darauf acht geben sollen, Privates und Berufliches strikt zu trennen.»

Mit dem Eingeständnis des Skandalisierten, Fehler begangen zu haben, dürfte die Affäre nun wohl an Schwung verlieren. Zumal Maudet ankündigt, auch in den nächsten Tagen so transparent wie möglich Auskunft geben zu wollen – so, wie er es bereits in der Kommission und gegenüber dem Regierungsrat versucht habe. «Die Reise nach Abu Dhabi liegt zweieinhalb Jahre zurück», sagt er und versichert: «Ich hatte seither nie wieder Kontakt mit Vertretern der arabischen Emirate.»