Dass 100 Meter unter den eigenen Füssen Elementarteilchen durch die grösste Maschine der Welt geschleudert werden, würde man auf den ersten Blick nicht erwarten: Das Cern in Meyrin, idyllisch zwischen dem Genfersee und dem französischen Jura gelegen, betreibt seit über 60 Jahren physikalische Grundlagenforschung.

Es geht um nicht weniger als die Frage: Woher kommen wir? Bekanntheit erlangte das Cern durch die Simulierung des Urknalls und dank der Entdeckung des Higgs-Bosons. Cern-Direktorin Fabiola Gianotti (57) erscheint pünktlich und gibt mit ihrer Körpersprache zu verstehen: Los mit den Fragen! Sie antwortet schnell, kurz und präzise.

Frau Gianotti, vor einigen Wochen ist der weltbekannte Physiker Stephen Hawking verstorben. Wie emotional war diese Nachricht für Sie und das Cern-Team?

Fabiola Gianotti: Ich war sehr traurig. Stephen Hawking war ein fantastischer Wissenschafter, ein Gigant der Physik. Ich habe ihn mehrere Male getroffen, als er das Cern besuchte. Zudem stand ich in den vergangenen Wochen regelmässig mit seiner Tochter in Kontakt. Stephen war von unserer Forschung sehr beeindruckt.

Er war ein brillanter Kopf, aber auch jemand, der Leute ausserhalb der akademischen Elite erreichen konnte. Sehen Sie einen Nachfolger?

Stephen war natürlich einzigartig. Wir alle versuchen, so gut wie möglich unsere Forschungserkenntnisse mit der Gesellschaft zu teilen. Die Wissenschaft muss für alle zugänglich sein, das gehört zu unseren Pflichten. Wenn ich oder meine Kollegen Vorträge halten, sind die Säle voll, oft mit jungen Leuten, die auf den Treppen sitzen.

Hawking hatte allerdings auch gewettet, dass Sie niemals das Higgs-Boson finden würden …

… diese Wette hat er verloren (lacht).

Haben Sie ihm vergeben?

Aber natürlich.

Ein Freund des Cerns: Stephen Hawking besuchte mehrmals das unterirdische Forschungsgelände. Hier ist er 2006 gemeinsam mit Fabiola Gianotti zu sehen, die noch heute mit seiner Familie in Kontakt steht.

Ein Freund des Cerns: Stephen Hawking besuchte mehrmals das unterirdische Forschungsgelände. Hier ist er 2006 gemeinsam mit Fabiola Gianotti zu sehen, die noch heute mit seiner Familie in Kontakt steht.

Das Higgs-Boson, dessen Existenz Sie und Ihr Team 2012 dank des Teilchenbeschleunigers am Cern, dem Large Hadron Collider (LHC), nachweisen konnten, wird oft als Gottesteilchen bezeichnet. Gefällt Ihnen der Name?

Nein, überhaupt nicht. Dieser Name stammt nicht von uns oder von anderen Wissenschaftern. Es war ein Verleger, der ein Buch verkaufen wollte, der dieses Wort kreierte. Das Higgs-Boson spielt eine spezielle Rolle in der Geschichte des Universums. Aber alle Elementarteilchen sind von zentraler Bedeutung. Keines ist wichtiger oder göttlicher als das andere.

Als der LHC vor zehn Jahren in Betrieb genommen wurde, erhielt das Cern Drohungen von religiösen Fanatikern. Ist das noch der Fall?

Es waren nicht unbedingt religiöse Fanatiker. Es waren Leute, die Angst davor hatten, dass der LHC ein schwarzes Loch schaffen würde, das die Erde und das Universum verschlucken könnte. Diese Kritik war unberechtigt und basierte nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich sind wir noch immer hier und führen dieses Interview. Kein Beschleuniger der Welt ist in der Lage, eine solche Energie herzustellen, wie sie im Weltall vorkommt.

Dennoch stehen Religion und Wissenschaft oftmals im Clinch. Glauben Sie an Gott?

Das ist eine sehr private Frage, die ich lieber nicht beantworten möchte.

Anders gefragt: Wie lassen sich Religion und Wissenschaft vereinbaren?

Es sind zwei sehr unterschiedliche Felder, die mit unterschiedlichen Methoden arbeiten. Experimentelle Wissenschaft basiert auf Beobachtungen: Ich glaube nur, was ich sehe. Religion beruht auf dem Gegenteil: Man muss etwas glauben, das man nicht sehen kann. Für die Wissenschaft ist es nahezu unmöglich, zu beweisen, ob Gott existiert oder nicht.

Trotz der Errungenschaften fragen sich viele: Wie haben das Cern und die Entdeckung des Higgs-Bosons unseren Alltag verbessert?

Ich gebe Ihnen einige Beispiele: Das World Wide Web wurde hier am Cern erfunden von Tim Berners-Lee …

… als Nebeneffekt.

Nun ja, solche Erfindungen sind Teil unserer Arbeit. Um das Higgs-Boson und andere Teilchen entdecken zu können, benötigen wir modernste Technologien in der Informatik, Elektronik und anderen Bereichen. Auf dem Weg zu unserem ambitiösen Ziel sind wir manchmal gezwungen, die Technologien selber zu entwickeln. Wenn uns das gelingt, wie im Falle des Internets, dann sind diese Erfindungen für die ganze Gesellschaft zugänglich. Gratis. Auch der Touchscreen ist eine Errungenschaft des Cern.

Gibt es weitere Beispiele?

Heute existieren Beschleuniger, die für die Krebsbehandlung verwendet werden, mit Protonen- und Licht-Ionen-Strahlen. Es gibt 50 solche Einrichtungen weltweit für Bestrahlungstherapien. Die Technologie stammt von uns.

Bei den immensen Kosten, welche die Forschung verschlingt, ist klar, dass ein unmittelbarer Nutzen erwartet wird.

Es gibt Leute, die das denken. Deshalb ist es Teil unserer Arbeit, die Gesellschaft und Politik zu überzeugen, dass es keinen Fortschritt gibt ohne fundamentales Wissen. Natürlich braucht es die angewandte Forschung, aber die Grundlagenforschung ist genauso wichtig. Wenn wir unser Wissen der Natur nicht weiterentwickeln, wird der Fortschritt zum Erliegen kommen.

Der LHC hat über 5 Milliarden Franken gekostet. Eine riesige Summe!

Unser jährliches Budget, das von den europäischen Mitgliedstaaten stammt, beträgt 1,1 Milliarden Franken. Das ist etwa so viel wie das Budget einer renommierten Schweizer Universität. Ich benutze gerne einen Vergleich: Das Cern kostet jeden Europäer einen Cappuccino pro Jahr. Ich denke, die Errungenschaften der letzten sechzig Jahre rechtfertigen diesen Cappuccino. Und wir haben auch einen integrativen, sozialen Wert: Das Cern arbeitet mit über 17 000 Wissenschaftern aus 110 Ländern zusammen.

Google und Facebook machen Ihnen die klügsten jungen Köpfe abspenstig. Zuletzt gingen viele ETH-Absolventen lieber zu Google, statt in der Forschung zu bleiben. Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorge?

Nein, dafür sind die Bereiche zu unterschiedlich. Unsere eigentlichen Wettbewerber sind Länder mit ähnlichen Forschungsprogrammen in der Physik, wie Japan, China oder die USA. Und es gibt einen Wettkampf, wer den nächsten grossen Beschleuniger bauen wird.

Ist der Standort Genf in Gefahr?

So weit würde ich nicht gehen. Wir haben eine Designstudie erstellt für einen 100 Kilometer langen Beschleuniger, der unter dem Genfersee hindurch laufen würde bis hin zum Salève-Gebirge in Frankreich. Als Nächstes braucht es eine Machbarkeitsstudie und dann, in einigen Jahren, eine Entscheidung.

Wie stehen die Mitgliedsstaaten des Cern zum Mega-Projekt?

Mit der Schweiz und Frankreich tauschen wir uns regelmässig aus. Die Behörden stehen der Idee eines neuen, viel grösseren Teilchenbeschleunigers offen gegenüber.

Wie wichtig ist das Cern für den europäischen Forschungsplatz?

Europa hat nach dem Krieg wieder die Führung im Feld der fundamentalen Physik übernommen und steht bis heute an der Spitze. Davon profitieren viele Bereiche: Die Ausbildung der Forscher ist hervorragend, in der Region wurden viele neue Stellen geschaffen, und auch der Staat sowie die Wirtschaft profitieren. Die Schweiz zahlt beispielsweise 45 Millionen Franken ans Budget, zieht daraus aber eine Wertschöpfung von 280 Millionen Franken. Und für Unternehmen ist es die beste Visitenkarte, wenn sie sagen können: Wir arbeiten mit dem Cern zusammen.

Jetzt übertreiben Sie.

Nein, das Cern hat Europa und insbesondere die Schweiz ins Zentrum der hochklassigen internationalen Forschung katapultiert. Staatschefs rund um den Globus besuchen unser Gelände. Einige Gäste sind zu Beginn skeptisch, aber wenn sie das Cern verlassen, empfinden alle nur noch eines: Enthusiasmus. Deshalb lade ich ja so gerne Premierminister ein (lacht).

Allerdings gab es seit dem Higgs-Boson keine grossen Entdeckungen mehr, was laut der «New York Times» einige ihrer Mitarbeitenden frustriert zurücklässt. Wann folgt ein nächstes Heureka?

Wir arbeiten daran und erforschen insbesondere die dunkle Materie, die 25 Prozent unseres Universums ausmacht. Der LHC könnte uns helfen, sie zu entdecken, wenn sie aus bestimmten Teilchen besteht.

Haben Sie manchmal Angst vor dem, was Sie entdecken könnten?

Nein, weshalb sollte ich Angst haben? Ich bin begeistert!

Sie betonen oft, wir wüssten nur über 5 Prozent Bescheid, wenn wir zum Sternenhimmel blicken. Der Rest ist unbekannt. Das klingt nicht besonders motivierend.

Es ist peinlich, wie wenig wir heute wissen. Frustrierend ist es nicht, im Gegenteil, es spornt uns an. Wir wissen, dass es noch viel zu entdecken gibt. Die nächste grosse Herausforderung ist die dunkle Materie.

Inspiriert Sie auch Science-Fiction? Die Hoffnung, ausserirdisches Leben zu finden oder Zeitreisen zu ermöglichen?

Oh nein, nein, nein. Ich bin eine bescheidene Experimentalphysikerin. Ich habe keine Absichten, durch die Zeit zu reisen (lacht).

Sie sind die erste Frau an der Spitze in der über 60 Jahre alten Geschichte des Cern. Warum hat es so lange gedauert?

Das liegt daran, dass weniger Frauen in der Forschung tätig sind. 1995, als ich am Cern begonnen habe, lag der Frauenanteil unter den Forschern bei gerade einmal 3 Prozent, heute sind es glücklicherweise bereits 14 Prozent. Das ist immer noch sehr tief, aber zumindest zeigt sich eine Entwicklung. Die Zeiten ändern sich.

Wie setzen Sie sich für mehr Frauen in der Wissenschaft ein?

Wir beobachten die Karrieren am Cern genau und ermutigen Frauen, sich zu bewerben, wenn sie für eine Stelle geeignet sind. Ausserdem schicken wir jedes Jahr Wissenschafterinnen an Schulen in der Region. Sie sprechen dann auf der Primar- und Sekundarstufe, aber auch an den Gymnasien über ihren Job. Sie sollen Begeisterung für die Physik wecken, egal ob Mädchen oder Bube. Das scheint zu wirken.

Wie kommen Sie darauf?

Viele Kinder, besonders Mädchen, schreiben mir Briefe und fragen, wie ich zu meinem Job gekommen bin. Sie wollen wissen, wie sie in der Wissenschaft Fuss fassen können. Das stimmt mich optimistisch. Sie brauchen aber noch mehr Unterstützung von ihren Lehrern und Eltern.

Was raten Sie Eltern, die dieses Interview lesen?

Wissenschaft ist für Buben und Mädchen gleich spannend. Es gibt kaum etwas, das so bereichernd ist, wie der Welt neues Wissen zu geben. Wenn ein Kind sich für eine Sache begeistert, sollten die Eltern es niemals stoppen, sondern fördern.

Sie glauben, dass Eltern Mädchen in ihrem Wissensdurst bremsen?

Nein, aber es passiert, dass Mädchen, die sich für Physik interessieren, von den Eltern weniger gefördert werden. Dabei ist eine wissenschaftliche Ausbildung auch nützlich, wenn man nicht in die Forschung geht. Die Wissenschaft lehrt uns, auf Basis von Beweisen und Fakten Entscheidungen zu treffen. Denken Sie nur an die vielen Falschmeldungen im Netz. Wir werden derzeit mit Fake News bombardiert. Umso wichtiger ist es, erkennen zu können, was stimmt und was nicht.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Ich denke nicht, dass eine Quote der richtige Ansatz ist. Vielmehr müssen wir talentierte Frauen für die Wissenschaft begeistern. Und wir müssen darauf achten, dass Frauen und Männer gleich behandelt werden. Es ist unfassbar, dass Frauen für die gleiche Arbeit einen geringeren Lohn bekommen. Das geht einfach nicht!

Sind Sie sicher, dass es am Cern keine Lohndiskrepanz gibt?

Ja, ganz sicher. Für die gleiche Arbeit erhalten hier alle den gleichen Lohn.

Zum Schluss noch zum grössten Fan des Cern: Sheldon Cooper. Er ist die Haupt-Figur aus der Comedy-Serie «The Big Bang Theory», die sich um das Leben von vier Wissenschafts-Nerds dreht. Schauen Sie sich die amerikanische TV-Show manchmal an?

Ja, ab und zu. Das Schöne an der Sendung ist, dass sie es schafft, Jugendliche für die Wissenschaft zu begeistern. Ausserdem zeigt sie gut auf, dass neue Erkenntnisse nicht nur im Labor gewonnen werden. Brillante Ideen können auch während des Einkaufs im Supermarkt entstehen.

Stephen Hawking hatte mehrmals einen Gastauftritt in der Sendung. Wurden Sie auch schon angefragt?

Nein, aber falls mich die Produzenten anrufen, überlege ich es mir (lacht).