Interview
Philipp Müller: «Nun ist ein Generationenwechsel an der Parteispitze fällig»

FDP-Präsident Philipp Müller tritt ab. An der Pressekonferenz nennt der 63-jährige Aargauer die Gründe. Mit dem von ihm verursachten Autounfall habe sein Entscheid nichts zu tun.

Dennis Bühler
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Philipp Müller spricht mit Medienvertretern über seinen Rücktritt als FDP-Präsident

Philipp Müller spricht mit Medienvertretern über seinen Rücktritt als FDP-Präsident

Keystone

Fünf Dutzend Journalisten haben sich für die sehr kurzfristig anberaumte Medienkonferenz in Bern eingefunden, FDP-Präsident Philipp Müller ist offenkundig überrascht über das grosse Interesse. „Man wird wohl erst richtig beliebt wird, wenn man zurücktritt“, sagt er. Selbst wenn seine Partei eine hervorragende politische Idee vorgestellt habe, hätten sich nie so viele Mikrofone vor ihm aufgetürmt.

Philipp Müller, weshalb treten Sie im kommenden April nach nur vier Jahren zurück?

Philipp Müller: Kurz vor der Pressekonferenz bin ich gefragt worden, ob ich denn nun „kei Luscht“ mehr hätte. Ich habe verneint. Es ist keine Frage der Lust.

Worum geht es denn?

Träte ich im April für eine weitere Amtszeit als FDP-Präsident an, müsste ich die Partei für mindestens vier weitere Jahre leiten, bis Frühling 2020. Denn ein Rücktritt zur Mitte der Legislatur wäre ihr nicht dienlich. Ein Parteipräsident muss über eine gewisse Erfahrung verfügen, er muss Zeit haben, in sein Amt hineinzuwachsen – schliesslich wird man mit der Zeit besser. Ich werde 2020 67-jährig sein. Nun aber ist ein Generationenwechsel an der Parteispitze fällig, zumal nach dem Rücktritt meines Vorgängers Fulvio Pelli keiner vorgenommen wurde.

Das zweitwichtigste Amt innerhalb Ihrer Partei – das Fraktionspräsidium – musste nach dem Rücktritt der Urner Nationalrätin Gabi Huber gerade erst neu besetzt werden. Besteht die Gefahr, dass die beiden Wechsel an der Spitze die FDP destabilisieren?

Wir haben mit Hubers Nachfolger Ignazio Cassis seit ein paar Wochen einen Fraktionschef, der seit 2007 im Nationalrat sitzt und sehr erfahren ist. Zudem bleibe ich noch bis April Parteipräsident. Dieser gestaffelte Übergang ist ideal. Und nicht zu vergessen: FDP-Fraktionsmitglieder brauchen nicht immer an der Hand geführt zu werden. Sie können sich in einer Übergangsphase durchaus selbst behaupten.

„Man wird mit der Zeit besser“, sagen Sie. Was mussten Sie lernen?

Insbesondere der Umgang mit Journalisten ist oftmals schwierig, er muss erlernt werden. Man kann als Parteipräsident viele Fehler machen, man kann sich etwa in der Wortwahl vertun. Und wie Sie wissen, bin ich ein Experte darin, die falschen Wörter zu wählen (schmunzelt).

Mit Journalisten haben Sie sich nicht immer gut vertragen.

Ich hoffe, dass Sie mir nicht nachtragen, wenn ich in den vergangenen Jahren ab und zu etwas dünnhäutig war. Wenn man unter Druck steht, reagiert man nun mal manchmal etwas mimosenhaft.

Im September verursachten Sie einen Autounfall, bei dem eine 17-jährige Fussgängerin schwer verletzt wurde. Welche Rolle hat dieser Unfall bei Ihrem Entscheid gespielt, nicht länger Parteipräsident sein zu wollen?

Ich trete aus freien Stücken zurück. Mit dem Unfall hat mein Rücktritt nichts zu tun. Dies zeigt nur schon die Tatsache, dass ich die engere Parteileitung bereits im März dieses Jahres über meinen Entscheid informiert habe. Seither wissen die damalige Fraktionschefin Gabi Huber, mein Stellvertreter und Schwyzer Nationalrat Vincenzo Pedrazzini sowie Generalsekretär Samuel Lanz Bescheid.

Wie geht es der vor rund drei Monaten verletzten Frau heute?

Ihr Genesungsprozess verläuft sehr gut. Laut ärztlicher Auskunft werden keine Schäden bleiben, und es geht ihr auch psychisch gut. Ihre Gesundheit ist für mich das Wichtigste überhaupt. Aus ihrem linken Bein, an dem sie mehrere Brüche erlitt, sind kürzlich die Schrauben entfernt worden, sie kann jetzt mit einer Krücke gehen. Mit ihren Eltern stehe ich in regelmässigem Kontakt.

Philipp Müller 2000
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Philipp Müller 2015

Philipp Müller 2000

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Ist die Frage nach der Unfallursache mittlerweile geklärt?

Leider ist die Staatsanwaltschaft überlastet, weil sich im Kanton Aargau in letzter Zeit viele schwere Unfälle ereignet haben. Vor kurzem hat der mit dem Fall betraute Staatsanwalt einen Verkehrsexperten gebeten, ein weiteres Gutachten zu erstellen. Dieses wird weitere drei Monate in Anspruch nehmen, womöglich wird alles noch länger dauern. Momentan gehe ich davon aus, dass der Fall auf Stufe Staatsanwaltschaft gelöst wird, dass es also zu keiner Gerichtsverhandlung kommen wird. Das Verfahren läuft allerdings noch.

Welche Ergebnisse haben die medizinischen Untersuchungen ergeben?

Die kardiologische Untersuchung hat mir attestiert, ich sei – gemessen am Durchschnitt meines Jahrgangs –, sehr fit; die neurologische Untersuchung hat mir bescheinigt, ich sei kerngesund und hätte gute Reflexe, was mich nicht erstaunt, braucht man diese in der Politik doch täglich. Die Hals-, Nasen- und Ohrenuntersuchungen hingegen haben ein medizinisches Problem zutage gefördert: Ich leide unter einem veranlagungsbedingten Schlafapnoesyndrom. Dieses führt dazu, dass ich potenzieller Aspirant für Sekundenschlaf bin. Schlaftests haben diesen Befund bestätigt.

Auch wenn Ihr Rücktritt nicht im Zusammenhang mit dem Unfall steht. Fehlt Ihnen die Kraft, um der Partei weitere vier Jahre vorzustehen?

Nein. Ermüdend ist dieses Amt nicht, auch wenn Sie das kaum glauben werden. Mit der Zeit entwickelt man eine gewisse Gelassenheit, und diese nimmt Druck weg. Und wie erwähnt haben mir diverse fachärztliche Gutachten gerade erst eine überdurchschnittlich gute Fitness attestiert.

Sie werden der FDP zum Zeitpunkt Ihres Rücktritts vier Jahre vorgestanden haben. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Die FDP hat bei den eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober erstmals seit 36 Jahren wieder zugelegt. Wir haben im Stände- zwei und im Nationalrat drei Sitze hinzugewonnen. Und hätte die Flüchtlingskrise nicht just im Sommer ihren Höhepunkt erreicht, wären wir wohl noch erfolgreicher gewesen. Ich bin sehr zufrieden, zumal wir auch in den Kantonen überzeugen konnten – seit mehr als einem Jahr hat die FDP jede Wahl gewonnen.

Im Jahr 2007 trat Ueli Maurer als Parteipräsident der SVP zurück, ein Jahr später wurde er in den Bundesrat gewählt. Ist dies auch eine Perspektive für Sie?

(Lacht) Ich bin wohl einer von wenigen Parlamentariern, die nie nach Bundesbern gekommn sind, um Bundesrat zu werden. Ich habe miterlebt, unter welchen Bedingungen Regierungsmitglieder zu arbeiten gezwungen sind, wie sie im Amt nicht länger Herr ihrer eigenen Agenden sein können. Bundesrätinnen und Bundesräte verlieren jegliche Freiheit. Dies entspricht weder meiner Lebensplanung noch meinem Freiheitsdrang, den ich selbst als Parteipräsident noch ausleben konnte.

Müller gibt den Medien im Bundeshaus ein Interview.
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Müller im Wahlstudio der SRF in Bern.
Philipp Müller am Wahltag
Philipp Müller auf dem Weg ins Bundeshaus.
Philipp Müller auf dem Weg ins Bundeshaus.

Müller gibt den Medien im Bundeshaus ein Interview.

Keystone
Philipp Müller: Politiker und Rennfahrer
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Politiker mit Benzin im Blut: Philipp Müller (vorne links) und sein Porsche-Rennteam im Jahr 1992.
Philipp Müller auf der Rennstrecke.
Philipp Müller auf der Rennstrecke.
Philipp Müller auf der Rennstrecke.
Philipp Müller auf der Rennstrecke.

Philipp Müller: Politiker und Rennfahrer

zvg

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