Herr Müller, ist die FDP heute so liberal, dass sie einen Präsidenten akzeptiert, der Nicht-Akademiker und einfacher Soldat ist?

Philipp Müller: Ja. Und als Soldat bin ich nach Amerika abgehauen.

Sie sind ein Fahnenflüchtiger?

Nein, sicher nicht. Ich wollte im Militär nicht weitermachen, also ging ich ins Ausland.

Aber hinter der Armee stehen Sie?

Ja, die brauchen wir.

Das klingt gar nicht überzeugt.

Wir brauchen entweder eine effiziente Armee oder gar keine. Eine Armee ist eine Logistikaufgabe, und das ist weiss Gott nicht die schwierigste aller politischen Aufgaben.

Sie schiessen gerne?

Ich war im Jungschützenkurs und merkte, dass ich gut treffe. Ich kam in die Jugendförderung. In Amerika lernte ich, wie man sehr schnell die Pistole aus dem Hosensack zieht.

Lucky Luke! Ziehen Sie schneller als Ihr eigener Schatten?

Schneller als alle andern. Wenn ich einen Fünfliber auf den Handrücken lege, in sechs Meter Distanz einen Ballon aufstelle, die Hand mit dem Fünfliber zurückziehe, um die Pistole zu zücken, dann ist der Ballon kaputt, bevor der Fünfliber den Boden berührt. Das sind 2,5 Zehntelsekunden Aktionszeit. Ein gesunder junger Mensch hat mindestens 3 Zehntelsekunden Reaktionszeit.

Sie passen einfach nicht ins Bild eines FDP-Präsidenten.

Ich habe zwei Qualitäten: Autofahren und Schiessen. Da muss die FDP selber wählen, ob sie damit etwas anzufangen vermag. (lacht)

Als FDP-Präsident werden Sie für Ihre Hobbys keine Zeit mehr haben.

Ich geh ab und zu in den Schiesskeller, ich habe noch nichts verlernt. Und bis vor zwei Jahren war ich noch auf den Rennstrecken als Instruktor unterwegs, die Jungen beissen sich noch immer die Zähne an mir aus.

Pflegen Sie andere Hobbys?

Mein Hobby ist der Hometrainer. Da kann man draufstehen und zappeln, das ist ein super mentales Erlebnis.

Dafür stehen Sie früher auf?

Nein. Das mache ich nie am Morgen. Dann ertrage ich dieses Gerät nicht. Normalerweise stehe ich sowieso erst um acht oder halb neun auf.

Ein Morgenmuffel?

Es kommt noch übler: Wenn ich aufgestanden bin, gehe ich als Erstes ins Handwerker-Kafi und blödele mit meinen Kollegen herum. Ich lese die az und schaue im «Blick», ob es was Neues in der Formel 1 gibt.

Wie viel Schlaf brauchen Sie?

Ich schlafe im Schnitt acht Stunden, arbeite aber auch mal die Nacht durch, wenn sich das Papier auf dem Schreibtisch häuft. Und wenn Botschafter Peter Maurer sagt, er lebe mit vier Stunden Schlaf, kann ich das kaum glauben.

Sie sind kein Chrampfer?

Nein. Ich passe nicht ins Klischee, tut mir leid. Aber ich nehme eines für mich in Anspruch: Ich arbeite sehr effizient. Im Büro «klöpft» es dann und ich fluche. Aber so kann ich Dampf ablassen. Dem Crosstrainer gebe ich Saures, dass es die Knebel krümmt.

Bevor Sie ein heikles Statement abgeben müssen, reagieren Sie sich zuvor auf der Maschine ab?

Ich glaube, bei politisch nicht ganz korrekten Sprüchen passieren immer Fehler. Aber es gibt Themen, die heikel sind, die es schlicht nicht verträgt. Zum Beispiel Nazi-Vergleiche oder über Ausländer lästern.

Das sagen Sie als Vater der 18-Prozent-Initiative?

Mir wurde nach der Initiative zugestanden, dass ich nie ausfällig wurde gegenüber Ausländern. Ich bin mit ihnen aufgewachsen: Meine Mutter hütete gegen 40 Italienerkinder.

Sie sind für Ihre flotten Sprüche bekannt...

...oder gefürchtet!

Wie beugen Sie der Gefahr vor, dass Sie reinschiessen und die Aussage wieder zurücknehmen müssen?

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen lustigen Sprüchen und Sprüchen auf Kosten einer Person oder über ein heikles Thema. Dafür habe ich ein Sensorium.

Woher haben Sie dieses Sensorium?

Das lernt man mit drei Töchtern – ich lebte in einem Matriarchat mit vier Frauen. Das stählt.

Als Parteipräsident müssen Sie ausgleichen und können nicht einfach auf den Tisch klopfen. Sind Sie ein guter Moderator?

Ich bin primär der Botschafter unserer Partei. Wir müssen den Leuten beibringen: Wir sind wie ihr. Bei uns gibt es Grosse, Kleine, Dicke, Dünne, Dumme, Gescheite. Und auch wir haben es gerne lustig.

Mit Temperament wollen Sie das Image der elitären Partei ablegen?

An Anlässen müssen wir zeigen: Es macht mir nichts aus, ins Auto zu sitzen und eine Stunde durch die Pampa zu fahren, um an einer Veranstaltung teilzunehmen. Wenn Politiker sagen, sie opferten sich für Volk und Vaterland, ist das doch lächerlich.

In Anbetracht des schwindenden Wähleranteils war keiner der letzten FDP-Präsidenten erfolgreich. Was spricht dafür, dass es bei Ihnen anders wird?

Fulvio Pelli hat eine Basis gelegt, auf der ich gut weiterarbeiten kann. Wir haben eine KMU-freundliche Politik gemacht, wir haben uns vom Finanzplatz emanzipiert. Die Klischees, wir seien vom Paradeplatz gesteuert, von Banken finanziert, haben wir mit der «Too big to fail»-Vorlage widerlegt. Das Problem ist: Die Wahrnehmung der Leute entspricht nicht unserer Politik.

Wieso wird denn die Politik der FDP vom Wähler nicht honoriert?

Es wäre falsch zu sagen, es liege an den Leuten. Es liegt an uns, unser Produkt gut zu verkaufen. Wir müssen im Auftritt authentischer werden. Denn die Politik, die wir gemacht haben, war gut.

Aber Sie haben schlecht verkauft?

Wir müssen herausfinden, wieso wir bei der Wählerschaft nicht so ankommen, wie wir sind.

Wenn Sie sagen, Sie seien liberal und KMU-freundlich, bleibt das für den Wähler wenig konkret.

Gut. Liberal ist ein ausgelutschter Begriff. Darum ist es wichtig, dass wir uns anders erklären. Bei uns geht es auch um die Freiheit.

Was heisst das?

Das mag banal klingen. Aber an jedem Tag wird die Freiheit der Schweizer ein wenig beschnitten. Nur merken sie es nicht. Sobald ein Problem auftaucht, wird ein Gesetz erlassen. Wir müssen uns gegen solche Auswüchse wehren.

Die Probleme bei der Bürokratie-Stopp-Initiative sind beispielhaft: Das FDP-Wahlkampf-Thema interessiert offenbar niemanden.

Bürokratie – das höre ich täglich in den KMU – beschäftigt die Menschen. Die Formulare, die man ständig ausfüllen muss. Auch ich muss für alle möglichen Häuser angeben, wie viele Wohnungen besetzt sind, obwohl die Informationen eigentlich in den Gemeinden zugänglich sind.

Hat die Schweiz keine dringlicheren Probleme?

Natürlich hat sie auch andere Probleme, die gelöst werden müssen. Aber ich will einen Staat, der aussieht wie ich: schlank und fit, nicht übergewichtig oder mit Anabolika aufgeblasen. Dafür steht die FDP.

Können Sie sich eine Fusion mit anderen Mitte-Parteien vorstellen?

Es scheitert ja schon in der Zusammenarbeit. Wir suchen nach Mehrheiten in Sachgeschäften, und die wechseln. Bei Landwirtschaftssubventionen spannen wir normalerweise mit links und grün zusammen. Bei finanz- und ordnungspolitischen Geschäften in der Regel mit der SVP.

Und darum macht eine Fusion keinen Sinn?

Eine Fusion ist etwas anderes. Das heisst, man schluckt eine Partei.

Und das wollen Sie nicht?

Wenn sich eine bürgerliche Partei anschliessen will, reden wir darüber.

Wagen Sie den Schritt nicht selbst?

Nein, das gehört sich nicht. Gerade die neuen Parteien haben sich selbst erfunden und entwickelt.

Wie nahe sind Sie der SVP?

Wir vertreten das, wovon wir überzeugt sind und im Gesamtinteresse der Schweiz liegt. Damit grenzen wir uns nicht von Parteien, sondern von einer anderen Politik ab. Ich will nur eines: unsere Idee einer politischen Vorlage umsetzen. Dafür holen wir uns die Partner, die wir für eine Mehrheit brauchen.

In Sachgeschäften können Sie vielleicht Mehrheiten bilden. Aber der zweite FDP-Bundesratssitz wackelt.

In vier Jahren muss ein Wahlsieg her. Wir können es uns nicht leisten, mehr zu verlieren.