Medikamentenpreise

Pharma-Branche schlägt eine Geld-zurück-Garantie für teure Krebs-Medis vor

Krankenkassen sollen teure Krebstherapien nur dann bezahlen, wenn diese auch Wirkung zeigen. Mit diesem Vorschlag will die Pharma-Branche die Gesundheitskosten abfedern. Doch die Skepsis ist gross.

Eine Krebsdiagnose wiegt schwer. Doch dank dem medizinischen Fortschritt kann heute ein Krebspatient sein Leben um ein paar Jahre verlängern. Möglich macht das die Pharmaindustrie, die laufend neue Wirkstoffe im Bereich der Onkologie entwickelt. Der Haken: Die Medikamente sind teuer. Eine Therapie kann über die Jahre hinweg mehrere zehntausend Franken kosten. Und diese Kosten belasten das bereits teure Gesundheitswesen zusätzlich. Es stellt sich nun die Frage, ob die Gesellschaft solche Therapien über höhere Kassenprämien finanzieren kann, soll oder dazu gar ethisch verpflichtet ist.

Pharma mit Versuchsballon

Weil für gewisse Bürger die Prämienlast die Schmerzgrenze erreicht hat, wird auf politischer Ebene an neuen Bezahlmodellen getüftelt. Ein Konzept, das Versicherte, Pharma, Ärzte und Spitäler überzeugt, konnte bisher aber nicht vorgelegt werden. Nun warteten gestern die Chefs der beiden Schweizer Pharma-Riesen mit neuen Ideen auf und starteten einen Versuchsballon: Roche-CEO Severin Schwan sprach in der «Nordwestschweiz» von «einer Art Geld-zurück-Garantie» für teure Krebsmedikamente. Im «Tages Anzeiger» schlug Novartis-Präsident Jörg Reinhardt folgendes Modell vor: «Wir bezahlen nicht mehr pro einzelne Massnahme, sondern dafür, dass sich der Patient besser fühlt. Wenn er sich nicht besser fühlt, zahlt man nicht.» Im Jargon wird das von den beiden Herren propagierte Konzept «Pay for Performance» genannt. Der Patient, beziehungsweise dessen Krankenversicherer bezahlt dann, wenn die Therapie wirkt.

Wer definiert die Wirksamkeit?

Die ersten Reaktionen fallen durchzogen aus. Andreas Schiesser, Medikamentenexperte des Krankenkassenverbandes Santésuisse, findet den Vorschlag «interessant». Weil die Pharmafirma das finanzielle Risiko einer Therapie übernehme, stehe das Ziel im Vordergrund, den Nutzen eines Medikaments zu steigern. Schiesser betont allerdings, dass er sich mit dem Konzept noch nicht eingehend auseinandergesetzt habe.

Der Versicherer Helsana, der dem Konkurrenzverband Curafutura angehört, beurteilt den Vorschlag der Pharma skeptischer. Martina Weiss, die bei Helsana für die Kooperationen mit der Pharmaindustrie verantwortlich ist und derzeit auch an Massnahmen zur Kostensenkung arbeitet, formuliert es vorsichtig: «Ob es sinnvoll ist, Pay for Performance flächendeckend in der Onkologie anzuwenden, bezweifle ich», sagt Weiss, und liefert den Grund gleich nach: «Es ist für uns Krankenversicherer ein sehr grosser administrativer Aufwand, Geld wieder zurückzufordern, wenn eine Therapie nicht gewirkt hat.» Abgesehen davon stellt sich die Frage der Definition, wann ein Medikament wirkt. Wer definiert das? Hängt es von der Lebensdauer des Patienten ab? Oder dessen Lebensqualität?

Sinken Kosten tatsächlich?

Martina Weiss verweist ausserdem auf Probleme mit dem Datenschutz und auf die Erfahrung anderer Länder, wo das Konzept «mehr oder weniger erfolgreich» ausprobiert wurde. Der Grossteil der Einsparungen habe dort wegen administrativen Zusatzkosten nicht realisiert werden können. Deshalb schlägt sie vor: «Man könnte das Konzept auf den Kopf stellen, indem die Krankenversicherer erst dann bezahlen, wenn die Therapie wirkt. Das wäre auf jeden Fall einfacher.»

Bundesrat hat das letzte Wort

Nicht über alle Zweifel erhaben ist schliesslich auch die Motivation der Pharma. Laut Weiss können die Firmen mit Pay-for-Performance-Ansätzen an den hohen Medikamentenpreisen festhalten. «Das ist der Anreiz.» Der Erfolg des neuen Bezahlmodells steht und fällt indes nicht nur damit, ob sich Versicherer, Pharma, Ärzte und Spitäler einigen können, sondern ob der Bundesrat mitspielt. Erst vor einem Monat verabschiedete dieser ein neues Konzept zur Festsetzung der Medikamentenpreise. Die Umsetzung folgt im kommenden Monat. Dass sich das Bundesamt für Gesundheit bereits wieder offen zeigt, neue Vorschläge zu diskutieren, ist zumindest zu bezweifeln. Denn die beteiligten Branchen haben mehrere Jahre um ein neues System der Preisfestlegung gerungen – und sind am Ende doch mehr oder weniger beim Alten geblieben.

Und trotz all den Hürden, die noch kommen mögen: Eine klare Absage erhielt die von Schwan und Reinhardt lancierte Idee bis gestern Abend nicht.

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