Halt in Krisenzeiten

Pfarrerin Sibylle Forrer: «Fragen Sie sich: Wofür bin ich dankbar?»

«Was können wir für die Menschen tun?» – Pfarrerin Sibylle Forrer.

«Was können wir für die Menschen tun?» – Pfarrerin Sibylle Forrer.

Sibylle Forrer sieht täglich, wie viel Sinn und Halt die Menschen in Krisenzeiten suchen. Sie rät auch Atheisten, zu beten.

Was fordert die Menschen in diesen Zeiten am stärksten heraus?

Sibylle Forrer: All die Strukturen, die Menschen im Alltag hatten, fallen nun weg: Einkaufen, Menschen treffen, Besuche von Verwandten. Die Leute fühlen sich isoliert und sehnen sich nach Halt. Wir wissen alle, wie es sein kann, wenn wir mit unseren Gedanken über längere Zeit allein gelassen werden. Ängste können sich verstärken, wenn die Gedanken beginnen, zu kreisen.

Bemerken Sie eine Hinkehr zu Sinnesfragen und Glaube?

Die Suche nach Sinnhaftigkeit ist derzeit sehr stark spürbar. Wir lassen jetzt neu jeden Tag um 18 Uhr die Kirchglocken läuten, und es ist erstaunlich, wie viele positiven Rückmeldungen wir derzeit darauf bekommen. Normalerweise gibt es ja schon den einen oder anderen Glockenkritiker, aber momentan scheinen die Leute hungrig nach jeder Art von Trost. Die Welt, wie wir sie kennen, ist aus den Fugen geraten. Da können Traditionen eine Beheimatung sein und Halt geben.

Welche positiven Seiten hat diese Krise?

Die Solidarität in der Gesellschaft ist sehr gross. In den letzten Jahren grassierte jedoch eher das Motto: Individualismus über alles. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt uns die aktuelle Krise deutlich. Die individuelle Freiheit ist nur so weit da, solange wir uns alle als Teil der tragenden Gesellschaft verstehen. Das Ich gibt es immer nur im Wir. Zum Menschsein gehört die Abhängigkeit von anderen. Der Mensch ist keine Insel. Meine Hoffnung ist, dass wir nun nicht nur in der Krise, sondern auch darüber hinaus das Bewusstsein für den existenziellen Wert der Gemeinschaft schärfen.

Brauchen wir einen Mentalitätswechsel?

Das gemeinsame Klatschen für das Pflegepersonal ist wunderbar, ein symbolischer Akt, der uns das Gefühl von Zusammengehörigkeit verschafft. Noch ist es aber nur Symbolik, kein besserer Lohn oder weniger Arbeitsstunden für die systemrelevanten Berufe. Jetzt kann ich entweder pessimistisch sein und sagen: Der Mensch vergisst schnell. Oder ich sehe es positiv und denke, es werden politische Prozesse angestossen. Alle, die jetzt klatschen, müssen auch für Verbesserungen einstehen, wenn die Krise vorbei ist.

Ist die Krise nun auch eine Chance für die Kirchen, die in modernen Zeiten nicht mehr erste Anlaufstelle für den sozialen Zusammenhalt sind?

Die Leute suchen aktuell mehr denn je nach Halt. Und finden ihn auch in der Kirche. Für unser kirchliches Leben ist Corona auch eine grosse Herausforderung. Unsere Angebote leben vom unmittelbaren Kontakt, der momentan nicht möglich ist. Unser Kerngeschäft ist jedoch, zu fragen: Was können wir für die Menschen tun? Und aktuell versuchen wir, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten für die Menschen da zu sein.

Kommen Sie, jetzt ist doch die Gelegenheit, Gott ein wenig zu propagieren.

Gott muss ich nicht propagieren. Das Angebot der Kirche ist deshalb wichtig, weil sie Raum schafft, zuzuhören und den Auftrag hat, auch die Schwächeren der Gesellschaft ins Licht zu stellen, damit diese nicht vergessen werden. Darum geht es. Die Kirche sollte sich nicht als moralische Instanz aufspielen oder den Leuten billigen Trost geben wollen, das ist immer schlecht. Oder sogar so weit zu gehen und diesem Virus irgendeinen fragwürdigen Sinn zu geben oder ihn sogar als Strafe Gottes zu sehen. Das ist Blödsinn. Unsere Aufgabe ist nun, auf die Bedürfnisse der Leute zu reagieren, ihre Fragen, ihre Ängste ernstzunehmen. Und auch daran zu erinnern, dass wir darauf hoffen dürfen, dass wir alle von einer Kraft gehalten sind, die Leben schafft und Liebe ermöglicht.

Welche Leute stehen auf der Schattenseite?

Aktuell zum Beispiel die alleinerziehende Mutter in der 2-Zimmer-Wohnung, der ältere Mann, der nicht genau weiss, wie er sich mit Lebensmitteln versorgen soll und nicht weiss, wie man im Internet bestellt. Aber auch die Jugendliche, die zu Hause bleiben sollte, obwohl die Eltern zu Hause sich konstant streiten. Der Suchtkranke, der jetzt daheim bleiben muss und der in Gefahr gerät, wieder in die Sucht zurückzufallen, weil seine Strukturen wegbrechen.

Was raten Sie Atheisten in diesen schwierigen Zeiten?

Das Gleiche wie allen anderen auch: Gespräche zu führen, wenn die Stille zu laut wird. Die Stille zu suchen, wenn die Welt zu laut ist. Für mich als Pfarrerin spielt es übrigens erstmal keine Rolle, was oder ob jemand glaubt, wenn er sich hilfesuchend an mich wendet. Ich höre dann erstmal einfach zu. Und es hat auch nicht alles, was wir in der Kirche tun, einen expliziten Gottesbezug. Wir unterziehen die Menschen keiner Glaubensprüfung, bevor wir ihnen helfen.

In Ordnung. Also Mutmachen für alle. Was können die Menschen tun in diesen schwierigen Zeiten, um Trost zu finden?

Wenn Sie Hilfe brauchen, auf welche Art auch immer, oder reden wollen: Rufen Sie einfach an. Viele Kirchgemeinden haben aktuell Telefonnummern publiziert, unter denen man rasch jemanden erreicht. Und sonst: Tun Sie Dinge, die Ihnen guttun und woraus Sie Kraft schöpfen. Musik, ein Bad, ein gutes Buch, ein Handwerk. Es gibt so viele Dinge, die wir tun können. Informieren Sie sich über die aktuelle Lage beim BAG und halten Sie sich an die Bestimmungen, aber konsumieren Sie nicht unablässig News.

Und auf spiritueller Ebene?

Es kommt darauf an, ob man sich bereits eine spirituelle Praxis aufgebaut hat oder neu das Bedürfnis danach verspürt. Was man im Alltag eingeübt hat, das trägt oft auch in Ausnahmesituationen. Für diejenigen, die jetzt vielleicht neu das Bedürfnis nach Spiritualität haben, empfehle ich Texte und Lieder, die den Menschen schon seit Jahrhunderten Trost, Hoffnung und Zuversicht schenken. Menschen mussten immer wieder mit Krisen umgehen. Bei existenziellen Nöten sind wir gar nicht so anders gepolt als vor 2000 Jahren. Die menschlichen Grundbedürfnisse sind immer die gleichen. Und als Pfarrerin sage ich: Ein Gebet tut immer gut. Ein Gebet ist in Minimum ein Selbstgespräch. Im Gebet wird man sich bewusst, was einen aktuell umtreibt. Wofür bin ich dankbar? Worüber will ich klagen? Wofür will ich bitten? Das ist heilsam.

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