Zölibat
Pfarrer sind für freiwilliges Zölibat

Seit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hat die Diskussion über die Zölibatspflicht für Priester wieder an Aktualität gewonnen. Die Freiämter Pfarrer würden eine Lockerung begrüssen.

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Pfarrer

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Aargauer Zeitung

Fabian Muster

Zwei Pfarrer unterhalten sich übers Zölibat. Da sagt der eine: «Meinst du, dass wir es noch erleben, dass der Papst es aufhebt?» Sagt der andere: «Wir nicht, aber vielleicht unsere Kinder.» Ginge es nach dem Willen der Freiämter Pfarrer, würde die Pointe des Witzes schon bald Wirklichkeit werden: Alle fünf angefragten Kirchenmänner sind der Ansicht, ein freiwilliges Zölibat für Priester müsste von den Kirchenoberen in Rom geprüft werden. Sie stimmen damit mit Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln überein, der dies in der letzten Sendung «Duell Aktuell» auf Tele M1 gefordert hatte (die AZ berichtete). Werlen machte jedoch eine Einschränkung: Der Entscheid für oder gegen eine Partnerschaft müsse vor der Weihe fallen.

«Notstand wurde zum Normalzustand»

Für Pius Emmenegger, Ex-Pfarrer in Wohlen und nun Seelsorger im Reusspark in Niederwil, ist dies allerdings nur ein «fauler Kompromiss», der die Basis nicht beruhigt. Sein Vorschlag geht weiter: «Schon seit dreissig Jahren fordere ich die Priesterweihe unabhängig von Geschlecht und Zivilstand.» Das heisst: Nicht nur für verheiratete Männer, sondern auch für verheiratete Frauen sollte laut Emmenegger der Weg zum Pfarramt offen stehen. Und: «Der Entscheid zur Heirat kann ebenso nach der Weihe fallen.»

Seiner Meinung nach wurde in der Vergangenheit der «Notzustand zum Normalzustand». Emmenegger: «In vielen Pfarreien wird die Gemeinde aus Priestermangel vom Pastoralassistenten oder der Pastoralassistentin geleitet, die verheiratet sein dürfen.» Diese seien dann «praktisch Pfarrer», aber dürfen trotzdem keine Messe lesen oder die Krankensalbung vornehmen.

Einsamkeit bei Zölibat ein Problem

Auch für den Beriker Pfarrer Hans-Peter Schmidt sind Priesterinnen «eine Möglichkeit, die kommen muss». Und das Zölibat sei ihm zufolge eher eine Vorschrift fürs gemeinschaftliche Leben im Kloster, wo es nicht abgeschafft werden sollte. Sein Amtskollege Alphons Brunner aus Auw stimmt ihm zu: «Dort geht es gar nicht anders. Man stelle sich vor, ein Priester würde mit seiner ganzen Familie ins Kloster einziehen.» Nach Brunner dürften die verheirateten Priesteranwärter allerdings erst geweiht werden, wenn sie sich auch in der Ehe bewährt hätten.

Pius Emmenegger gibt zu bedenken, dass der Mönch in einer Gemeinschaft lebt, die für ihn eine Stütze darstellt. «Das vergisst man oft.» Der moderne Pfarrer hingegen sei oft auf sich allein gestellt. «Im Zölibat ist oft nicht der fehlende Sex das Problem, sondern die Einsamkeit», weiss Emmenegger.

Einen Kurswechsel in Sachen Zölibat hält auch Pfarrer Lukas Amrhyn aus Sins für angebracht. Es liege gar ein drittes Vatikanisches Konzil in der Luft, glaubt er. Dieses müsste vom Papst einberufen werden. «Da könnte weltweit über wichtige brisante Themen, unter anderem auch die Zölibatspflicht, diskutiert werden.» Das letzte Konzil von 1962 bis 1965 diente der kirchlichen Erneuerung und behandelte Fragen wie das Verhältnis der katholischen Kirche zum Staat oder zu anderen Religionen.

Für den Bremgartner Stadtpfarrer Sylwester Kwiatkowski präsentiert sich die aktuelle Situation der Pfarrer besonders zwiespältig: «Wir verdienen heute mehr als je zuvor, gleichzeitig ist unser Ruf wohl so schlecht wie noch nie.»

Feld wird frei für radikale Erneuerung

Kwiatkowski hält aber die Aufweichung des Zölibats nicht für die «Erlösung für die Kirche». Er konstatiert vielmehr eine gewisse «spirituelle Unreife» bei den angehenden Priestern, woran das Zölibat nicht schuldig sei. «Sie sollten theologisch und spirituell besser ausgebildet werden.» Nach Kwiatkowski müsste die Kirche auch zu ihrer ursprünglichen Armut zurückfinden. «Vielleicht haben die Negativschlagzeilen auch ihr Gutes», fügt er an, «dadurch wird das Feld frei für eine radikale Erneuerung.»

Was Muris Pfarrer Urs Elsener zum Zölibat denkt, bleibt sein Geheimnis. Auf Anfrage erteilte er keine Auskünfte.

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