Kirche
Pfarreien sollen Verhaltens-Codex erhalten

Sieben Verhaltensregeln sollen helfen, sexuelle Übergriffe zu vermeiden – Regel Nummer 1: «Kinder nicht zu lange anschauen». Nummer 2: «Beichten nicht mehr im Beichtstuhl, sondern in der offenen Kirche».

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Missbrauch in der Katholischen Kirche

Missbrauch in der Katholischen Kirche

Keystone

Von Claudia Marinka

Nach den öffentlich gewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche erhält das Thema Sexualität und Intimität in den Bistümern jetzt noch mehr Gewicht. «Ich bin in letzter Zeit vermehrt darauf angesprochen worden, wie man als Pfarrer oder Priester mit Nähe und Distanz umgehen soll», sagt Andreas Rellstab, Generalvikar für Graubünden und Präsident der Diözesanen Fortbildungskommission.

Darum ist er daran, eine Anleitung zu Verhaltensweisen zu erarbeiten und diese intensiver mit den Kursteilnehmenden zu besprechen. Als Mitglied des Churer Bischofrates will er die Codex-Liste allen Pfarreien im Bistum Chur zukommen lassen. «Ich werde diese mit dem Bischofsrat besprechen. Es wäre eine gute Prävention und würde der Aufklärung dienen.»

Seine Anleitung beeinhaltet folgende Punkte:

Vorsicht vor zu viel Nähe. Verhalten Sie sich der Situation angemessen. Notfalls lieber zu wenig als zu viel Körperkontakt.
- Bei persönlichen Gesprächen mit Schülern immer die Türe offenlassen.
- Keinem Schüler oder Ministranten auf die Schulter klopfen.
- Die Kleidung bei Ministranten nicht selber zurecht zupfen, sondern sie dies gegenseitig tun lassen.
- Bei Ausflügen oder Lagern alleine im Zimmer schlafen. Ausgenommen sind Berghütten oder andere Schlafsäle, wo es diese Möglichkeit nicht gibt.
- Kinder im Religionsunterricht nicht zu lange anschauen. Es kann zu Missverständnissen kommen.
- Beichten, vor allem von Kindern und Jugendlichen, nicht im Beichtstuhl abnehmen, sondern in der offenen Kirche.

Für Priester, die als Pfarrer arbeiten wollen oder für Laientheologen, die eine Gemeindeleitung übernehmen, bietet das Bistum Chur Weiterbildungen an. Die jährlich 10 bis 15 Personen müssen einen Gemeindeleiterkurs besuchen. Nach zehn und 20 Jahren sind vierwöchige Kurse sowieso verpflichtend. «Sexualität werden wir künftig noch stärker thematisieren», sagt Rellstab.

Heikle Themen wie Sex und Onanie sollen jetzt auch in der Priesterausbildung einen grösseren Stellenwert erhalten. «Wir möchten nach den öffentlich gewordenen Missbrauchsfällen das Thema Sexualität in der Aus- und Weiterbildung noch ausführlicher behandeln. Sexualität ist ein grosses Thema», sagt Pfarrer Ernst Fuchs. Als Regens (Rektor) leitet er das Priesterseminar des Bistums Chur, wo alle Priesterkandidaten aus den Bistümer Basel, Chur und St. Gallen das Einführungsjahr machen.

Jedes Jahr besuchen externe Fachleute das Seminar, um die angehenden Priester auch mit heiklen Themen zu konfrontieren. «Wenn ich von jemandem wüsste, dass er pädophile Neigungen hat, dürfte ich ihn nicht für die Priesterweihe empfehlen», sagt er. Allerdings könne man das natürlich nicht überprüfen, sondern sei darauf angewiesen, dass sich die Betroffenen selber melden, wenn sie merken, dass sie diese Neigung haben. Doch weil die angehenden Priester oftmals ein junges Alter haben, müsse man sie schon früh auf ein zölibatäres Leben vorbereiten. Fuchs: «Es kann sein, dass ein Theologiestudent nach der 6-jährigen Ausbildung mit 26 zum Priester geweiht wird. Das ist natürlich sehr jung und er muss sich intensiv mit der Enthaltsamkeit auseinandersetzen. Nicht jedem gelingt dies.»

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