Whistleblower
Peter Zeindler: «Spionage kann auch ganz einfach sein»

CIA-Agenten sollen einen Schweizer Banker alkoholisiert zum Fahren ermuntert und ihm danach die Polizei auf den Hals gesetzt haben, wie CIA-Whistleblower Edward Snowden berichtet. Spionageroman-Autor Peter Zeindler ist von diesem Vorgehen fasziniert.

Dean Fuss
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Der Zürcher Schriftsteller Peter Zeindler

Der Zürcher Schriftsteller Peter Zeindler

Keystone

Was halten Sie von den Enthüllungen des ehemaligen CIA-Agenten Edward Snowden zum Schweizer Banker?
Peter Zeindler: Das ist schon ein starker Plot. Dass solche Geschichten auch heute noch quasi auf der Strasse liegen, ist für mich als Schriftsteller schon spannend. In Zeiten des Kalten Krieges war es vor allem die Mauer, die solche Geschichten geliefert hat.

Halten Sie die Geschichte für glaubwürdig?
Das Ganze klingt zwar ziemlich trivial, aber gerade das gehört auf dem Gebiet der Spionage mit dazu. Der bekannte Spionageroman-Autor John Le Carré hat mir einmal erklärt, wie das in dieser Szene häufig zu und her geht und da gehört das Triviale sehr stark dazu.

1974: Überwachung eines russischen Dissidenten Im Jahr 1974 kam der mittlerweile verstorbene russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn in die Schweiz. Kaum angekommen klopfte eine Geheimagentin an seine Tür und brachte ihm einen Strauss Rosen und Flieder. Solschenizyn tappte in die Falle und stellte die Frau als persönliche Sekretärin an und wurde von ihr überwacht. Abgesegnet war die Operation „Pauk“ vom damaligen KGB-Chef Juri Andropow höchstpersönlich und damit von höchster Stelle.
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1998: Bundespolizei enttarnt russischen Diplomat als Spion Die Bundespolizei enttarnte im Jahr 1998 einen bei der Uno in Genf akkreditierten russischen Diplomaten als Spion. Er soll sich zusammen mit einem slowakischen Diplomaten über Pläne der Slowakei im Rahmen der Nato-Osterweiterung informiert haben. Er wurde in der Folge aus der Schweiz ausgewiesen.
1998: Fund eines KGB-Funkgerätes in Belfaux Im Dezember 1998 stossen Bundespolizisten zusammen mit Freiburger Kantonspolizisten in einem Waldstück beim Freiburger Vorort Belfaux zwei vergrabene Metallkoffer. Spezialisten des Wissenschaftlichen Forschungsdienstes der Stadtpolizei Zürich (WFD) entschärfen die mit einer Zündvorrichtung versehenen Schlösser und machen den sensationellen Fund zugänglich. Es handelt sich um einen technisch veralteten Funkempfänger und ein Sendegerät des KGB. Das Versteck hatte den Behörden ein russischer Überläufer verraten.
2012: Fall Tinner Im September 2012 verurteilt das Bundesstrafgericht Friedrich Tinner und seine beiden Söhne zu Freiheitsstrafen. Ihnen wurde vorgeworfen, ab 1998 im Netzwerk des Atomwaffen-Konstrukteurs Abdul Khan an der Urananreicherung mitgewirkt zu haben. Und auch hier hatte die CIA ihre Finger im Spiel: Sie soll die Tinners 2003 angeworben haben, worauf diese im Auftrag der CIA weiter im Netzwerk und sollen schliesslich an dessen Aufdeckung beteiligt gewesen sein.
2012: Datendieb im Nachrichtendienst Im September 2012 gab das Verteidigungsdepartement bekannt, dass ein Informatik-Spezialist des Nachrichtendienst des Bundes Daten geklaut habe. Auf mehreren Festplatten habe der Datendieb die Datenmenge im „Tera-Bereich“ nach und nach entwendet. Nach viermonatigen Ermittlungen wurde er verhaftet und das Datenmaterial sichergestellt.
2013: CIA-Whistleblower Edward Snowden Der ehemalige CIA-Agent Edward Snowden informiert die Welt über das US-Überwachungsprogramm «Prism». Gleichzeitig erklärt er, wie CIA-Agenten einen Schweizer Banker in Genf alkoholisiert zum Fahren ermuntert und ihm danach die Polizei auf den Hals gesetzt haben, um ihn in ihre Abhängigkeit zu bekommen. Das Vorgehen soll aufgegangen und der Banker zum Informanten geworden sein.

1974: Überwachung eines russischen Dissidenten Im Jahr 1974 kam der mittlerweile verstorbene russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn in die Schweiz. Kaum angekommen klopfte eine Geheimagentin an seine Tür und brachte ihm einen Strauss Rosen und Flieder. Solschenizyn tappte in die Falle und stellte die Frau als persönliche Sekretärin an und wurde von ihr überwacht. Abgesegnet war die Operation „Pauk“ vom damaligen KGB-Chef Juri Andropow höchstpersönlich und damit von höchster Stelle.

Keystone

Der Ansatz mit dem Alkohol ist nicht gerade originell.
Natürlich handelt es sich um einen sehr einfachen Trick. Ganz offensichtlich wurde das aber sehr gut geplant. So wie ich mir das vorstelle, musste ja schliesslich, nachdem man den betrunkenen Banker in seinem Auto nach Hause geschickt hat, auch die Polizei informiert werden. Die ganze Kette musste funktionieren, damit der Banker in die vom Geheimdienst gewünschte Abhängigkeitskette kam. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist das Ganze eigentlich gar nicht so unoriginell.

Dann sind also auch solch triviale Vorgänge gang und gäbe?
Das dürfte tatsächlich so sein. Allerdings müssen sich die Geheimdienste immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Jeder Trick verliert mit der Zeit ein wenig an Überraschungsmoment. Und schlussendlich geht es für den Geheimdienst immer darum, die Zielperson, im aktuellen Fall also den Banker, in eine gewisse Abhängigkeit zu bekommen.

Was sind denn die gängigen Mittel, um diese Abhängigkeit zu erreichen?
Im Wesentlichen ist das die Verführung - der Klassiker. Einerseits durch Frauen, andererseits durch Geld. Das sind die beiden gängigsten Mittel, um ein „Opfer" erpressbar zu machen. Das ist auch der Grund dafür, dass ich überhaupt Spionage-Romane schreibe. Mich hat die Figur des Spions seit jeher sehr stark interessiert. Das verdeckte Spiel ums Überleben ist etwas enorm Faszinierendes.

Könnten Sie sich vorstellen, den aktuellen Fall als Teil eines Krimis zu verarbeiten?