Interview

Peter Spuhler warnt vor SVP-Initiative: «Sie ist extrem und gefährlich für den Wirtschaftsstandort Schweiz»

Von 18 auf 10900 Mitarbeiter in 30 Jahren: Peter Spuhler kämpft dafür, dass Stadler weiterhin eine Patron- und keine Konzern-Kultur lebt.

Von 18 auf 10900 Mitarbeiter in 30 Jahren: Peter Spuhler kämpft dafür, dass Stadler weiterhin eine Patron- und keine Konzern-Kultur lebt.

Der Stadler-Patron und ehemalige SVP-Nationalrat Peter Spuhler warnt vor der Begrenzungsinitiative seiner Partei, weil sie die Bilateralen «an die Wand fahren» würde. Und er erklärt, warum er nicht nur im Osten, sondern auch im Hochlohnland Schweiz neue Stellen schafft.

Viele Journalisten und Finanzanalysten tummeln sich am Stadler-Hauptsitz in Bussnang TG, als der Jahresabschluss präsentiert wird. Seit die Firma vor einem Jahr an die Börse ging, ist das Interesse am aufstrebenden Bahnbauer noch grösser geworden. Der Aktienkurs fällt trotz starken Umsatzwachstums. Als Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler die «Schweiz am Wochenende» zum Interview empfängt, ist er dennoch gut gelaunt: Kurzfristige Kursbewegungen interessierten ihn nicht.

Während andere Firmen Stellen abbauen, ist Stadler damit beschäftigt, einen massiven Ausbau zu bewältigen. 2044 Vollzeitstellen sind allein letztes Jahr dazugekommen. Wie gehen Sie mit diesem Luxusproblem um?

Peter Spuhler: Wenn wir einen Auftrag bekommen, brauchen wir für das Engineering und den Einkauf der Komponenten ein bis zwei Jahre, bis wir mit der Produktion starten können. Dadurch haben wir einen langfristigen Planungshorizont und können entsprechend Mitarbeiter aufbauen.

Stadler zählt nun 10'900 Stellen. Geht das Job-Wachstum dieses Jahr so rasant weiter?

Wir werden weiter wachsen, aber etwas langsamer. Wir haben gelernt, mit Wachstumsschüben umzugehen. Von 2011 auf 2012 hatten wir schon einmal eine Umsatzverdoppelung.

Als Sie Stadler vor 30 Jahren übernahmen, hatte die Firma nur gerade 18 Mitarbeiter. Sie führten immer als Patron und legten Wert auf diese Kultur. Wie verhindern Sie, dass Stadler nun zu einem anonymen, bürokratischen Konzern wird?

Es kommt immer auf die Menschen an. Wir versuchen, drei Viertel der Kaderstellen mit Internen zu besetzen. So können wir unsere DNA weitergeben über alle Stufen hinweg – und den Charakter des Unternehmens erhalten. Dass wir gleichzeitig auch gute Leute von aussen holen, ist ebenfalls wichtig. Die gute Mischung macht es aus.

Das grösste Wachstum findet in Tieflohnländern statt. Was heisst das für die Schweiz?

Wir bauen auch hier aus. Mit 3900 Mitarbeitern ist die Schweiz nach wie vor die grösste Division, und rund die Hälfte ihrer Produktionsleistung geht in den Export. Doch für uns ist Kundennähe wichtig, darum haben wir beispielsweise in Weissrussland, wo wir grosse Aufträge bekamen, stark expandiert.

Peter Spuhler mit der damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard, die nun Stadler-Verwaltungsrätin wird, und SBB-Chef Andreas Meyer beim Rollout des neuen Hochgeschwindigkeitszuges «Giruno».

Peter Spuhler mit der damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard, die nun Stadler-Verwaltungsrätin wird, und SBB-Chef Andreas Meyer beim Rollout des neuen Hochgeschwindigkeitszuges «Giruno».

Bussnang bleibt der Hauptstandort, aber auch in St.Margrethen beschäftigen Sie mittlerweile über 1000 Mitarbeiter.

Dort gehen wir auf 1300 Stellen rauf. Am alten Standort Altenrhein waren es noch knapp unter 1000. Wir haben 86 Millionen Franken in das neue Werk investiert. Ein klares Bekenntnis zum Werkplatz Schweiz!

Warum haben Sie Altenrhein nicht einfach geschlossen und die Jobs nach Osteuropa verlagert?

Unsere Strategie ist, die richtige Ba­lance zwischen Hochlohn- und Tieflohnländern zu finden. Sie liegt bei etwa 60 zu 40 Prozent. Die Schweiz mit ihrem Know-how und der Technologie ist und bleibt wichtig – das beweisen wir mit unseren Investitionen. Wir kommen aber nicht darum herum, auch im Osten zu produzieren, sonst wären wir bei Ausschreibungen in vielen Ländern schlicht nicht wettbewerbsfähig. Denn dort geht es nur um den Preis.

Die Aktienmärkte sehen lieber Kostensenkungen als Job-Ausbau. Ist der Börsengang ein Nachteil?

Nein. Es ist ein Irrtum, zu glauben, unser Unternehmen würde seit dem Börsengang anders funktionieren. Unser Ziel bleibt, die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Umfeld zu stärken und so langfristig zu bestehen. Bei uns hat kein kurzfristiges Denken eingesetzt!

Trotz Quartalsberichten und des Schielens auf den Aktienkurs?

Es wäre blödsinnig, dauernd auf den Kurs zu schauen. Unser Ziel ist es, die besten Schienenfahrzeuge zu bauen. Gelingt uns das, resultiert automatisch Wachstum und somit auch eine Erhöhung des Unternehmenswertes.

Stadler wächst und wächst – und ist doch ein Zwerg im Vergleich zum geplanten Zusammenschluss Alstom/Bombardier. Macht Ihnen diese Fusion Angst?

Grösse ist in unserer Branche per se kein strategischer Vorteil. Wir sind im Projekt- und nicht im Produktgeschäft tätig und haben beschränkte Möglichkeiten, Skaleneffekte zu erzielen. Das wäre anders, wenn wir Autos bauen würden: Da müssten wir so viele Autos wie möglich produzieren können. Im Bahnbau ist das anders. Wir haben weltweit über 1900 Flirt-Züge verkauft, und bei jedem Auftrag müssen wir diese Fahrzeuge länder- und kundenspezifisch anpassen. Darum macht mir diese Fusion überhaupt keine Angst.

Wenn nicht die Grösse zählt, was dann?

Die Technologie, die Agilität, schnell auf spezifische Kundenbedürfnisse einzugehen: Das alles ist viel wichtiger.

Finden Sie in der Schweiz genügend Fachkräfte, um die vielen Aufträge zu bewältigen?

Das ist nicht einfach. Doch selbst in Osteuropa wird es schwieriger. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. In Polen und Ungarn haben wir deshalb jährliche Lohnsteigerungen von 10 Prozent. Das macht es schwierig für die Unternehmen, hat jedoch etwas Beruhigendes für uns Westeuropäer. Die Job-Verlagerungen von West nach Ost führten dazu, dass dort die Produktion teurer wird. Ich kenne viele Unternehmer, die darum ihre Aktivitäten teilweise wieder zurück in die Schweiz oder nach Deutschland holen.

Trotzdem bleiben die Lohn-Unterschiede beträchtlich.

Ja, aber die Differenz verringert sich deutlich. Auch gegenüber China. Ich sehe das bei Rieter: Die Löhne steigen in China um über 10 Prozent. Die Nivellierung kommt automatisch. Wenn es uns gelingt, in der Schweiz die Technologieführerschaft zu behaupten und wir die Kosten im Griff haben, dann werden wir auch zukünftig wettbewerbsfähig sein.

Wie wichtig ist für Stadler die Personenfreizügigkeit, um offene Stellen zu besetzen?

Sie ist wichtig, aber lassen Sie mich zuerst etwas Grundsätzliches sagen: Wir müssen die Befürchtungen der Globalisierungsverlierer ernst nehmen. Es ist nicht nachhaltig, wenn die Schweizer Bevölkerung jedes Jahr durch Zuwanderung um 1 Prozent oder 80'000 Personen wächst. Das müssen wir lösen.

Die SVP sieht die Lösung in der Begrenzungs-Initiative, die ohne Deal mit der EU innert 12 Monaten zur Kündigung der Freizügigkeit führen würde.

Die Initiative ist ein Frontalangriff nicht nur auf die Personenfreizügigkeit, sondern auf die Bilateralen insgesamt.

Wegen der Guillotine-Klausel?

Ja, denn fällt die Freizügigkeit weg, sind die ganzen Bilateralen I in Gefahr. Darum erachte ich diese Initiative als ex­trem. Sie ist gefährlich für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Für mich ist nicht nachvollziehbar, warum die SVP auf diese Initiative setzt. Als Unternehmer muss und werde ich mich dagegen engagieren.

Die Initiative verlangt doch vor allem, dass Bern mit Brüssel über eine Ausserkraftsetzung der Freizügigkeit verhandelt. Ist das so extrem?

Verhandeln ist schon gut, aber das Problem ist, dass gemäss Initiativtext dafür nur 12 Monate zur Verfügung stehen – und ohne Ergebnis das Abkommen gekündigt werden muss. Jeder weiss, dass 12 Monate nie und nimmer reichen. Der Brexit lässt grüssen.

Glauben Sie, die Initiative hat Chancen?

Ich hoffe auf ein klares Nein der Bevölkerung – sodass wir den Königsweg der Bilateralen weitergehen können. Für die Exportwirtschaft ist er zentral. Zugleich sage ich klar: Wir müssen das Problem der übermässigen Zuwanderung lösen. Aber bitte nicht auf extreme Art.

Wie sonst?

Als ich lange Zeit vor der Lancierung der Begrenzungs-Initiative vom Generalsekretariat der SVP zu diesem Thema angefragt wurde, habe ich folgenden Vorschlag gemacht: Die Schweiz sollte unter gewissen Prämissen wie der Höhe der Arbeitslosigkeit oder negativem Wirtschaftswachstum einseitig Kontingente beschliessen. Mir ist bewusst, dass die EU aufheulen würde. Einen Rauswurf der Schweiz hätte die EU aber einstimmig beschliessen müssen, und dies hätte aus meiner Lagebeurteilung heraus nie stattgefunden. Wir Schweizer müssen wieder mutiger und eine Prise frecher werden.

Der SVP gehen solche Ideen zu wenig weit.

Also lieber die Bilateralen an die Wand fahren? Da verstehe ich die Welt nicht mehr. Die Bilateralen sind dazu da, den EU-Beitritt zu verhindern. Dieses Ziel muss zuoberst stehen: Unabhängig bleiben. Das geht nur mit einem geregelten Verhältnis zu unserem wichtigsten Handelspartner.

Wenn die Begrenzungs-Initiative abgelehnt wird: Braucht es dann das Rahmenabkommen?

Nein. Das Wichtigste ist Rechtssicherheit mit der EU. Die Bilateralen I und II stellen diese sicher. Darüber hinaus werden wir einen Mechanismus entwickeln müssen, um mit rechtlichen Änderungen seitens der EU umzugehen. Diese Änderungen einfach automatisch zu übernehmen – das kann nicht sein. Wir müssen immer Ja oder Nein sagen können.

Wo liegt das Problem beim Rahmenabkommen?

Nicht nur bei den viel diskutierten drei Knacknüssen Lohnschutz, Unionsbürgerrichtlinie und staatliche Beihilfen. Sondern eben auch bei der Gerichtsbarkeit. Das wird oft vergessen und total unterschätzt. Lassen wir die Schiedsgerichts-Klausel im Rahmenabkommen drin, ist in einer Abstimmung ein Volks-Nein sehr wahrscheinlich.

Sie waren 1999 bis 2012 SVP-Nationalrat, liebäugelten später mit einem Comeback als Ständerat, entschieden sich aber dagegen. Wenn man Sie jetzt hört: Sie sind noch immer Politiker!

Ich habe gern Politik gemacht. Der Abschied fiel mir schwer. Aber Ständerat – das wäre zu intensiv. Ich musste dem Unternehmen den Vorrang geben. Wahrscheinlich braucht es mich hier noch ein bisschen (lacht).

Auch die SVP könnte eine starke Figur brauchen – sie wirkt zurzeit orientierungs- und führungslos.

Ich kann da leider nicht widersprechen.

Was läuft falsch?

Es war aus meiner Sicht unglücklich, wie Parteipräsident Albert Rösti in den Senkel gestellt wurde. Natürlich verlor die SVP die Wahlen, aber bevor man Albert Rösti hinauskatapultiert, hätte es eine seriöse Analyse gebraucht. So schlecht schnitt die SVP nämlich gar nicht ab.

Sie verlor fast 4 Prozentpunkte.

Ja das stimmt. Jetzt sind wir wieder auf dem Niveau von 2011. Man muss aber berücksichtigen, dass wir 2015 29,4 Prozent erzielt haben und acht Restmandate noch hinzukamen. Auch die Themenkonjunktur hat dieses Mal gegen uns gespielt: 2015 war Flüchtlingskrise, jetzt 2019 war die globale Erwärmung das grosse Thema. Auch die Absetzung des Zürcher Präsidenten Konrad Langhart war aus meiner Sicht ungeschickt und hat sicher viele Zürcher Bauern veranlasst, am Wahlsonntag zu Hause zu bleiben.

Alfred Heer ist der einzige offizielle Kandidat als Rösti-Nachfolger.

Heer wäre ein guter Präsident. Dass er es kann, hat er in Zürich bewiesen.

Neben der Europapolitik ist der Schweizer Franken für die Exportindustrie ein Dauerbrenner. Wegen der Corona-Krise ist er stärker geworden. Wie gefährlich ist das?

Seit November 2011, als sich der Franken zum Euro erstmals schockartig aufwertete, sind wir in einem Modus des dauernden Optimierens, Absicherns und Kostensenkens. Die Exportindus­trie hat sich ein Stück weit daran gewöhnt. Was Stadler betrifft, so wird die Euro-Schwäche dadurch gemildert, dass wir nicht nur Erträge, sondern auch Kosten in Euro-Ländern haben. Anders sieht es in Norwegen und Schweden aus. Beide Länder haben keinen Euro und wir keine Fabriken vor Ort, um ein Natural Hedging zu betreiben. Deshalb stehen wir in diesen ­Ländern unter einem massiven Preisdruck.

Rechnen Sie wegen des Corona- Virus mit einer Rezession?

Wenn ich das wüsste! Wir waren schon vor dem Virus in einem geopolitisch schwierigen Umfeld unterwegs – mit dem Handelskonflikt USA-China, den Tiefzinsen und der Währungssituation. Solange in den USA der Wahlkampf läuft, wird Donald Trump wohl alles tun, um eine Rezession abzuwenden: Die Märkte mit Geld fluten und Druck auf die Zinsen machen.

Was heisst das für Europa?

Die Europäische Zentralbank wird wohl nachziehen und die Zinsen senken müssen – zum Leidwesen der Schweizer Nationalbank, die bereits stark negative Zinsen hat. Spannend wird es, wenn die US-Wahlen vorbei sind und Trump wiedergewählt wird. Irgendwann könnte es auf den Märkten – sei es an den Börsen oder bei den Immobilien – zum Knall kommen, denn die Spielräume sind ausgereizt.

Sollte die Nationalbank die Negativzinsen verschärfen, um die Aufwertung des Frankens zu stoppen?

Als Exportunternehmer wäre mir das recht, aber ich sehe natürlich auch die negativen Einflüsse auf die Pensionskassen: Mit den Negativzinsen wird die junge Generation enteignet. Unsere Währungspolitik steht in einem schwierigen Dilemma. Sie hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich möchte meinen Job nicht mit jenem von Nationalbank-Präsident Thomas Jordan tauschen.

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