Der überraschende Anruf erreicht Peter Bürcher Anfang Mai in Israel. Am anderen Ende des Hörers spricht Kardinal Marc Ouellet. Der Präfekt der Bischofskongregation, auch «Bischofsmacher» genannt, fragt ihn, ob er bereit sei, dem Papst einen wichtigen Dienst zu leisten. Wenige Tage später besteigt der 73-jährige Bürcher das Flugzeug in Jerusalem. Am 11. Mai empfängt ihn der Papst in Rom zur Privataudienz. Das Gespräch dauert bloss eine Viertelstunde. Danach ist Bürcher Apostolischer Administrator des Bistums Chur, eine Art Übergangsbischof, ein Temporärnachfolger von Vitus Huonder.

Bürcher sehnte sich eigentlich nach Ruhe. Er hegte Bedenken wegen seiner Gesundheit und seines Alters. Doch wenn der Heilige Vater ruft, da wischt er sie weg und sagt «d’accordo», «einverstanden, ich stehe zur Verfügung» – zumal ihm Franziskus versichert, sein Mandat daure nur wenige Monate. Für die neue Herausforderung vertraut Bürcher auf Gottes Hilfe, wie damals als 12-jähriger Bub, als er beschloss, Priester zu werden, denn: «Wenn Gott eine Aufgabe gibt, dann schenkt er uns auch die Mittel, sie zu erfüllen.»

Als Pfadfinder im Nationalpark

Zum Bistum Chur gehören 700'000 Katholiken in den Kantonen Graubünden, Zürich, Glarus, Uri, Nid- und Obwalden sowie Schwyz. Bürcher findet eine schwierige Ausgangslage vor. Mit seiner ultrakonservativen Haltung vergraulte Vitus Huonder viele Gläubige. Es öffneten sich Gräben zwischen Reformkatholiken und Bewahrern, regelmässig lieferten sich die beiden Lager Duelle in den Medien. In ersten Reaktionen zeigten sich Huonders Gegner zufrieden über Bürchers Ernennung. Man traut es ihm zu, Brücken zu schlagen. Wunder könne er keine vollbringen, sagt Bürcher. Er wolle aber die Einheit im Bistum stärken. Bürcher kann das unvoreingenommen tun. Er hat die Querelen im Bistum Chur in den letzten Jahren nicht hautnah miterlebt, kann vorurteilsfrei ans Werk gehen. Bürcher hält es für möglich, dass er gerade aus diesem Grund zum Apostolischen Administrator ernannt wurde.

Wer ist der Mann, den der Papst im fortgeschrittenen Alter quasi als Feuerwehrmann ins Bistum Chur beordert? Bürcher wuchs in der Oberwalliser Gemeinde Fieschertal auf. Als er 7-jährig war, zog seine Familie nach Nyon in den Kanton Waadt. In der Schule verstand er kein Wort Französisch, und sein Lehrer sprach kein Wort Deutsch. Kein Wunder, musste der kleine Peter die erste Klasse wiederholen. Dann erwies er sich als guter Schüler: Gymnasium in Genf, Matura in Einsiedeln, Theologiestudium an der Universität Freiburg. Mit 26 Jahren wurde er zum Priester geweiht.

Es hätte auch anders kommen können. Bürcher wollte erst Lokomotivführer, dann Pilot und Arzt werden. Als Ministrant erlebte er mit, «wie toll der Priester die heilige Messe zelebrierte». Diesem Vorbild folgte er.

Während seiner Gymnasialzeit fand er auch Gefallen an weltlichen Aktivitäten. Er spielte gerne Fuss-, Volley- und Basketball, schnallte sich im Winter die Ski an und kühlte sich im Sommer im Genfersee ab. Als Pfadfinder besuchte er zum ersten Mal in seinem Leben den Kanton Graubünden. Die Wanderung durch den Nationalpark verlief nicht ganz nach Wunsch: «Wir haben kein einziges Tier gesehen.»

Anfang 1994 wurde Bürcher von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg ernannt. Nach der Jahrtausendwende kam es zu internen Spannungen. Manche Beobachter interpretierten Bürchers Berufung als Bischof von Island im Jahr 2007 als Strafversetzung. Er selber beurteilt das ganz anders. «Ich habe in Island viel Neues gelernt und meinen Horizont erweitert.» Bürcher war der Oberhirte von bloss rund 13  000 Katholiken auf der Insel mit dem garstigen, kühlen Wetter, auf der die Polizei die Strassen manchmal sperrt, weil der Wind die Autos sonst von der Strasse wegblasen würde. Bürcher zelebrierte die heilige Messe auf Isländisch, aber auch auf Englisch und in anderen Fremdsprachen. Die meisten Katholiken sind Einwanderer aus Polen, Litauen und den Philippinen. Im Gegensatz zu hiesigen Gefilden sind die Kirchen gut gefüllt, und erst noch von vornehmlich jüngeren Menschen. Bürcher staunte über die Zähigkeit der Gottesbesucher. «Manchmal hatte es in der Kirche keinen Platz mehr. Die Gläubigen wohnten der Heiligen Messe vor der Tür auch bei heftigsten Schneetreiben bei.» Bürcher gefiel das Alltagsleben in Reykjavík.

Das Klima nagte aber an seiner Gesundheit. Zudem brach während seines Aufenthalts dreimal ein Vulkan aus, einmal breitete sich eine giftige Gaswolke aus. Bürcher erlitt eine Lungenentzündung. Die Ärzte rieten ihm, in ein wärmeres Land zu ziehen. Im Jahr 2015 akzeptierte der Papst Bürchers Rücktritt. Fortan wirkte er während der Sommermonate als geistlicher Begleiter des Frauenklosters St. Peter in Schwyz. In den Wintermonaten lebte er in Jerusalem, wo er auch Pilgerreisen organisiert. Und jetzt also Chur, das hierzulande als Problembistum gilt. Bürcher findet sich wieder in der Rolle des Hoffnungsträgers, der einen Versöhnungsprozess einleiten soll.

Josef und 1,5 Millionen Rosenkränze

Die gesundheitlichen Probleme merkt man Bürcher nicht an. Im Gespräch mit unserer Zeitung wirkt er vital und witzig, immer wieder streut er Anekdoten ein. Und erwähnt weitere Herausforderungen, die ihm Franziskus anvertraute. Der Papst beauftragte ihn, für den Weltjugendtag in Panama vom letzten Januar 1,5 Millionen Rosenkränze herzustellen, damit die Jugendlichen für den Frieden beten. Bürcher schlug vor, den Auftrag bedürftigen Familien in Betlehem zu erteilen, sie sind Spezialisten für Arbeiten mit Olivenholz. «Avanti, avanti», beglückwünschte der Papst Bürcher zu seiner Idee. Bloss: Geld hatte dieser keines. Franziskus meinte nur: «Der heilige Josef wird euch helfen.» Also legte Bürcher, unterstützt von der Caritas Jerusalem, los. 300 Familien erhielten während eineinhalb Jahren eine Arbeit. 1,5 Millionen Dollar mussten Bürcher und seine Mitarbeiter auftreiben, damit das Projekt gelang. Die nötigen Spendengelder flossen. Der heilige Josef half.