Pflanzenschutz
Pestizide bedrohen die Existenz von Hummel und Wildbiene

Sogenannte Neonikotinoide schaden nicht nur den Honigbienen, sondern auch wild lebenden Insekten. Forscher wollen beim präventiven Einsatz der Mittel ansetzen.

Rinaldo Tibolla
Merken
Drucken
Teilen
Auch Wildbienen, die wie die Honigbienen Pflanzen befruchten, gehören zu den Pestizid-OpfernGaetan Bally/Keystone

Auch Wildbienen, die wie die Honigbienen Pflanzen befruchten, gehören zu den Pestizid-OpfernGaetan Bally/Keystone

KEYSTONE

Die Schlussfolgerungen, welche Professor Peter Neumann vom Institut für Bienengesundheit an der Universität Bern zusammen mit dem internationalen Team zu Neonikotinoiden gezogen haben, sind eindrücklich (Spritzmittel, die auf Nikotin-ähnlichen Wirkstoffen basieren): Einerseits haben diese Pflanzenschutzmittel stärkere Effekte, als die Forschung bislang vermutet hat. «Die nicht-tödlichen Effekte können unter Umständen massive Konsequenzen haben – eine geringere Fortpflanzungsrate bei Wildbienen oder eine früher Tod der Königinnen bei Honigbienen», sagt Neumann.

Andererseits hat die Studie, die kürzlich im Wissenschaftsmagazin «Natura» publiziert wurde, gezeigt, dass Massnahmen – wie das Moratorium des Einsatzes dieser Mittel abgestützt auf die Honigbienen – nicht unbedingt andere Insekten wie Wildbienen gleichermassen schützen. 2012 hat die EU ein Moratorium für Neonikotinoide erlassen, das von der Schweiz auch getragen wird. Seit Dezember 2013 dürfen also Mais- und Rapsaatgut nicht mehr mit dieser Substanz gebeizt werden. Das Verbot gilt vorerst bis Ende Jahr.

Kosten-Nutzen-Analysen anlegen

Wird das Moratorium nicht verlängert, wird es für die Honigbienen und wilden Insekten existenzbedrohend. Die Forschung will sich deshalb um Schadensbegrenzung bemühen. «Wir haben die Verantwortung dafür zu sorgen, dass die Ökosysteme – die verschiedenen wilden Insekten wie die Hummeln – künftig erhalten bleiben, gerade im Hinblick auf eine nachhaltige Landwirtschaft, auf die wir derzeit setzen», sagt Neumann. Im Fokus steht der präventive Einsatz der Pestizide. «Das gebeizte Saatgut wird auf die Felder ausgebracht, ob die Schädlinge nun da sind oder nicht. So kommen Insektizide in grossem Umfang in die Umwelt, obwohl es nicht immer angebracht erscheint», schildert Neumann. Das Forscherteam schlägt vor, dass beim Einsatz von Neonikotinoiden ökonomische und ökologische Aspekte für jede Nutzpflanze gegeneinander abgewogen werden. So kann es bei Raps vielleicht sinnvoll sein, beim Mais aber nicht. «Ein Verbot wäre nicht zielführend. Es braucht eine Kompromisslösung», sagt Neumann. Aus Sicht der Forschung wäre wünschenswert, dass eine internationale Forschungskooperation für die verschiedenen Pflanzenarten Kosten-Nutzen-Analysen anlegt.

Politiker, die sich für das Wohl der Bienen einsetzen, fordern dagegen ein Umdenken in Sachen Neonikotinoide. «Ein generelles Verbot ist immer noch die beste Lösung», sagt Maya Graf, Biobäuerin und grüne Nationalrätin. Der Wunsch Neumanns könne – wenn überhaupt – nur eine «Übergangslösung» sein. «Wir müssen viel mehr Mittel in eine moderne Agrarforschung stecken, die mit dem Ökosystem arbeitet und als Ziel ein umfassendes Pflanzenmanagement hat, das auf chemische Giftstoffe verzichten kann», sagt Graf.

Bernhard Guhl, Aargauer BDP-Nationalrat und Präsident des Schweizer Imker-Dachverbandes, lehnt eine internationale Forschungszusammenarbeit nicht ab, welche das Ziel hat, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu senken. Aus Imker-Sicht wichtig seien aber ganzheitliche Studien. «Wir müssen mehr wissen, über die Auswirkungen von Kombinationen verschiedener Pflanzenschutzmittel auf die Bienen – die sogenannten Cocktail-Effekte.»