Wochenkommentar
«Perception is reality» – die Wahrnehmung ist die Realität

Das Postzentrum Mülligen wurde von einem vermeintlichen Giftanschlag erschüttert. 34 Personen wurden mit Vergiftungssymptomen ins Spital eingeliefert. Doch es stellt sich heraus, das weisse Pulver ist völlig harmlos.

Christian Dorer
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Evakuierung Postzentrum Mülligen

Evakuierung Postzentrum Mülligen

Keystone

Die skurrilste Geschichte dieser Woche ereignete sich am Dienstagabend in Zürich-Mülligen. Im Briefzentrum rieselt weises Pulver aus zwei Briefen. Vielleicht hochgiftig. Deshalb Alarm, Grossaufgebot von Rettungskräften, Evakuation. 34 Personen klagen über Kopfweh und Übelkeit, sie werden im Spital behandelt. Bis sich herausstellt: Fehlalarm. Das Pulver ist harmlos. Es kann weder Kopfweh noch Übelkeit verursacht haben.

34 Simulanten? Nein, sagt Professor Philipp Sarasin, der Autor des Buches «Anthrax. Bioterror als Phantasma», im az-Interview. «Es braucht die giftige Substanz gar nicht. Der Glaube daran reicht. Der Körper reagiert dann tatsächlich mit Vergiftungssymptomen.» Das Beispiel der 34 Pöstler zeigt eindrücklich auf, wie unperfekt wir Menschen sind, wie einfach unser Unterbewusstsein uns überlistet. Und das in einer Welt, die wir für nahezu perfekt halten, in der alles rational und effizient ablaufen muss, Risiken eliminiert werden, Unvorhergesehenes keinen Platz hat.

Das Technische macht laufend Fortschritte, der Mensch behält seine Irrationalitäten. Wer sich Läuse vorstellt, verspürt den Drang, sich in den Haaren zu kratzen. Wer sein Handy daheim lässt, spurt es plötzlich in der Hosentasche vibrieren. Als in Kestenholz SO im Mai jemand einen entlaufenen Panther erblickt zu haben glaubte, sahen plötzlich ständig irgendwelche Leute den Panther vorbeihuschen.
Die Konjunktur hängt zu einem wesentlichen Teil von der Psychologie ab - also davon, ob die Konsumenten optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft blicken, ob sie folglich Geld ausgeben oder horten. Darum verbreiten zum Beispiel Detailhändler immer gute Nachrichten - egal, wie schlecht das Geschäft läuft -, um ja nicht die Stimmung zu verderben. Und die Ankündigung der EZB vom Donnerstag, wenn nötig unbegrenzt Staatsanleihen angeschlagener Länder aufzukaufen, wird wohl Spekulanten stoppen.

Wie mächtig eine Person ist, hängt weniger davon ab, wie gross ihre Macht effektiv ist. Sondern davon, als wie mächtig sie eingeschätzt wird. Die nordafrikanischen Diktatoren wurden im arabischen Frühling deshalb weggeputscht, weil die Menschen ihr Ende plötzlich für möglich hielten - objektiv gesehen hatte sich an ihrem Machtapparat nichts verändert. Die Theorie des charismatischen Führers von Max Weber, einem deutschen Soziologen, besagt, dass man Charisma nicht hat, sondern dass es von den Menschen in jemanden hinein projiziert wird. Perception ist reality, besagt ein angelsächsisches Sprichwort - die Wahrnehmung ist die Realität.

Der Autor Rolf Dobelli setzt sich seit Jahren mit den Irrationalitäten des Menschen auseinander. Sein Buch «Die Kunst des klaren Denkens» steht seit Wochen an der Spitze der Bestsellerlisten. Ein besonders schönes Beispiel über die verschrobene Wahrnehmung des Menschen beschreibt er so: «Hat die Firma ein ausgezeichnetes Jahr hinter sich, begründet es der CEO mit seinen glänzenden Entscheidungen, dem unermüdlichen Einsatz des Managements und der dynamischen Unternehmenskultur, die er in Schwung hält. Hat die Firma hingegen ein schlechtes Jahr hinter sich, so ist der starke Franken schuld, die hinterlistigen Handelspraktiken der Chinesen, die miese Konsumentenstimmung.»

Was lernen wir daraus? Unser Unterbewusstsein ist stärker, als wir meinen. Unser Leben ist viel weniger steuerbar, als wir meinen. Wir kennen uns selber und unsere Reaktionen weniger gut, als wir meinen. Wir sind keine Maschinen. Aber manchmal recht sonderbare Wesen. Und das ist doch eigentlich recht beruhigend.