Vier Rollmaterialhersteller haben sich 2012 darum beworben, 29 Hochgeschwindigkeitszüge bauen zu dürfen, die eines Tages durch den neuen Gotthard-Basistunnel rollen sollen. Seither warten Alstom, Siemens, Stadler Rail und Talgo auf eine Entscheidung der SBB.

Die Hersteller haben mehrere Millionen in die Ausarbeitung ihrer Offerten gesteckt. Doch die SBB lassen sich viel Zeit. Sie sind offenbar von keinem Angebot überzeugt.

Jetzt hat «Die Nordwestschweiz» aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass der SBB-Verwaltungsrat Mitte Dezember einen Antrag der Geschäftsleitung gutgeheissen hat, den 800-Millionen-Franken-Auftrag keinem der Anbieter zu vergeben. Stattdessen plante die SBB-Spitze, auf Züge des Typs ETR 610 von Alstom zu setzen. Das wäre zwar kein neues Modell, dafür aber ein sicherer Wert.

Der ETR 610 befördert täglich Tausende Passagiere von der Deutschschweiz nach Italien und wieder zurück. Im Gegensatz zum Vorgängermodell ETR 470 - der als Cisalpino-Pannenzug berühmt-berüchtigt wurde - macht der ETR 610 einen guten Job.

So gut, dass die SBB-Geschäftsführung plante, bei Alstom die Option auf 8 weitere ETR 610 zu ziehen und zusätzliche Züge desselben Typs von der italienischen Staatsbahn Ferrovie dello Stato Italiane zu mieten.

Doch so weit kommt es - zumindest vorerst - nicht. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat am vergangenen Dienstag, 14. Januar 2014, die Pläne der SBB-Spitze zunichtegemacht.

Das BAV sieht das Behindertengleichstellungsgesetz verletzt, wenn die ETR 610 durch den neuen Gotthard-Basistunnel fahren sollten. Behinderte können im ETR 610 nicht alleine ein- und aussteigen, da kein Niederflureinstieg vorhanden ist.

Zeitgewinn vs. Zugangsmöglichkeit

Doch wie ist das möglich? Wieso kann der ETR 610 auf der Simplonstrecke unbehelligt fahren, wenn ihn das BAV als zu wenig behindertenfreundlich erachtet? Das BAV sagt der «Nordwestschweiz» das Gleiche, wie es am Dienstag den SBB gesagt hatte: «Neigezüge, welche aus technischen Gründen den autonomen Zustieg nicht ermöglichen, können nur eingesetzt werden, wenn aus Gründen der Fahrzeiten Neigetechnik unvermeidlich ist.»

Das heisst: Wenn die Neigetechnik des ETR 610 hilft, viel Zeit einzusparen, darf er fahren. Der Zeitgewinn wird dann höher gewichtet als eine autonome Zugangsmöglichkeit für Behinderte. Fällt dieser Zeitgewinn aber weg, bekommt der ETR 610 keine Betriebsbewilligung.

Auf der Simplonstrecke hat der ETR 610 eine kurvenreiche Fahrt, bevor er den Tunnel erreicht. In diesen Kurven erlaubt die Neigetechnik, schneller zu fahren - und Zeit einzusparen. Im neuen Gotthard-Basistunnel fällt dieser Anfahrtsweg weg.

Die behindertenunfreundliche Neigetechnik ist deshalb nicht nötig, da sie keine Zeitersparnis bringt. «Im Hinblick auf die Eröffnung der durchgehenden Gotthardbasisstrecke lässt sich der Einsatz von Neigezügen nur schwer rechtfertigen», schreibt das BAV.

Die Rollmaterialhersteller, die noch im Rennen sind um die 29 Hochgeschwindigkeitszüge für die Nord-Süd-Achse, dürften sich über die Aussagen des BAV freuen (mit Ausnahme vielleicht von Alstom, dem Hersteller des ETR 610).

Die Chancen, dass die SBB tatsächlich keinem der Anbieter den Zuschlag erteilen, sind wieder geschrumpft. Eine solche Nichtberücksichtigung aller Anbieter wäre in der Schweiz bei einem solch grossen Auftragsvolumen - 800 Millionen Franken - eine absolute Seltenheit.

Die SBB dürften das zwar tun, wenn sie geltend machen können, dass keines der eingegangenen Angebote ihre Vorgaben erfüllt hat. Es käme aber einer Kriegserklärung an die Industrie gleich.

Die Rollmaterialhersteller haben nämlich bereits viel Geld in die Ausarbeitung ihrer Offerten investiert. Siemens-Sprecher Benno Estermann sagt: «Solche Offerten gehen schnell in die Millionen.»

Stadler Rail wird konkreter: «Bis heute hat uns diese Ausschreibung rund 12 Millionen Franken gekostet», so Sprecher Tim Büchele. Bei Alstom gibt man sich verschwiegen: «Über die Tender- und Entwicklungskosten allfälliger neuer Züge und Projekte kommunizieren wir nicht, da dies vor allem die Mitbewerber interessieren würde ...»

Entscheidung verzögert sich weiter

Die SBB versuchen zu beruhigen: «Das Ausschreibungsverfahren für die Rollmaterial-Flotte im Nord-Süd-Verkehr ist wie geplant noch nicht abgeschlossen - die SBB haben keinen Entscheid gefällt.»

Man gehe davon aus, dass ein Entscheid im Zeitraum Ende des ersten Quartals bis Mitte des zweiten Quartals gefällt werde. Der Entscheidungszeitpunkt wird also weiter nach hinten verschoben.

Als Begründung schreiben die SBB: «Keiner der Anbieter offeriert ein Standardprodukt. Aus diesem Grund befassen sich der Verwaltungsrat und die Konzernleitung derzeit intensiv mit den möglichen Optionen und mit Zulassungsfragen im nationalen und internationalen Bereich.» Zum ETR 610 - als mögliche Alternativlösung zu den eingegangenen Offerten - äussern sich die SBB nicht.