Reaktion

Patienten-Handel: Berner Spitäler wissen von nichts

Verschoben und verschaukelt: Manche Ärzte kassieren Provisionen für die Spitalzuweisung ihrer Patienten. (Symbolbild)

Verschoben und verschaukelt: Manche Ärzte kassieren Provisionen für die Spitalzuweisung ihrer Patienten. (Symbolbild)

Ein Berner Arzt deckte vier Fälle auf, in denen Spitäler Geld für Patienten bezahlten. Die Institutionen in seinem Umfeld reagieren befremdet.

Es gibt Ärzte, die Geld erhalten, wenn sie ihre Patienten an gewisse Spitäler überweisen. Solche Verträge, die hinter den Rücken ahnungsloser Patienten geschlossen werden, hat vergangene Woche ein Berner Arzt publik gemacht («Nordwestschweiz» vom Donnerstag). Er nannte erstmals vier konkrete Beispiele, wie Hausärzte oder Ärztenetzwerke von Spitälern für die Zuweisung eines Patienten belohnt werden. Patientenschützer, Politiker und der Ärzteverband reagierten bestürzt und verurteilten das Vorgehen aufs Schärfste. Zur Rechenschaft gezogen wurde bisher trotzdem niemand.

Verband kennt keine Fälle

Dem Ärzteverband sind die Fälle nicht bekannt und der Arzt, der die Geschichte ins Rollen gebracht hat, will die Namen nicht preisgeben. Das hat nun zur Folge, dass die von ihm losgetretene Geschichte weitere Kreise zieht: Weil er selbst in Bern praktiziert, fühlen sich die lokalen Institutionen von den Vorwürfen direkt angesprochen. «Bei den öffentlich geäusserten Verdächtigungen von Geldzahlungen zwischen Ärztenetzwerken und Privatspitälern wurde niemand konkret an den Pranger gestellt. Die Folge davon ist, dass nun alle unter Generalverdacht stehen», sagt Manuela Gebert, Geschäftsführerin des Verbands Privatspitäler des Kantons Bern.

Gemeinsam mit den öffentlichen Spitälern, Chirurgen und Belegärzten in Bern hat Gebert am Samstag eine Medienmitteilung verfasst, in der sich die Berner Institutionen von den Fällen distanzieren. Die Veröffentlichung der vier Fälle habe man «mit Befremden» wahrgenommen, heisst es darin. Und: «Für pauschale Vorwürfe durch die Medien gibt es keinen Anlass.» Derartige Zahlungen seien keine bekannt.

Spitäler weisen Schuld von sich

Ebenfalls aufgeschreckt von den Enthüllungen hat die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim, Mitglied der Sozial- und Gesundheitskommission (SGK), kurzerhand einen Vorstoss verfasst, in welchem sie vom Bundesrat verlangt, Massnahmen und Regeln zu prüfen, «um fragwürdigen Praktiken zwischen Leistungserbringern auf Kosten der Versicherten Einhalt zu gebieten». Wenn alles gut gehe, werde sie den Vorstoss in der Frühjahrssession Anfang März einreichen, so Heim.

Gross sind die Erwartungen indes nicht. Einerseits sind laut Gebert die Standesregeln der Ärzte und die Bestimmungen des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) gut genug. «Aus einem Einzelfall – wenn er denn tatsächlich so vorgefallen ist – muss nicht zwingend ein neues Gesetz entstehen», sagt sie. Andererseits bezweifelt Urs Birchler, Präsident des Netzwerks Spitäler des Kantons Bern, dass sich solche Zahlungen überhaupt besser kontrollieren lassen. Neben einer Spital-internen und -externen Rechnungsprüfung komme die Rechnungskontrolle durch die Krankenkassen hinzu. Er sei überzeugt, dass in seinen elf Jahren als Direktor des Inselspitals Bern nie Geld für eine Überweisung bezahlt wurde, sagt Birchler. «Wenn jemand Geld für einen Patienten zahlt, müsste das ausserhalb des spitaleigenen Rechnungswesens passieren.»

Schmaler Grat zum Unrecht

Immerhin kann Birchler der Situation auch etwas Gutes abgewinnen: dass das Thema Patienten-Handel überhaupt angesprochen wird. «Gerüchteweise hört man immer wieder davon.» Dabei stehe hinter der Vermittlung von Patienten nicht unbedingt ein finanzieller Anreiz. Viele Ärztinnen und Ärzte kennen sich aus der Studien- oder Assistenzzeit, dem Rotary- oder dem Golfklub. «Wenn Patientinnen und Patienten zugewiesen werden, spielt das Netzwerk eine Rolle», sagt Birchler.

Die Berichterstattung in zahlreichen Medien löst indes auch in der Ärzteschaft in mehreren anderen Kantonen kontroverse und teils heftige Reaktionen aus. Schwarze Schafe gebe es immer, so die Ansicht einer grossen Mehrheit. Systematische Zahlungen seien aber keine bekannt. Das schliesse jedoch nicht aus, dass es stossende Einzelfälle gebe, wo Geld für die Zuweisung von Patienten bezahlt werde. Diese sogenannten Kick-backs würden ganz klar gegen die Standesregeln verstossen und müssten entsprechend geahndet werden, so der Tenor.

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