Bern

Pascale Bruderer: «Gier passt nicht zur Schweiz»

«Es gibt ein Leben nach der Politik» Pascale Bruderer zu einem möglichen Rücktritt.

«Es gibt ein Leben nach der Politik» Pascale Bruderer zu einem möglichen Rücktritt.

Die abtretende Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer im Interview zu den Sorgen der Schweizer Bevölkerung, die ideale Amtsdauer eines Nationalrats und ob sie ihren Dienstwagen vermissen wird.

Frau Bruderer, am Montag geht Ihr Jahr als höchste Schweizerin zu Ende. Sind Sie traurig?

Pascale Bruderer: Wenn man so viele bereichernde Erfahrungen sammeln durfte wie ich, kann man nicht traurig sein. Ich habe mich sehr getragen gefühlt als Nationalratspräsidentin – über alle Generationen und Parteien hinweg. Dafür bin ich dankbar.

Fand nie jemand, Sie seien mit 33 Jahren zu jung für dieses Amt?

Nicht dass ich wüsste. Im Gegenteil: Viele Leute fanden es toll, dass eine junge Frau dieses Amt wahrnehmen darf.

Sie haben in diesem Jahr unzählige Menschen in der Schweiz getroffen. Was sind deren grösste Sorgen?

Das Jahr war stark durch die Finanzkrise geprägt. Anfang Jahr war die Arbeitslosigkeit ein grosses Thema. Und bis heute brennen den Menschen die exzessiven Löhne und Boni unter den Nägeln.

Hat sich das nicht gelegt?

Nein. Wirtschaftsvertreter sagen mir oft, dass die Politik da ein Thema schüre, das den Leuten gar nicht so wichtig sei. Das stimmt meines Erachtens nicht. Für die Menschen ist klar: Masslosigkeit und Gier passen einfach nicht zur Schweiz.

Was haben Sie diesen Menschen gesagt?

Ich konnte ihnen zeigen, dass sich das Parlament der Brisanz des Themas bewusst ist...

...und doch nichts macht.

Tatsächlich hat das Parlament bis heute keine Lösung gefunden. Das enttäuscht mich. Und ich hoffe, dass die Bevölkerung die Gelegenheit bekommt, darüber abzustimmen.

Hätten Sie als Präsidentin nicht Einfluss nehmen können?

Direkt nicht, nein. Ich habe aber immer versucht, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Lösungen möglich werden. Beim UBS-Staatsvertrag zwischen der Schweiz und den USA hat das funktioniert.

Wie?

Durch die Terminplanung. Nach einem Nein bei uns und einem Ja im Ständerat bestand die Gefahr, dass eine Blockade im Nationalrat den Vertrag zu Fall bringt. Ich lud alle Partei- und Fraktionspräsidenten in mein Büro und fragte, wer ein echtes Interesse daran hat, dass der Vertrag definitiv versenkt wird – was mit unwägbaren Risiken verbunden gewesen wäre. Das wollte niemand richtig.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe die Abstimmung in einem einsamen Entscheid und von den Medien unbemerkt auf die letzte Sessionswoche verschoben. So hatten die Parteien nochmals Zeit, um sich zu bewegen. Und so ist der Vertrag dann auch durchgekommen.

Ein Höhepunkt in Ihrem Präsidialjahr war die Bundesratswahl. Waren Sie nervös?

Nein. Aber ich war sehr darauf bedacht, dass es eine würdige Wahl wird. Ich habe deshalb nicht nur den Plan A vorbereitet, sondern auch Plan B, C, D und E.

Am Schluss lief es doch nach Plan A.

Ja! Aber ich wollte auf alle Szenarien vorbereitet sein – zum Beispiel darauf, dass es Wortmeldungen zur Unzeit gibt.

Wie nach der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf, als der damalige Nationalratspräsident während der Vereidigung eine Rede von SVP-Fraktionschef Caspar Baader zuliess.

Genau. Die Präsidentin muss das verhindern – indem sie jemandem zwar nicht das Wort verbietet, es ihm aber zur rechten Zeit erteilt.

Ab Montagabend sind Sie wieder eine ganz normale Nationalrätin. Wird Ihnen das Scheinwerferlicht fehlen?

Im ersten Moment werde ich gar froh sein, wenn es etwas ruhiger wird. Dann freue ich mich, dass ich im politischen Geschäft wieder stärker Position beziehen kann. Ausserdem wartet ein Wahljahr auf uns, in dem es niemandem langweilig werden wird.

Sie werden auf den S-Klasse-Mercedes verzichten müssen, den Sie im Präsidialjahr zur Verfügung hatten.

Ich bin mit dem öffentlichen Verkehr gut unterwegs – seit 17 Jahren habe ich ein Generalabonnement. Auch mein Hund hat eins. Aber ohne die Unterstützung durch die Parlamentsdienste könnte man sich nicht so intensiv dem Präsidialamt widmen.

Bei anderen Politikern ist das Präsidialjahr der krönende Abschluss der Karriere. Bei Ihnen das Sprungbrett in den Ständerat?

Ich habe die Frage einer Ständeratskandidatur noch nicht beantwortet. Dazu fehlte mir in den letzten Monaten die Ruhe. Es ist aber kein Geheimnis, dass der Ständerat als sachpolitisch orientiertes Gremium meinem Charakter entspricht.

Sie sitzen bereits seit neun Jahren im Nationalrat...

Sie meinen, es ist langsam Zeit für den Rücktritt!

Was ist eine ideale Amtsdauer?

Zwölf Jahre sind sicher eine gute Zeit – obwohl ich vielleicht länger bleibe. Aber für mich ist klar: Es gibt ein Leben nach der Politik.

Zum Beispiel als Verwaltungsrätin eines Bauunternehmens, wie das gerade Moritz Leuenberger zeigt?

Genau (lacht).

Was halten Sie davon?

Für das Unternehmen ist ein ehemaliger Bundesrat natürlich ein Gewinn. Und Kompetenz punkto Nachhaltigkeit tut der Baubranche gut. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

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