Pascale Bruderer: Die gute Wahl

Pascale Bruderer: Die gute Wahl

So hübsch war noch keine Nationalratspräsidentin. Auch nicht so gutherzig. Weil die Aargauer SP-Frau ausserdem eine kluge Organisatorin ist und den Konsens sucht, wird Pascale Bruderer ihr Jahr als höchste Schweizerin tadellos und vorbildlich meistern.

Gieri Cavelty

Sie ist die bestgewählte Nationalratspräsidentin überhaupt, und seit über 40 Jahren hat auch kein Mann mehr Stimmen auf sich vereint: 174 Ratskollegen haben Pascale Bruderer gestern zur protokollarisch höchsten Schweizerin gekürt. Wirklich überraschen mag das niemanden: Die Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau kommt bei den Leuten so gut an wie kaum jemand. Bei den letzten Nationalratswahlen im Kanton Aargau landete die studierte Politologin als einzige Nicht-SVPlerin auf den vorderen Rängen. Ebenfalls ein Abo für die besten Plätze hat sie bei nationalen Beliebtheitsumfragen.

Dabei hat Bruderer zumindest in Bundesbern einige Kritiker. Sie sei ein politisches Leichtgewicht, meint eine Bürgerliche, die mit der 32-Jährigen in der Bildungskommission sitzt. Besonders giftig tönt es über SP-Frau Bruderer ausgerechnet bei einer Handvoll Sozialdemokraten. «Bruderers steile Karriere zeigt, wie apolitisch der Politbetrieb geworden ist», schimpft jemand aus der Romandie. «Es geht um Äusserlichkeiten, nicht um Inhalte.» Ein anderer Genosse erklärt, wie die Fraktion 2007 überhaupt dazu gekommen sein soll, die gebürtige Badenerin zur Vizepräsidentin der grossen Kammer, mithin zu deren späteren Vorsitzenden vorzuschlagen: «Die Nomination erfolgte gleich nach der Schlappe unserer Partei bei den Nationalratswahlen. Damals war klar: Wir wollen ein junges Gesicht als Aushängeschild. Da eignete sich Bruderer eben sehr viel besser als die zwei parteiinternen Mitbewerberinnen, die beide schon über 40 Jahre alt waren.»

Das Kennzeichnende an diesem «Bruderer-Bashing» ist: Niemand steht mit Namen zu seiner Aussage. Pascale Bruderer umgibt eine Aura der Unantastbarkeit. «Ich schneide mir doch nicht ins eigene Fleisch und gebe den Party- und Ladykiller», sagt einer der zitierten SP-Männer. Der andere besinnt sich stattdessen auf die positiven Seiten Bruderers: «In ihrem Kernthema, der Sozialpolitik, scheut sie keinen Einsatz. Kaum jemand in unserer Partei hat sich bei der Volksabstimmung über die Zusatzfinanzierung der IV so stark engagiert. Ausserdem ist sie eine gut organisierte und sehr effiziente Schafferin. Damit ist sie wie gemacht für den Posten der Nationalratspräsidentin. In diesem Amt geht es ja primär darum, die Sitzungen umsichtig und speditiv zu leiten.»

Weitere positive Attribute lassen sich ergänzen: Bruderer versteht sich als Brückenbauerin zwischen den politischen Lagern. Entsprechend undogmatisch und umgänglich ist sie - entsprechend geniesst sie selbst in der SVP Sympathien. Auch ist Bruderer in Bern noch nie ein Fehler unterlaufen. Keine Selbstverständlichkeit: Immerhin stand sie zumal in ihrer Anfangszeit stark im medialen Fokus. Bloss hat sie in ihren 7 Jahren Bern eine Persönlichkeit der Unfassbarkeit und Unverbindlichkeit ausgebildet. Statt griffiger Statements bekommt man von ihr oft wohlabgewogene Gemeinplätze zu hören. Und doch: Ganz ohne Ecken und Kanten politisiert sie nicht. Jedenfalls weist sie ein Rating, das die «NZZ» am Samstag publiziert hat, als die am wenigsten linke Sozialdemokratin im Nationalrat aus.

Für Behinderte, gegen Tierquäler

Selbstverständlich ist da aber auch ihr Aussehen: So hübsch war noch keine Nationalratspräsidentin. Ausserdem ist Bruderer ausserordentlich gutherzig: Sie setzt sich ein für ein «Importverbot für tierquälerisch hergestellte Pelzprodukte», und sie will «Berufliche Bildung für alle besser zugänglich machen» - so lauten die Titel ihrer beiden jüngsten Vorstösse. Ausser Tierquälern und Behinderten-Diskriminierern kann im Grunde also niemand ernsthaft etwas gegen Pascale Bruderer haben. Zum echten Erfolgsmenschen wird sie freilich, weil sie ihre vielen Vorzüge mit etwas Biederkeit anreichert: Bruderer verkörpert den Typus junge Nachbarin, von der sich jedermann vorstellen kann, wie er sie im Quartierladen antrifft und mit ihr ein paar nette Worte über ihren Hund Kala und das Wetter wechselt.

In diesem Sinne wird Bruderer in der Tat ein tadelloses Jahr als Nationalratspräsidentin absolvieren: «Ich freue mich darauf, das Parlament der Bevölkerung näherzubringen und aufzuzeigen, wie Politik in der Schweiz gelebt wird», sagte sie vor Wochenfrist im Interview mit dieser Zeitung. Diese hohe Erwartung an sich selbst wird Pascale Bruderer vorbildlich erfüllen.

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