Affäre Fricker
Parteikollegen sind sich nicht einig, ob der Rücktritt nötig war: «Für Jonas persönlich ist das tragisch»

Grünen-Präsident Daniel Hölzle legte Jonas Fricker den Rücktritt nahe, die ehemalige Regierungsrätin Susanne Hochuli begrüsste den Entscheid – Vorstandsmitglied Christian Keller sieht den Fall indes anders. Er fordert auf Twitter den Rücktritt vom Rücktritt und kritisiert Wutbürger und Medien.

Fabian Hägler
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Vor zwei Jahren schwang Jonas Fricker bei den Nationalratswahlen gegen Irène Kälin deutlich obenaus – nach dem Rücktritt des Badeners rutscht nun die Lenzburgerin ins Bundesparlament nach.

Vor zwei Jahren schwang Jonas Fricker bei den Nationalratswahlen gegen Irène Kälin deutlich obenaus – nach dem Rücktritt des Badeners rutscht nun die Lenzburgerin ins Bundesparlament nach.

AZ

Eigentlich schien der Fall schon am Freitag erledigt: Jonas Fricker hatte sich für den Vergleich von Juden- und Schweinetransporten im Nationalrat mehrfach entschuldigt, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hatte dies akzeptiert. Es bringe niemandem etwas, wenn Frickers Fehltritt nun skandalisiert werde, teilte der SIG mit.

TalkTäglich zur Affäre Fricker

Heute Dienstag um 18.30 Uhr diskutieren Daniel Hölzle (Präsident Grüne Aargau), Marianne Binder (Präsidentin CVP Aargau) und Andreas Glarner (Nationalrat SVP) im TalkTäglich auf Tele M1 über die Affäre um Jonas Fricker.

Öffentliche Rücktrittsforderungen an die Adresse des Grünen-Politikers gab es keine – mit Ausnahme einer Mitteilung der Aargauer EDU vom Freitagabend. «Wer sich als vom Volk gewählter Politiker zu solchen Äusserungen hinreissen lässt, ist in einem öffentlichen Amt fehl am Platz», schrieb die Kleinpartei, die im Grossen Rat zwei Sitze hält und mit der SVP eine Fraktion bildet. Man verurteile Frickers Aussagen aufs Schärfste, teilte die Partei mit und hielt fest: «Die logische Konsequenz kann aus der Sicht der EDU Aargau nur ein Rücktritt sein.»

Druck aus der eigenen Partei

Es ist nicht anzunehmen, dass Fricker die Mitteilung der EDU mit der Rücktrittsforderung gesehen hat – und noch unwahrscheinlicher, dass die Meinung der Kleinpartei einen Einfluss auf seine Entscheidung hatte. Ausschlaggebend für seinen Rücktritt, den er am Samstagabend überraschend bekannt gab, dürfte vielmehr der offenbar massive Druck aus der eigenen Partei gewesen sein.

Bereits am Freitag teilten die Aargauer Grünen mit, man verurteile den unhaltbaren Vergleich des Nationalrats. Präsidium und Vorstand «nehmen den Vorfall sehr ernst und stehen mit Jonas Fricker im Kontakt», schrieb die Partei weiter. Laut der Mitteilung planten die Grünen, den Fall intern an einer ausserordentlichen Vorstandssitzung zu diskutieren. Was dort besprochen wurde, dürfte vertraulich bleiben, doch klar ist: Grünen-Aargau-Präsident Daniel Hölzle, der vor anderthalb Jahren ausgerechnet Fricker in diesem Amt abgelöst hatte, legte dem Nationalrat den Rücktritt nahe.

Rücktritt vom Rücktritt gefordert

Es gibt aber auch prominente Grüne im Aargau, die sich gegen den Rücktritt aussprechen. Christian Keller, Vorstandsmitglied der Kantonalpartei, schrieb auf Twitter: «Wir fordern den Rücktritt vom Rücktritt, Jonas Fricker. Die Welt braucht Menschen wie dich mehr denn je!» Auf die Frage eines anderen Users, ob mit «wir» die Grüne Partei gemeint sei, antwortete Keller: «Ich glaube, ich darf für viele Menschen sprechen, die Jonas persönlich kennen und tief betroffen sind von dieser Entwicklung.»

Auf Anfrage der AZ sagt Keller: «Ich bin natürlich Realist genug, zu wissen, dass ein Rücktritt vom Rücktritt nicht infrage kommt - damit würde Jonas Fricker seine Glaubwürdigkeit verlieren.» Keller sieht seinen Aufruf als Appell an die Wutbürger, die in solchen Fällen immer rasch zur Stelle seien und mit dem Finger auf Politiker zeigten, aber auch an die Öffentlichkeit und die Medien. Für die Partei sei der Rücktritt wohl besser, für Fricker persönlich sei dies tragisch.

Kritik an Antisemitismus-Vorwurf

«Es geht mir nicht darum, die verbale Entgleisung von Jonas Fricker zu relativieren, aber wenn auf diese Weise fähige Politiker zum Rücktritt gebracht werden, haben wir am Schluss nur noch Hinterbänkler im Parlament, die ihre Lobby vertreten», sagt Keller weiter. Er räumt ein, dass Frickers Verbleib in seinem Amt als Nationalrat der Partei wohl geschadet hätte. «Das mag stimmen, aber ich wehre mich gegen die Anschuldigungen, bei den Grünen gebe es antisemitische Tendenzen.» Das habe die Partei ganz ähnlich schon bei Geri Müller und seinen Kontakten zur palästinensischen Hamas erlebt. «Die Unterstellungen sind einfach falsch, Jonas Fricker ist ein Menschenfreund, der sich unglücklich ausgedrückt hat, aber auf keinen Fall ein Antisemit.»

Keller sagt, der Grünen-Vorstand sei am Samstagabend informiert worden, kurz bevor Fricker den Rücktritt bekannt gab. «Zuvor hatten wir kontrovers diskutiert und die Argumente ausgetauscht, die dafür oder dagegen sprechen.» Letztlich sei der Rücktritt ein persönlicher Entscheid, den er bedaure. Doch der Druck auf Fricker, der zusammen mit Keller die Aargauer Sektion von Fussverkehr Schweiz aufbaut, wurde offenbar zu gross. «Seine Position war schwierig, nachdem sich namhafte Grüne kritisch geäussert hatten», erklärt Keller.

Kein Maulkorb der Parteileitung

Auf seinen Tweet, der klar den Aussagen von Grünen-Präsident Daniel Hölzle widerspricht, hat die Parteileitung nicht reagiert. «Es gibt bei uns keinen Maulkorb, bei den Grünen Aargau gilt die Meinungsfreiheit, hier darf jeder sagen und schreiben, was er will», sagt Christian Keller. Ohnehin möchte er lieber nicht mehr über die Affäre Fricker sprechen. «Wäre es nicht an der Zeit, sich anderen Aspekten des Themas zuzuwenden – zum Beispiel dem, was Jonas Fricker mit seinem unglücklichen Vergleich sagen wollte?» Die alltägliche Gleichgültigkeit gegenüber dem barbarischen Umgang mit Tieren schreie zum Himmel, schreibt Keller dazu auf Facebook. Und weiter: «Wer Tiere quält, kann auch nicht gut sein zu Menschen. Wer solche Tierquälerei hinnimmt, nur damit das Schnitzel auf dem Teller einen Franken billiger ist, der schaut auch weg, wenn Menschen verfolgt und gequält werden.»

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