Sans Papiers

Papierlose Frauen putzen trotz guter Ausbildung schwarz

Jeder 17. Zürcher Haushalt lässt das Haus von Frauen ohne Aufenthaltsrecht putzen. Sie arbeiten trotz guter Ausbildung für relativ tiefe Löhne. Die Privatsphäre eines Haushalts schützt die Sans Papiers vor Kontrollen.

Sie kommen in die Schweiz, um Geld zu verdienen, und verkaufen sich dafür unter ihrem Wert. Ob Informatikerin, studierte Philosophin oder diplomierte Pflegefachfrau - unabhängig von ihrer Ausbildung sind die Frauen angestellt, um Hemden zu bügeln und Staub zu saugen. Andere Möglichkeiten haben die Sans-Papier-Frauen kaum.

Die Privatsphäre eines Haushalts schützt sie vor Kontrollen; sie können arbeiten, ohne ihren rechtlichen Status offenzulegen, ohne gleich verhaftet und ausgeschafft zu werden. Was dieses Leben im Versteckten für die Frauen bedeutet, erforschten Alex Knoll, Sarah Schilliger und Bea Schwager. Dazu befragten sie 56 von geschätzten 8000 Sans-Papier-Frauen, die im Kanton Zürich als Hausarbeiterinnen tätig sind. Die Erkenntnisse aus den Interviews stellten sie gestern in Form der Studie «Wisch und Weg!» vor.

1650 Franken Lohn pro Monat

Die Motive, in die Schweiz zu reisen, unterscheiden sich zwar. Sie lassen sich laut Knoll aber unter einem gemeinsamen Nenner zusammenfasse: Die eigene finanzielle Zukunft verbessern oder jemanden im Heimatland unterstützen. Gemäss Studie verdienen die Hausarbeiterinnen durchschnittlich 23.30 Franken pro Stunde - mehr als der Mindestlohn von 18.10 Franken, der sonst in der Branche üblich ist.

Damit seien die Hausarbeiterinnen meist zufrieden, nicht aber mit dem geringen Arbeitsvolumen von durchschnittlich 20 Stunden. Mehr liege wegen der langen Arbeitswege nicht drin, sagte Schilliger. Die Frauen müssten zum Teil mehrere Haushalte am gleichen Tag bedienen. Am Ende des Monats sammelten sich im Durchschnitt dann trotzdem nur 1650 Franken in der Kasse. «Und davon schicken die meisten noch einen Teil in ihre Heimat», so Schilliger.

Sans-Papiers putzen für 1000 Franken im Monat. Eine Betroffene spricht.

Sans-Papiers putzen für 1000 Franken im Monat. Eine Betroffene spricht.

Bei Kontrolle gleich ausgeschafft

Der relativ tiefe Lohn ist gemäss Studie für die meisten Migrantinnen verkraftbar. Schwieriger ist das Leben im Schatten der Gesellschaft. Laut Schilliger meiden die Frauen Orte, wo die Polizei stark präsent ist - wie beispielsweise den Hauptbahnhof oder die Langstrasse. Denn in Zürich ist der Umgang mit Sans-Papiers strikter als in Westschweizer Kantonen. Sobald die Polizei eine Person ohne Aufenthaltsbewilligung aufgreift, wird sie verhaftet und ausgeschafft.

Und weil die Gerichte eine Meldepflicht haben, sind Sans-Papiers der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Sie können weder fehlende Lohnzahlungen noch Gewalttaten einklagen. Die Verfasser der Studien fordern darum eine Regularisierung der Sans-Papiers. Sie wissen aber, dass das politische Klima für solche Forderungen derzeit ungünstig ist (siehe «Nachgefragt»).

Sans-Papiers an der Goldküste

Wenigstens der Zugang zu Sozialhilfe oder Krankenkasse solle den Papierlosen ermöglicht werden, sagte Knoll. Denn die Migration reisse nicht ab. Der Grund für die anhaltende Nachfrage sei ein «grösseres gesellschaftliches Phänomen»: Immer mehr Schweizer Frauen würden einer Erwerbsarbeit nachgehen. Die anstehende Hausarbeit werde nicht an den Mann abgegeben, sondern sie werde ausgelagert.

Schilliger findet die Migrationspolitik «heuchlerisch», wie sie sagte. Über die Interviews mit den Hausarbeiterinnen habe sie erfahren, dass Politiker, welche die Aufenthaltsbestimmungen für Ausländer zunehmend verschärfen wollen, selbst von den günstigen Arbeitskräften profitieren würden. «Auch SVP-Politiker gehören zu den Arbeitgebern der befragten Hausarbeiterinnen - gerade jene aus den Goldküsten-Gemeinden.» Den Arbeitgebern gehe es oft nicht um billige Arbeitskräfte, um Ausbeutung. Viele würden Sans-Papiers einstellen, weil sie ihnen helfen wollten, so Schilliger. An ihrem Status als «irreguläre Ausländer» ändert diese Hilfe allerdings nichts.

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