Vaterschaftsurlaub
Papi-Urlaub nur bei den Grossen - Zugzwang bei den kleinen Betrieben

Was im Parlament zu scheitern droht, ist bei grossen Firmen längst Standard.

Jonas Schmid
Merken
Drucken
Teilen
Was im Parlament zu scheitern droht, ist bei grossen Firmen längst Standard.

Was im Parlament zu scheitern droht, ist bei grossen Firmen längst Standard.

Keystone/NCH

Väter wollen heute mehr sein als nur Ernährer und Wochenendpapi. Sie wollen die Geburt ihres Kindes im Gebärsaal miterleben und ihre Partnerin beim Windelnwechseln, Schöppeln und der Betreuung der älteren Kinder unterstützen. Dazu bleibt in der Regel wenig Zeit.

Laut Gesetz steht frischgebackenen Vätern gerade einmal ein arbeitsfreier Tag zu – gleich viel wie für einen Wohnungswechsel. Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten gehört die Schweiz zu den Schlusslichtern. In Norwegen etwa sind bis zu eineinhalb Jahren Elternzeit üblich.

Dass der kleine Alpenstaat der gesellschaftlichen Realität hinterherhinkt, zeigt auch eine repräsentative Umfrage der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse: Über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung befürwortete im letzten Sommer einen gesetzlich garantierten Vaterschaftsurlaub.

«Wir sollten den jungen Eltern diese wertvolle Zeit schenken», sagt dazu der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas. Für einen guten Start ins Familienleben sei die erste gemeinsame Zeit unerlässlich. Mit einer parlamentarischen Initiative will Candinas erreichen, dass Vätern ein zweiwöchiger Urlaub zugesprochen wird. Nun ist diese Forderung in weite Ferne gerückt: Die ständerätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) hat Candinas’ Vorstoss mit acht zu fünf Stimmen versenkt.

Beim Bund bereits Realität
Ein gesetzlich geregelter Vaterschaftsurlaub koste 200 Millionen Franken pro Jahr – zu teuer, so das Verdikt der SGK. Sie folgte damit den Positionen von Arbeitgeberverband und Gewerbeverband. Für diese ist es Sache der Branchen und Unternehmen, autonom über die Einführung und die Ausgestaltung eines Vaterschaftsurlaubs zu befinden.

Doch wie gehen die Unternehmen mit dem Thema Vaterschaftsurlaub um? Setzen sie im Wettbewerb um die besten Fachkräfte aus eigener Initiative vorteilhafte Regelungen für frischgebackene Väter fest? Seit der Jahrtausendwende hat sich in diesem Bereich einiges getan. Dies zeigen aktuelle Zahlen von Travail Suisse. Neue Standards in Sachen Vaterschaftsurlaub setzen allen voran die nationalen Grossbetriebe.

Sie gehen teilweise weit über die gesetzliche Mindestregelung hinaus. An der Spitze steht Mobility. Das genossenschaftlich organisierte Car-SharingUnternehmen gewährt seinen Mitarbeitern einen vierwöchigen Urlaub (siehe Tabelle rechts). Fortschrittlich beim freiwillig gewährten Vaterschaftsurlaub sind auch Konzerne wie IBM Schweiz, Mobiliar, Migros und Raiffeisen. Sie bieten ihren Angestellten 15 Tage Urlaub. Bei UBS, Swisscom, SBB, SRG und der Bundesverwaltung sind es immerhin noch zehn Tage.

Schlechter schitt bisher die Post ab. Sie gesteht ihren Mitarbeitern nur zwei Tage zu. Doch das Unternehmen hat reagiert und verlängert den Urlaub für junge Väter ab nächstem Jahr auf zehn bezahlte sowie vier Wochen unbezahlt. Diese Firmen mit den meisten Mitarbeitern bieten ihren Angestellten also auch ohne gesetzliche Verpflichtung fortschrittliche Arbeitsbedingungen an.

Kleine Betriebe unter Zugzwang
Vor allem bei Kleinen und mittleren Betrieben (KMU) mit einem Gesamtarbeitsvertrag zeigt sich jedoch ein anderes Bild (siehe Grafik oben): Über die Hälfte der GAVAngestellten erhalten nur das gesetzliche Minimum von einem Tag, dazu gehören das Gastgewerbe, der Gleisbau und die Reinigungsbranche.

Wer für KMU arbeitet, hat also wenig Chancen auf einen langen Vaterschaftsurlaub. «Die grossen Firmen bringen die kleinen unter Zugzwang», sagt Candinas. «Diese haben finanziell weniger Spielraum, um ihren Angestellten einen Urlaub zu gewähren.» Ein gesetzlich verankerter Vaterschaftsurlaub wäre solidarisch und greife gerade ihnen unter die Arme.

Fällt sein Vorstoss beim Parlament definitiv durch, würde Candinas auch eine Volksinitiative unterstützen.
Allerdings nur, wenn eine solche auf einen zweiwöchigen Urlaub abzielt und nicht, wie von linken Kreisen gefordert, einen vierwöchigen.