Atommüll

Pankraz Freitag verkörpert die Atomlobby wie kein anderer

Heute muss Pankraz Freitag (FDP) vor die Direktion des Bundesamts für Energie.Keystone

Heute muss Pankraz Freitag (FDP) vor die Direktion des Bundesamts für Energie.Keystone

Pankraz Freitag, FDP-Ständerat aus dem Kanton Glarus, präsidiert Nagra. Früher sass er im Verwaltungsrat des Stromgiganten Axpo. Doch wer ist der 59-Jährige, der heute vor einem verärgerten Bundesamt für Energie (BFE) erscheinen muss.

Die Nagra hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: In der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle sitzen vor allem Vertreter der Stromkonzerne, welche die Schweizer Atomkraftwerke betreiben. Zwar ist der gesetzliche Auftrag klar definiert: Die Nagra muss radioaktive Abfälle auf Kosten der Stromerzeuger sicher entsorgen und einen Standort für ein Endlager finden. In der Standortfrage liegt der Haken – umso mehr dann, wenn auch noch ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Papier Bevölkerung, Medien und Politik aufschreckt. Und für Politiker der linken Seite liegt die Wurzel des Übels in der erwähnten fehlenden Unabhängigkeit der Nagra von der Atomindustrie, die in einem Glaubwürdigkeitsproblem unter der Bevölkerung ende.

So argumentiert die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer. Drei Kriterien habe die Nagra zu erfüllen: Sie müsse kompetent, unabhängig und glaubwürdig sein. Weder Unabhängigkeit noch Glaubwürdigkeit seien aber erfüllt. Das zeige sich etwa jedem, der sich die Liste der Verwaltungsratsmitglieder ansehe. «Die personelle Zusammensetzung des Nagra-Verwaltungsrates macht die Abhängigkeit von der Atomlobby deutlich.»

Der Fast-FDP-Präsident

In die gleiche Kerbe schlägt der Zürcher Nationalrat Bastien Girod (Grüne), der zum Vergleich ein Bild aus dem Sport herbeizieht: «Ein befangener Schiedsrichter bringt ein Spiel nicht zu einem Ergebnis, das als fair angesehen wird.» Besonders der Blick an die Spitze des Verwaltungsrats (VR) der Nagra gibt Girod zu denken. Der Name des VR-Präsidenten: Pankraz Freitag, FDP-Ständerat aus dem Kanton Glarus.

Früher sass er im Verwaltungsrat des Stromgiganten Axpo. Nur wenige verkörpern ihn mehr: den stillen Atomlobbyisten in der kleinen Kammer. Für die Wirtschaft war Freitag der Wunschkandidat fürs FDP-Präsidium und nicht der atomkritische Aargauer Philipp Müller. Für Girod bringt Freitag nicht die unparteiische Funktion in den Nagra-Verwaltungsrat, die er sich wünscht. Girod mag den Mathematiker, ehemaligen Lehrer und Regierungsrat aus dem Glarnerland, sagt aber: «Pankraz Freitag ist ein vernünftiger Energiepolitiker alter Schule. Was er noch gelernt hat, ist heute aber einfach nicht mehr richtig.»

Pankraz Freitag heute vor dem BFE

Doch wer ist der 59-Jährige mit dem aus dem Griechischen stammenden Vornamen, der für «der alles Besiegende» steht? Wie tickt der Mann, der heute mit der Nagra-Geschäftsführung vor einem verärgerten Bundesamt für Energie (BFE) erscheinen muss? So zurückhaltend Pankraz Freitag im Parlament politisiert, so zurückhaltend fallen die Äusserungen seiner Kollegen aus. Äusserst seriös politisiere er, sagt Kollege This Jenny (SVP), der wie Freitag Glarus im Ständerat vertritt. Der Mathematiker sei wenig risikofreudig, sichere sich gegen alle Seiten ab, arbeite sehr gewissenhaft und differenziert. «Er ist ganz der Mathematiker und agiert differenzierter als die anderen Ständeratskollegen», so Jenny, der von sich sagt, dass er Atommüll in seinem Garten vergraben lassen würde.

Im Gegensatz zu Jenny fürchtet die Bevölkerung den strahlenden Abfall und traut den atomfreundlich gesinnten Köpfen in der Nagra nicht. Doch Pankraz Freitag versteht die Aufregung nicht. Man mache ihn zu Unrecht zum Atomlobbyisten. «Ich sass als Baudirektor Kraft meines Amtes im Axpo-Verwaltungsrat. Im März 2011 habe ich nicht wieder kandidiert.»

Also doch kein Atomlobbyist? Will der Politiker wirklich keine Atomkraftwerke mehr in der Schweiz? Freitag windet sich und flüchtet in den Pragmatismus: «Für die nächsten 30 Jahre ist ein AKW-Bau aus politischen und finanziellen Gründen vom Tisch. Was danach ist, überlasse ich kommenden Generationen.» Zwei von seinen vier bisher eingereichten parlamentarischen Vorstössen haben sich gegen höhere Investitionen für die Energiewende gerichtet.

Anders als die Linke kritisiert, ist für Pankraz Freitag nicht nur die Kompetenz, sondern auch die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit der Nagra gegeben: «Sie liegt im Gesamtsystem mit seinen verschiedenen Akteuren.» Die AKW-Vertreter seien naturgemäss übervertreten, das habe man bei der Gründung der Nagra nicht anders gewollt. Mit der Bewilligungsbehörde auf Bundesratsstufe und der Aufsicht beim Ensi seien die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Gesamtsystems aber vorhanden.

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