Justiz
Pädophilie-Test von Schweizer Forschern könnte das Justizsystem revolutionieren

Schweizer Forscher haben neuropsychologische Tests zur Diagnose von Pädophilie entwickelt. Sie könnten das Justizsystem revolutionieren.

Andreas Maurer
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Die Testperson sieht auf einer Leinwand ein badendes Mädchen – auf dem Bild spiegelt es sich in der 3-D-Brille. Elektroden messen die Reaktionen des Gehirns.

Die Testperson sieht auf einer Leinwand ein badendes Mädchen – auf dem Bild spiegelt es sich in der 3-D-Brille. Elektroden messen die Reaktionen des Gehirns.

Mario Heller

Das speziellste Filmstudio der Schweiz befindet sich im Keller der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Hier hat ein Techniker ein Jahr lang einen 3-D-Kurzfilm entwickelt. Im Vorführraum steht ein einziger Ledersessel. Der Betrachter blickt mit einer 3-D-Brille auf die Leinwand und begibt sich auf einen virtuellen Strandspaziergang, auf dem er mehreren Personen begegnet.

Frauen im Bikini, Männern in Shorts, Kindern in Badkleidern – sowie nackten Mädchen und Buben. Was bei diesem Anblick im Zuschauer vor sich geht, bleibt nicht wie in einem normalen Kino in der Dunkelheit des Saals verborgen.

Die Person auf dem Ledersessel ist verkabelt. Eine Elektrodenkappe misst die Gehirnaktivität, die Atmung und der Herzschlag werden überwacht, zwei Kameras scannen die Pupillen und Elektroden zeichnen die Hautleitfähigkeit der Hand auf. Kleinste Schweissausstösse werden dadurch erfasst. Mit den gesammelten Informationen leuchten die Forscher eines der dunkelsten Geheimnisse mancher Menschen aus. Sie stellen fest, ob pädophile Neigungen vorhanden sind.

Eine halbe Million vom Bund

Das Forschungsprojekt ist 2012 gestartet. Nun liegt der Abschlussbericht für das Bundesamt für Justiz vor, das den Modellversuch mit 630 000 Franken finanziert hat. Die Bundesbehörde hält in einem Schreiben an die Unipsychiatrie fest, dass die Ziele des Projekts erreicht worden seien. So sei es gelungen, neue Ansätze zu entwickeln, um das Aussmass und Risiko von pädosexuellen Straftätern künftig zuverlässiger einschätzen und angemessener behandeln zu können.

Die Unipsychiatrie hat 64 Personen untersucht. Ein Drittel sind verurteilte Kindsmissbraucher, Konsumenten von Kinderpornografie und gesunde Kontrollpersonen. Alle Teilnehmer wurden für die zweitägige Untersuchung im Psychiatrie-Labor mit 400 Franken entschädigt. Das Ziel der Untersuchung war, die Personen mit den Tests den richtigen Gruppen zuzuordnen. Die Unipsychiatrie analysierte ein Sammelsurium verschiedener Methoden.

Beim virtuellen Strandspaziergang gelang die Unterscheidung von Kindsmissbrauchern und Kontrollpersonen durch die Auswertung der Gehirnaktivität mit einer Zuverlässigkeit von 95 Prozent. Gemäss dem Abschlussbericht lassen sich somit zuverlässige Aussagen machen, ob ein Straftäter pädophil veranlagt ist und ob er ein Übergriffsrisiko darstellt. Allerdings können die Resultate noch nicht vollständig nachvollzogen werden. Die Datenflut wird nun mit weiteren Studien ausgewertet.

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Eine andere Methode, ein impliziter Assoziationstest, könnte hingegen bald im Justizalltag eingesetzt werden. Dabei sieht der Proband die gleichen Bilder von Kindern und Erwachsenen wie auf dem Strandspaziergang. Er muss möglichst schnell folgende Aufgabe lösen: Bei einem Kind muss er links klicken und bei einem Erwachsenen rechts. Gleichzeitig werden Wörter eingeblendet wie «fad» und «erotisch».

Wenn sie eine sexuelle Bedeutung haben, muss rechts geklickt werden, sonst links. In dieser Konstellation können nicht-pädophile Personen die Aufgabe schneller lösen, da die Anordnung für sie logisch ist. Die Kategorien «erwachsen» und «sexuell» befinden sich auf derselben Seite. Pädophile sind langsamer, da die Anordnung ihrer eigenen Logik widerspricht.

Gemessen werden kleinste Verzögerungen und körperliche Reaktionen wie Pupillenbewegungen. Die Kontrollgruppe und die Kindsmissbraucher konnten mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 77 Prozent korrekt zugeordnet werden.

Dieser Wert zeigt das Dilemma der Justiz auf. Er ist tief, da jedes fünfte Resultat falsch ist. Er ist aber auch hoch, da andere vor Gericht zugelassene Methoden mit tieferen Trefferquoten operieren. Die Basler Unipsychiatrie will noch dieses Jahr das Labor-Equipment auf eine Laptop-Version verdichten. Damit könnten Straftäter auch im Gefängnis untersucht werden.

Wortstreit: Pädophilen-Detektor

Marc Graf, Chefarzt der Forensisch-Psychiatrischen Klinik, leitet das Projekt. Er sagt: «Unsere universitäre Forschung ist ergebnisoffen: Man kann damit Anhaltspunkte für eine pädosexuelle Präferenz erhärten als auch im gegenteiligen Fall eine angeschuldigte Person von einem entsprechenden Verdacht entlasten.» Er wolle einen Beitrag leisten, die Rechtsprechung und den Massnahmenvollzug zu verbessern. Ob die Tests für eine Beweiswürdigung vor Gericht zugelassen werden, müssten Richter entscheiden. Schon jetzt werden Stimmen laut, die davor warnen.

Chefarzt Graf ist nervös. Er befürchtet, ein medialer Wirbel könnte das frühzeitige Aus seiner Arbeit bedeuten. Den Anfang machte die «SonntagsZeitung» 2015. Damals hatte sie das Projekt unter dem Begriff «Pädophilen-Detektor» publik gemacht. Im Abschlussbericht bilanziert die Forschungsgruppe nun, der Zeitungsartikel habe die Untersuchungen erschwert. Fachpersonen und Institutionen, die mit der Unipsychiatrie zusammenarbeiten, gingen auf Distanz.

Die Forscher rekrutierten die Testpersonen mit einer umstrittenen Methode: mit einer «Coverstory». Den Teilnehmern wurde nur gesagt, es gehe um die unterschiedliche Wahrnehmung von Männern, Frauen und Kindern. Das eigentliche Thema der Pädophilie wurde verheimlicht, um eine Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden. Mit dem Zeitungsbericht flog die Coverstory auf. Mehrere Testpersonen reagierten empört.

Die Basler Forschungsgruppe bezeichnet den Begriff «Pädophilen-Detektor» als sinnwidrig. Er suggeriere, eine pädophile Neigung könne mechanisch und mit Bestimmtheit nachgewiesen werden wie bei einem Metalldetektor am Flughafen. Die neuen Methoden würden hingegen nur Hinweise für Pädosexualität erbringen.

Falls sich die Testmethoden etablieren, wären die Folgen für die Justiz allerdings enorm. Es wäre möglich, einem Beschuldigten, der einen Kindsmissbrauch bestreitet, eine pädophile Neigung nachzuweisen. Über eine Anwendung könnte auch in Fällen wie in Emmen (LU) diskutiert werden. Nach einer Vergewaltigung vor zwei Jahren ordnete die Polizei einen Massen-DNA-Test für 400 Männer an. Folgen bald massenhafte Pädophilie-Tests?

Versuche in Israel zeigen, dass die Assoziation mit dem Metalldetektor gar nicht so weit hergeholt ist. Ein Start-up testete Methoden, um potenzielle Terroristen in den Touristenströmen am Flughafen zu identifizieren. Es wurden unauffällige Reize platziert, zum Beispiel ein Symbol einer Terrororganisation, das nur deren Mitgliedern bekannt ist.

Die Hypothese: Eine Reaktion auf den Reiz liesse sich anhand der Körpertemperatur oder Pupillenbewegungen aus der Distanz messen. Noch ist das Science Fiction.

Heikles Forschungsgebiet

Monika Egli, Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz, stuft auch die Basler Forschung eher in den Bereich von Fiction als Science ein. Das Projekt arbeite mit zu kleinen Fallzahlen und könne deshalb kaum in absehbarer Zeit in einem Gerichtsprozess eingesetzt werden, sagt sie. Und: «Was auch immer man mit einem derartigen Detektor feststellt: Es ist sehr heikel. Man weiss noch zu wenig über die Entstehung und die Manifestation einer sexuellen Neigung.» Es sei zielführender, die Forschung würde sich auf die Prävention fokussieren, findet sie.

Das Basler Forschungsprojekt ist schweizweit einzigartig. Bis vor kurzem arbeitete auch eine Gruppe der Psychiatrischen Uniklinik Zürich an derartigen Studien. Projektleiter Andreas Mokros wechselt jedoch nach Deutschland. Im Mai treffen sich alle relevanten Forscher des Gebiets, um die Schweizer Resultate zu diskutieren. Die Teilnehmerliste zeigt, wie wenige Wissenschafter sich an das heikle Thema wagen: drei Forscher aus Deutschland und einer aus Finnland.

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