Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter in der Schweiz, aber auch in Resteuropa so sehr wie die Zuwanderung. Wie sollen wir umgehen mit den Tausenden Flüchtlingen, die auf gefährlichen Routen ihr Leben aufs Spiel setzen, um Krieg und Misere zu entkommen? Oxford-Professor Sir Paul Collier forscht seit Jahren über Migrationsthemen – und formuliert Thesen, die einigen in den falschen Hals geraten.

Herr Collier, sind die Attentate von Paris, begangen von Männern mit Migrationshintergrund, ein Resultat unserer Zuwanderungspolitik?

Paul Collier: Nein, das hat andere Hintergründe. Wir haben erlaubt, dass sich eine Kultur der Gewalt formiert, die einer kleinen Minderheit von jungen Männern attraktiv erscheint. Viele der Konflikttouristen, die nach Syrien gehen, um sich mit einer Waffe zu brüsten, haben gar keinen Migrationshintergrund, sondern sind Konvertiten. Sie missbrauchen den Islam für ihre Geltungssucht.

Werden diese Gräueltaten das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen in der westlichen Welt nachhaltig verändern?

Das hängt in erster Linie von der Reaktion der moderaten Muslime ab. Sie dürfen nicht einfach die Haltung vertreten, dass dies alles nichts mit ihnen zu tun habe. Auch sie müssen die Konsequenzen ihrer Kultur, nicht nur ihres eigenen Verhaltens, tragen. Die europäischen Muslime müssen sich entschieden von der Gewalt distanzieren, damit diese künftig – wie es mit dem Christentum mittlerweile der Fall ist – nicht mehr mit der Religion in Verbindung gebracht wird.

Die Charlie-Hebdo-Attentäter, die Gebrüder Kouachi, waren französische Staatsbürger. Wie soll der Westen mit Extremisten in den eigenen Ländern umgehen?

Wie dieser Fall zeigt, wird es uns nie möglich sein, alle Verdächtigen aufzustöbern. Es sind schlicht zu viele. Wichtig ist, dass diejenigen, die sich in Kriegsgebieten wie Syrien ausbilden lassen, nie mehr zurückkehren dürfen. Dafür müssen die Gesetze geändert werden. Zudem muss es für die grosse Mehrheit der moderaten Muslime einfacher werden, Extremisten den Behörden bekannt zu geben.

Sprechen wir über die Migrationsströme, die in zunehmendem Mass Europa erreichen. Sie sehen, wie ein herrenloses Schiff mit 800 Flüchtlingen an Bord auf eine italienische Küste zusteuert – was denken Sie sich dabei?

Dass wir, ohne es zu wollen, ein Migrationssystem haben, das Tausende Personen in den Tod lockt. Im Namen der Menschenrechte begehen wir ein grosses Menschenunrecht.

Das müssen Sie ausführen.

Unsere Asylpolitik muss dringend reformiert werden. Wir müssen um jeden Preis verhindern, dass Flüchtlinge auf einer hochriskanten Überfahrt ihr Leben aufs Spiel setzen. Sie sollen gar nicht erst ins Boot steigen. Über 17 000 Personen sind bereits ertrunken, und es werden ständig mehr. Das kann nicht so weitergehen.

Wie wollen Sie es verhindern? Solange es Kriege, Krisen und wirtschaftliche Ungleichheit gibt, wird es immer Personen geben, die ihr Glück im reichen Westen versuchen.

Es darf keinerlei Anreiz mehr geben, überhaupt einen Fuss nach Europa setzen zu wollen. Wer Asyl beantragen möchte, müsste dies zwingend in seinem Ursprungsland oder einem sicheren Drittstaat tun können – und dabei eine faire Chance haben. Ich stelle mir eine Art Lotterie vor, ähnlich wie es die USA mit ihren Greencards machen. Ein Asylantrag, der nach einer illegalen Einreise erst auf europäischem Boden eingereicht wird, soll gar nicht erst geprüft werden. Das würde sich sehr schnell herumsprechen und den Strom versiegen lassen.

Sie wollen also eine syrische Mutter, die mit ihrem neugeborenen Kind an der italienischen Küste strandet, zurückschicken? Das ist unmenschlich.

Das ist es nicht. Ich sage nicht, dass man sie ins syrische Kriegsgebiet zurücksenden soll, sondern an den sicheren Ort, wo sie herkam. Zum Beispiel in ein Flüchtlingslager. Wenn sie genau wüsste, dass sie keine Chance auf Asyl hat, würde sie die Reise gar nicht erst antreten. Sie müsste nicht ihr Leben riskieren und der Schleppermafia würde der Boden entzogen.

Was sollte ein an ein Kriegsgebiet grenzender Drittstaat – nehmen wir Jordanien oder Libanon als Beispiel – für ein Interesse daran haben, diejenigen zurückzunehmen, die ihre Flüchtlingslager zuvor verlassen hatten?

Hier sind die westlichen Länder in der Pflicht. Es ist klar, dass die Grenzstaaten von Konfliktgebieten die Bürde nicht alleine tragen können. Unser Geld ist vor Ort viel besser eingesetzt. Die Flüchtlingslager sollten zu eigentlichen Wirtschaftszentren werden. Wenn dann wieder Frieden herrscht, kehren die Personen mit einer wirtschaftlichen Grundlage nach Hause – eine Form von Wiederaufbau, bevor die Waffen überhaupt ruhen. An solchen Konzepten arbeite ich derzeit mit den jordanischen Behörden.

Die Vermutung liegt auf der Hand: Die Leute würden in einem solchen System trotzdem kommen – und dann einfach in der Illegalität abtauchen, wo sie erst recht schutzlos sind.

Es gibt zwei Stellen, wo Immigration kontrolliert werden kann: An der Grenze und am Arbeitsplatz. Natürlich können illegale Einreisen nach Europa nicht komplett gestoppt werden, wir wollen ja auch keinen paranoiden Überwachungsstaat. Ein Land muss allerdings alles unternehmen, um illegale Arbeitsmöglichkeiten zu unterbinden. Firmen, die sich nicht ans Gesetz halten, müssen hart bestraft werden. Wenn ein Immigrant keine Möglichkeit hat, einen Job zu kriegen, hat er auch keinen Anreiz mehr, überhaupt ins Land zu reisen.

Wird mit so einem System Europa nicht noch mehr zum herzlosen Kontinent?

Nein. Ich sage keineswegs, dass wir weniger Asylsuchende aufnehmen sollen, als wir es heute tun. Die Auswahl, wer eine Aufenthaltsberechtigung kriegt, muss einfach viel besser geregelt werden. Sie soll nicht davon abhängig sein, ob die Personen zuerst ein Todesrisiko eingegangen sind. Natürlich kann nicht jeder nach Europa einreisen. Wie hoch die Aufnahmequote ist, muss politisch entschieden werden.

Welche Kriterien sollen für die Vergabe einer Aufenthaltsbewilligung entscheidend sein?

In erster Linie die Gefahr, welcher die Personen ausgesetzt sind, wenn man ihnen kein Asyl gewährt. In diesem Punkt unterscheidet sich mein Ansatz nicht wesentlich von den bestehenden Gesetzgebungen. Mir geht es darum, dass der Asylentscheid nicht mehr innerhalb des Schengen-Raums gefällt wird – und wir die Leute nicht mehr unnötig in den Tod locken.

Wie sollen die westlichen Länder mit denjenigen Immigranten umgehen, die bereits hier leben?

Ich sehe keinen einzigen Grund, der es legitimieren würde, jemanden in der Illegalität zu halten. Der Status von Personen, die bereits bei uns sind, sollte also legalisiert werden. Nur so kann der Arbeitsmarkt zu einem effizienten Kontrollpunkt werden. Bevor man die Illegalität bekämpfen kann, muss zuerst Legalität geschaffen werden.

Migranten schicken riesige Geldbeträge nach Hause. Das ist doch gut für ihre Herkunftsländer.

Das ist es, man muss aber das Gesamtbild anschauen. Die Länder verlieren junge, motivierte Leute – sie würden ihrer Volkswirtschaft viel mehr bringen, wenn sie ihre Arbeitskraft dort einsetzen würden. Vergessen wir nicht: Wer heute nach Europa migriert, gehört in seinem Land keineswegs zur ärmsten Schicht. Es sind die Personen, denen es möglich ist, mehrere tausend Dollar zu bezahlen, um die Reise zu finanzieren.

Wenn man jegliche Anreize für eine Einreise nach Europa unterbinden soll, sollen dann – zynisch gefragt – die Küstenwachen gar aufhören, Flüchtlinge aus dem Meer zu retten?

Natürlich nicht. Es ist unsere Pflicht, sie in Sicherheit zu bringen. Wir haben allerdings keine Pflicht, sie dadurch sozusagen die ökonomische Lotterie gewinnen zu lassen.

Das Schweizer Stimmvolk hat am 9. Februar 2014 die Masseneinwanderungsinitiative der SVP angenommen. Fühlten Sie sich bestätigt an jenem Tag?

Die Schweiz ist ein Musterbeispiel für verantwortungsvolle Regierungstätigkeit. Es ist verständlich, dass die Stimmbevölkerung so entschieden hat – besonders angesichts der Probleme, denen die südeuropäischen Staaten ausgesetzt sind. Kommt es dort zum wirtschaftlichen Kollaps, würde der Migrationsdruck auf die Schweizer nochmals massiv zunehmen. Die Schweizer Entscheidung ist also sozusagen eine präventive Vorsichtsmassnahme.

Mit allerdings überaus unsicherem Ausgang – die EU signalisiert in Bezug auf die Personenfreizügigkeit derzeit keinerlei Verhandlungsspielraum. Kann das gut gehen?

Die EU ist voller Symbole, die Personenfreizügigkeit ist eines davon. Sie ist ein Konstrukt, das man noch immer im Licht der Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg betrachten sollte. Der Traum der Vereinigten Staaten von Europa, der von jüngeren Generationen nicht mehr geteilt wird. Aus politischen Gründen glaube ich dennoch nicht, dass die Freizügigkeit angetastet wird. Sie ist sakrosankt. Aber in der Praxis hat sie Auswirkungen, die teilweise schädlich sind. Es ist bezeichnend, dass ungefähr ein Drittel der rumänischen Ärzte in Deutschland und Frankreich arbeitet.

Ihre Argumentationslinie deckt sich teilweise mit derjenigen von rechtsbürgerlichen Parteien, sie bezeichnen sich selbst als moderaten Liberalen. Wie passt das zusammen?

Wir wissen alle, dass unsere Grenzen nicht für alle offen sein können. Also müssen wir eine glaubwürdige Migrationspolitik betreiben. Derzeit ist da viel Heuchelei vorhanden. Ich habe mein gesamtes Arbeitsleben damit verbracht, den ärmsten Bevölkerungen der Welt zu helfen, den Abstand zu den wohlhabenden Ländern zu verringern. Die Migranten sind nur die Spitze des Eisbergs – viel wichtiger ist es, den Rest des Eisbergs schmelzen zu lassen. Das geht nur, wenn wir diesen Leuten eine echte Perspektive bieten.