Grosses Interview

Otto’s-Chef Mark Ineichen: «Das ist Raubrittertum, was die SBB betreiben»

Er zieht Jeans und Turnschuhe dem Standard-Business-Look vor: Mark Ineichen, Otto’s-Chef und Sohn des Firmengründers und Politikers Otto Ineichen.

Er zieht Jeans und Turnschuhe dem Standard-Business-Look vor: Mark Ineichen, Otto’s-Chef und Sohn des Firmengründers und Politikers Otto Ineichen.

Mark Ineichen führt in zweiter Generation die Discounter-Kette Otto’s. Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» erklärt er, warum er trotz Online-Boom unverdrossen auf den klassischen Handel setzt und bald ein neues Ladenkonzept eröffnet.

Sursee ist Otto’s und Otto’s ist Sursee. Nimmt man die Autobahn in Richtung des Luzerner Städtchens, sieht man schon von weitem das knallrote Lagerhaus des Schweizer Discounters. Am Empfang herrscht Betriebsamkeit. Ein älteres Pärchen lässt sich das neu erworbene Fitnessgerät erklären. Auf der Teppichetage empfängt uns Mark Ineichen (45), der Chef von Otto’s.

Herr Ineichen, in Süddeutschland machen sich die Händler sorgen, dass den Schweizern die Lust am Einkaufstourismus vergangen ist. Ist diese deutsche Angst berechtigt?

Mark Ineichen: Ganz ehrlich? Mich interessiert das gar nicht, und ich stelle bei Otto’s auch keinen speziellen Trend nahe der Grenze fest. Ich bin gegen dieses ewige Jammern. Unser Umsatz steigt in einem schwierigen Markt. Den Einkaufstourismus kann ich nicht ändern. Deshalb arbeiten wir lieber an uns selber.

Haben auch Sie Kunden ans Ausland verloren?

Logisch. Aber wir sind ein relativ kleiner Player mit einer treuen Stammkundschaft. 15 Prozent unserer Kunden besuchen uns etwa zweimal pro Monat. Wir haben kürzlich eine Umfrage gemacht, die gezeigt hat, dass uns 97 Prozent der Schweizer kennen. Da sieht man das Potenzial.

Sie verkaufen von Tresoren, über Boxspring-Betten bis hin zu Shampoos und Hörnli praktisch alles. Ist das nicht mehr Chaos als Konzept?

Fakt ist: Es funktioniert. Unsere Kunden wollen diesen Mix. Heute sind wir ja alle so was von standardisiert, alles regeln wir übers Smartphone. Immer effizienter und nur noch online. Aber wenn das so weitergeht, frage ich mich schon, was die Leute in Zukunft mit ihrer Zeit anstellen. Wenn wir nur noch am Handy hängen, verblöden wir doch irgendwann alle!

Und was hat das jetzt mit Ihrem Konzept zu tun?

Einkaufen vor Ort ist und bleibt ein Erlebnis. Die Kunden wollen an den Basar, sie wollen etwas erleben.

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Mit dieser Haltung stehen Sie im Detailhandel zurzeit etwas alleine da. Alle sprechen von Omnichannel-Strategie, Onlineoffensive und Showrooms, während das klassische Verkaufsgeschäft zunehmend ausgedient hat und die Leerstandsquoten steigen. Sogar grosse Traditionskonzerne wie Toys’R’Us gehen angesichts der Amazon-Konkurrenz in die Knie.

Und trotzdem bin ich überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es ist zwar eine Nische, aber es ist eine erfolgreiche Nische. Wir sind die Besten im Chaos-Verwalten! Unsere Filialen sehen ja auch nicht überall gleich aus, so wie bei Aldi und Lidl. Wir haben runde und eckige Geschäfte, im Parterre, im Erdgeschoss und auf der grünen Wiese. Zudem: Gegen Amazon anzutreten, können Sie ohnehin vergessen.

Trotzdem betreiben auch Sie einen Webshop. Wie viel setzen Sie dort mittlerweile um?

Etwa sechs Prozent vom Gesamtumsatz. Und wir sind massiv am Investieren, fotografieren jeden Artikel für den Onlineshop und regeln die Logistik neu. Da sind wir im Hintergrund momentan extrem gefordert. Aber ich gebe es gerne zu: Ich habe mehr Freude am Physischen, an den Dingen, die man anfassen kann. Deshalb bleibe ich bei meiner Haltung, dass nicht alles ins Internet abwandert, auch wenn andere Händler zurzeit vor leeren Einkaufsmeilen und Geisterstädten warnen. Wir planen jetzt gerade etwas, das total gegen den Trend geht.

Was denn?

Wir haben uns überlegt, einen Ami-Truck zu kaufen, mit dem wir durch die Schweiz fahren werden.

Wie in der Coca-Cola-Werbung?

Ja, so ähnlich. Der Lastwagen würde für Events und Sponsoring eingesetzt, aber auch fürs Ausliefern. Übers Internet können Kunden zudem Mitfahrten gewinnen. Ich bin überzeugt, das zieht die Leute an. Man will heute etwas erleben.

Werden Sie selber mal ans Steuer sitzen?

Ja sicher, ich freue mich schon wie ein Kind auf Weihnachten.

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Sie haben kürzlich in Altstätten im Rheintal eine neue Filiale eröffnet, die Sie als Filiale der Zukunft angepriesen haben. Wie sieht diese aus?

Tönt sehr futuristisch, oder? (lacht) Das ist nichts Revolutionäres, aber ein paar Dinge sind anders. Wir haben von Ikea gelernt und versuchen nun, die Kunden etwas mehr zu führen. Die Beschriftungen sind klarer und die Farben wärmer. Und wir haben genügend Parkplätze. Dieses Modell werden wir etappenweise auf alle Filialen anwenden.

Und damit wollen Sie wie viele neue Kunden anlocken?

Wir setzen uns keine solchen Ziele, das führt bloss zu Grössenwahn. Wir machen das, was uns Spass macht. Wenn ich jetzt irgendeine Zahl nenne, legen wir uns Handschellen an. Das hat man bei Charles Vögele ja gesehen. An dem Tag, als die Firma an die Börse ging, war das Ende absehbar. Man wollte ins Ausland, man wollte dieses und jenes.

Das heisst, Otto’s geht nie an die Börse und nie ins Ausland?

Das ist so.

In der Branche wird der Umsatz der Otto’s-Filialen auf etwas über 700 Millionen Franken geschätzt. Wie entwickelt er sich momentan?

Genau Zahlen nenne ich keine, aber wir legen zu. Wir haben heute insgesamt 140 Filialen, etwa 96 Otto’s, und der Rest sind unsere Radikal- und Sherpa-Filialen. Und wir bauen aus. Momentan werden im Detailhandel viele Flächen frei, weshalb ich überzeugt bin, dass die Standortsuche kein Problem wird. Pro Jahr rechne ich mit zwei neuen Filialen und fünf Umbauten. In fünf Jahren dürften es also 10 Filialen mehr sein.

Stabübergabe: Im Februar 2001 übernahm Mark Ineichen den Chefposten von seinem Vater Otto. Der Firmengründer und FDP-Politiker verstarb im Jahr 2012.

Stabübergabe: Im Februar 2001 übernahm Mark Ineichen den Chefposten von seinem Vater Otto. Der Firmengründer und FDP-Politiker verstarb im Jahr 2012.

Auch wenn Sie expandieren: In der Schweiz dominieren die beiden Genossenschaften Coop und Migros den Markt. Finden Sie die aktuelle Situation gesund?

Die beiden bieten Tausende von sicheren Arbeitsplätze in der Schweiz und garantieren eine stabile Grundversorgung, und dies zu Top-Qualität auch in abgelegenen Gebieten. Coop und Migros funktionieren fast wie zwei Staatsbetriebe. Mit mehr Wettbewerb gäbe es natürlich mehr Konkurrenz und das Preisniveau würde sinken, das ist klar. Aber unter dem Strich kann sich der Schweizer Konsument nicht beklagen.

Viele Ihrer Filialen stehen hingegen auf der grünen Wiese – eine Strategie, die Ihrem Vater Otto Ineichen nicht passte, weil damit die Landschaft verschandelt wird.

Ich bin einfach davon überzeugt, dass unsere Kunden mit dem Auto kommen wollen. Ein Shop mit Parkplätzen vor der Tür wirtschaftet besser. Punkt.

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Sie könnten ja vermehrt in die Innenstädte oder in die Bahnhöfe, so wie das auch Aldi und Lidl tun.

Da finden wir die nötigen Flächen nicht, schon gar nicht in den Bahnhöfen. Das ist Raubrittertum, was die SBB da betreiben. Ihre Mieten sind exorbitant. Mir gefällt diese Entwicklung überhaupt nicht. Wir als Shopbetreiber sind nur ein Dominostein im SBB-Spiel. Im Bahnhof Bern sagten sie uns, nachdem wir jahrelang exorbitanten Mieten bezahlen mussten, dass wir mit unserem Sherpa-Shop nach Ablauf des Vertrages an einen schlechteren Ort ziehen müssen. Das ist kein zuverlässiger, langfristiger Partner.

Viele Kunden schätzen das Einkaufen in den Bahnhöfen …

… ist ja logisch, weil sich die Bahnhöfe nicht an die Ladenöffnungszeiten halten müssen. Ich finde das eine Schweinerei! In Luzern müssen alle anderen Geschäfte samstags um 16 Uhr schliessen, und im Bahnhof bleibt alles offen. Das ist eine Frechheit gegenüber allen Gewerblern.

Bis wann möchten Sie denn samstags offenbleiben?

18 Uhr wäre sinnvoll. Im Internet gibt es ja auch keine geregelten Öffnungszeiten. Dort können die Kunden 24 Stunden lang shoppen. Da wäre es doch nichts anderes als logisch, dass man den Detailhändlern mehr unternehmerische Freiheit gibt. Im Kanton Jura sind die Geschäfte ja sogar noch am Montagvormittag geschlossen. Stellen Sie sich das mal vor!

Da spürt man eben doch das politische Blut von Ihrem Vater.

Klar, ich habe aber schlicht keine Nerven für die Politik. Ich bin zu ungeduldig. Ich rege mich immer wieder über unsere Gesetze und den Kantönligeist auf. Das sind die grössten Kostentreiber, wenn wir von der Hochpreisinsel Schweiz sprechen, nicht die Löhne. Daran geht unser System kaputt.

Inwiefern?

Es gibt so viele unnötige Auflagen und Kontrollen. Ein Beispiel: Wir müssen in den Kantonen separat vorweisen können, dass unsere Preisvergleiche in den Prospekten korrekt sind. Da braucht es jedes Mal einen Anwalt. Und bei jedem Holzmöbel müssen wir die lateinische Beschriftung für das Holz hinterlegen, nur weil jemand in Bern davon lebt, dies zu kontrollieren.

Sind Sie auch von der gesperrten Rheintalstrecke in Deutschland betroffen bei der Warenlieferung?

Ja, massiv sogar. Normalerweise bekamen wir auf diesem Weg bis zu fünf Container pro Tag, mit Weihnachtspapier, Turnschuhen, Textilien und Möbeln. Alles, kreuz und quer. Jetzt kommt die die Ware via Strasse unkoordiniert anstatt gestaffelt, sodass wir bei der Lagerung vor enormen Problemen stehen.

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Was heisst das für Sie?

Wir haben beschlossen, dass wir die Lagerkosten auf uns nehmen, denn sonst würden wir leere Regale riskieren, und das möchten wir nicht, schon gar nicht kurz vor dem Weihnachtsgeschäft. Manches bestellen wir jetzt vermehrt per Flieger aus China. Pro Container zahlen wir nun bis zu 5000 Franken mehr. Pro Tag sind es drei bis vier Container. Jetzt rechnen Sie mal!

Das Wintergeschäft steht vor der Tür, das für Sie inzwischen wichtig geworden ist, da Sie auch Skiartikel verkaufen. Mit welchem Erfolg?

Wir sind sehr zufrieden. Letzten Winter haben wir 3000 Paar Ski verkauft, die Hälfte davon hier am Hauptsitz in Sursee. Viele Kunden glaubten lange, gute Ski würden sie nur beim Fachhändler erhalten. Dabei sind Ski ein Standardprodukt. Viele Kunden kaufen ihre Latten nun bei uns statt in Deutschland.

Macht Ihnen der Markteintritt des französischen Sportartikeldiscounters Decathlon Angst?

Nein, der Einstieg wird dem Handel guttun. Der Sportmarkt hierzulande ist doch noch sehr verknorzt. Für Otto’s mache ich mir keine Sorgen, da Decathlon vor allem Eigenmarken verkauft, wir dagegen setzen auf Markenprodukte. Zudem hat Decathlon ein gigantisches Sortiment das ganze Jahr hindurch, wir sind stark saisonal ausgerichtet.

Nicht wirklich durchgestartet sind Sie hingegen mit Ihrem Vorhaben, Autos zu verkaufen. Wie läuft es?

Nun gut, wir haben letztes Jahr 1000 Autos verkauft. Das ist nicht schlecht. Wir konzentrieren uns ja auch nur auf den Raum Sursee. Da soll mir einer sagen, wir seien nicht durchgestartet. Nein, Otto’s Cars funktioniert. Der Automarkt ist aber brutal schwierig geworden, daher bin nicht unfroh, dass wir nicht auch andere Standorte eröffnet haben. Wir probieren nun aber etwas anderes aus.

Nämlich?

In Winterthur eröffnen wir Anfang Oktober einen ersten Otto’s Beauty Shop. Wir wollen Markenparfüms, und Pflegeprodukte zu unschlagbaren Preisen auf 150 Quadratmetern verkaufen. Damit greifen wir natürlich Geschäfte wie Douglas und Import Parfümerie an. Sollte der Test erfolgreich sein, könnte ich mir in den kommenden Jahren einige Shops in Einkaufszentren und an Passantenlagen in den Innenstädten vorstellen.

Vor fünf Jahren ist ihr Vater gestorben. Er ist in ihrem Geschäft nur schon mit seinem Namen nach wie vor omnipräsent. Denken Sie oft an ihn?

Klar, er ist noch stark da. Gerade auch wegen seiner politischen Tätigkeit. Nach seinem Tod sind etliche Parteiexponenten zu mir gekommen und wollten mich überreden, in die Politik einzusteigen. Rückblickend bin ich schon sehr beeindruckt, wie er mit all den Anforderungen umgehen konnte, die ein politisches Amt erfordern. Dazu hätte ich den Nerv nicht.

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Ihr Vater lancierte seine politische Karriere erst zu dem Zeitpunkt, als Sie und Ihr Bruder ins Geschäft eingestiegen sind. Sie haben ja noch Zeit.

Im Moment ist die Politik keine Option für mich. Am Abend gehe ich lieber nach Hause als an eine politische Sitzung. Otto’s zu führen, eine Familie mit kleinen Kindern zu haben und Politik zu betreiben, das geht nicht. Das Geschäft braucht meinen Bruder und mich. Einer von uns beiden muss immer hier auf der Matte stehen.

Sind Sie nicht ersetzbar?

Natürlich ist jeder ersetzbar. Aber wenn wir beide nicht mehr hier wären, müsste die Struktur komplett umgebaut werden. Momentan wäre das nicht machbar.

Was halten Sie denn von der aktuellen Grosswetterlage in der Politik?

Dem Wirtschaftsstandort geht es nach wie vor sehr gut. Aber ich bin überzeugt, dass wir von dem zehren, was unsere Väter und Grossväter aufgebaut haben. Wir müssen wieder lernen, eine eigene Meinung zu haben und uns gegenüber dem Ausland zu behaupten. Wir haben die gefährliche Tendenz, es allen recht machen zu wollen. Parallel dazu erlassen wir immer neue Gesetze, die uns das Leben schwermachen. Das sehe ich langfristig als das grösste Problem.

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