Zum Tod von Otto Stich
«Otto Stich war ein korrekter Bünzli, redete immer vom Sparen»

An der Person Otto Stich scheiden sich die Geister: Entweder kam man mit ihm aus oder nicht. «Wir sind bis am Schluss nie gut miteinander ausgekommen» , sagt alt SP-Präsident Helmut Hubacher. Andere konnten es bestens mit ihm

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Otto Stich legt seine Memoiren vor (Aufnahme von 2009)

Otto Stich legt seine Memoiren vor (Aufnahme von 2009)

bzr

«Wir sind bis am Schluss nie gut miteinander ausgekommen» , sagt alt SP-Präsident Helmut Hubacher als er von der Aargauer Zeitung erfuhr, dass alt Bundesrat Otto Stich tot ist.

Ganz anders nahm Hubachers Nachfolger Peter Bodenmann Otto Stich war. «Er war ein Stück Schweiz. Selbst gegen Blocher gewann er in der TV-Arena, weil er mit seiner Pfeife, seinen Schlabberhosen und seiner Liebe zur Schweiz authentischer war als sein reiches Gegenüber Blocher.»

Christoph Blocher (SVP): «Otto Stich war als Finanzminister gut bei den Ausgaben. Bei den Einnahmen war er halt doch ein Sozialdemokrat. Ich habe mit Otto Stich immer sehr gut zusammenarbeitet. Er war zwar ein unkonventioneller Linken.»
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Paul Rechsteiner (SP): «Unter Otto Stich war es unvorstellbar, dass die Grossbanken sagen, wo es lang geht.»
Susanne Leutenegger Oberholzer (SP): «Otto Stich hatte mich bei Coop als Prokuristin eingestellt. Ich habe ihn als Frauenförderer erlebt»
Hans-Jürg Fehr (SP): «Viele, die Otto Stich gewählt hatten, haben dies später bedauert. Denn Otto Stich war ein senkrechter Sozialdemokrat.»
Maximilian Reimann (SVP): «Otto Stich war kein Populist. Er folgte immer seinen Überzeugungen.»

Christoph Blocher (SVP): «Otto Stich war als Finanzminister gut bei den Ausgaben. Bei den Einnahmen war er halt doch ein Sozialdemokrat. Ich habe mit Otto Stich immer sehr gut zusammenarbeitet. Er war zwar ein unkonventioneller Linken.»

Keystone

Ein Sparonkel

Bodenmann wie Blocher sind sich aber in einem Punkt einig: «Er war hoch disponibel, fand immer eine Lücke in der Agenda, wenn ich mit ihm reden wollte», sagt Bodenmann. «Er war hoch flexibel, Machte immer einen Termin möglich, wenn jemand ein Anliegen hatte», sagt Hubacher. Und noch etwas sagen beide alt-SP-Präsidenten unisono. «Stich war ein korrekter Bünzli, redete immer vom Sparen, trug immer Sorge zum Geld», sagt Hubacher. «Er war ein helvetischer Sparonkel, dem jeder sein Sparbuch überlassen hätte», sagt Bodenmann.

Und Bodenman sagt auch. «Stich hatte eine bestechende Buchhalterlogik: Schulden machen fand er unsozial, weil davon nur die Reichen profitieren.» Hubacher bereut, dass er nie mehr den Draht zu dieser «grossen Figur« der Schweizer Politik gefunden hat. Für den alt-68er Bodenmann war er ein verlässlichr Weggefährte, «der in der sozialen Frage immer richtig tickte und dem die Partei nie egal war.»

Bürgerliches Eigengoal

Zwar habe Stich einer anderen Generation angehört als die seinerzeitige Parteileitung durch ihn, Bodenmann. So habe man das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne gehabt, die sozialdemokratischen Grundwerte aber geteilt. Auch erweise sich die Bereitschaft zur Vielfalt in einer Partei als als produktiv.

Stich sei gegen den Willen der SP anstelle von Lilian Uchtenhagen gewählt worden, ruft Bodenmann in Erinnerung. Den Bürgerlichen, die das getan hätten, sei ihr Eigengoal aber schnell klargeworden. Sie hätten gemerkt, dass Stich nicht aus Wachs sondern durch viele politische Niederlagen gestählt war.

Stich habe hervorragend begriffen, dass Politik Taktik sei. Statt schnell nachzugeben sei es angezeigt, an die Grenzen zu gehen. Als Bundesrat habe der Verstorbene unheimlich spannende Jahre in Bern verbracht. Die europäische Frage, die Ökologie und der Aufstieg der SVP als Spaltpilz des bürgerlichen Lagers etwa seien alle in seine Zeit gefallen.

Otto Stich habe wenig repräsentiert, lieber sei er über einem Dossier im Büro gesessen. Schnell sei er mit Problemlösungen zur Hand gewesen. So habe er sich eine grosse Glaubwürdigkeit aufgebaut - nicht zuletzt in der Bevölkerung.

«Markige, aber herzliche Persönlichkeit»

Der Bundesrat nimmt Anteil an der Trauer über den Tod von Otto Stich und spricht der Familie sein herzliches Beileid aus. Der ehemalige Bundespräsident werde als markige, aber herzliche Persönlichkeit in Erinnerung bleiben, heisst es in einer Mitteilung.

Die Landesregierung erinnert an politische Höhepunkte, die Stich zunächst mit seiner Ernennung zum Gemeindeammann von Dornach erlebte, später mit der Wahl in den Nationalrat und schliesslich in den Bundesrat.

Stich habe schon nach kurzer Zeit seiner Amtsführung Freunde und Kritiker für sich einzunehmen vermocht. Überzeugt habe er vor allem mit Hartnäckigkeit und Sachverstand, mit welchem er sich für seine Überzeugungen einsetzte, schreibt der Bundesrat.

Stets sei der ehemalige Finanzminister so wahrgenommen worden, wie er seine Ende 2011 erschienene Autobiografie überschrieb: «Ich blieb einfach einfach».

Traurige SP Schweiz

Die SP Schweiz hat am Donnerstag tief betroffen auf den Tod ihres ehemaligen Bundesrats Otto Stich reagiert. Parteipräsident Christian Levrat bezeichnete ihn als einen der «glaubwürdigsten und volksnahesten Bundesräte der Geschichte».

Stich «war der umsichtigste Finanzminister, den ich erlebt habe», lässt sich Levrat in einem SP-Communiqué weiter zitieren. Zudem würdigte die Partei Stich als aufrechten Sozialdemokraten.

Gemäss einem Rückblick der SP auf den Werdegang ihres verstorbenen Mitglieds startete Stich 1953 als Mitglied der Rechnungsprüfungskommission in Dornach SO. 1957 wurde er Gemeinderat und Gemeindeammann. 1963 folgte der Schritt in den Nationalrat.

In den Bundesrat gewählt wurde Stich anstelle der offiziellen Kandidatin Lilian Uchtenhagen. Er ersetzte dort Willy Ritschard der einige Wochen zuvor gestorben war - kurz nach seiner Rücktrittsankündigung. Nach seinem Rücktritt 1995 meldete sich Stich gemäss SP hin und wieder «mit scharfsinnigen Analysen zu Wort».

Gomm: «Stich hat persönlichen Ehrgeiz dem Gemeinwohl untergeordnet»

Der Solothurner Landammann Peter Gomm (SP) hat das politische Schaffen des verstorbenen Otto Stich gewürdigt. Stichs jahrelanges Engagement könne für jüngere Politikerinnen und Politiker beispielgebend sein. «Seinen persönlichen Ehrgeiz hat er stets dem Gemeinwohl untergeordnet.»

Für Stich aus dem solothurnischen Dornach sei Politik eine Lebensaufgabe gewesen, hielt Gomm am Donnerstag in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenagentur sda fest.

Stich habe sich schon in jungen Jahren engagiert und sei den Weg der «Ochsentour» gegangen. Diese habe ihn am Schluss in den Bundesrat geführt.

Sprichwörtlich sei Stichs Sparsamkeit gewesen, mit der er zur Bundeskasse geschaut habe, betonte Gomm, seinerseits Vorsteher des Departementes des Innern. Auch nach seiner Zeit als Bundesrat habe sich Stich als einfacher Bürger immer wieder zu Wort gemeldet.

Für die Belange des Kantons Solothurn habe Stich während seiner Zeit als Nationalrat immer ein offenes Ohr gehabt. Als Bundesrat habe er übergeordnete Zielsetzungen erfüllen müssen.

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