Max Dohner

«Mir fehlen mutige Bischöfe», sagt Otto Ineichen, «man muss jetzt hart aufzeigen, was abgeht in der katholischen Kirche, vor allem in Rom.» Bei Ineichen, Unternehmer und FDP-Nationalrat, ist katholisches Herzblut in jedem Satz zu spüren, auch wenn wir das Gespräch telefonisch führen: «Die katholische Kirche steht vor einer Zerreissprobe», sagt er, «es muss sich etwas bewegen, von der Basis aus. Es braucht eine Revolte gegen die Bischofskonferenz. Ich bin um Himmels willen aber nicht derjenige, der sie ausruft.»

Ineichen ist Präsident des Studienheims Don Bosco in Beromünster, wo sein Sohn zur Schule ging. Er sei stolz darauf, sagt er, das Internat mittlerweile völlig privatisiert und vom Orden getrennt zu haben. Obwohl sich Ineichen als «Sonntagskatholik» bezeichnet, der im Jahr rund ein Dutzend Mal die Messe besuche, engagiert er sich tatkräftig.

Die Erosion, den Kirchgängerschwund in Sursee mitzuerleben, Ineichens Heimatregion und «eine absolute katholische Hochburg bis vor vier, fünf Jahren», tue ihm weh, sagt er. Er kenne «einige Fälle» von hervorragenden Priestern, die das nicht mehr sein wollen oder nicht mehr dürfen, «weil sie verdeckt in einer Beziehung lebten. Das ist doch verrückt.»

«Küng könnte Befreiungsschlag führen»

Der Zölibat gehöre darum ganz zuoberst auf die Diskussionsliste: «Priester, die gegen den Zölibat verstossen, dürfen nicht länger kriminalisiert werden.» Ineichen plädiert für einen freiwilligen Zölibat, «sonst steht die katholische Kirche vor enormen Herausforderungen»; die Priester würden eines Tages schlicht fehlen. «Eine weitere Kirchenspaltung kann sich Rom jedenfalls nicht mehr leisten.»

Es gehe ihm keinesfalls darum, die wertvolle Arbeit der Priester zu desavouieren, «aber zum ersten Mal ist wohl der Moment da», sagt Ineichen, «da sich vielleicht etwas bewegen könnte.» Er setze riesige Hoffnung in Hans Küng (Ineichens einstigen Jungwacht-Scharführer), dem er zutraut, mit dem Netzwerk, über das Küng verfüge, die besagte «Revolte» anzustossen und «einen Befreiungsschlag zu führen». Den anderen Teil seiner Hoffnung knüpfe er an die Basis in den Gemeinden, Frauen wie Männer, die extrem viel positiv bewegen wollen, jetzt aber unter der Situation auch extrem leiden würden und sähen, dass selbst für sie die Lage schwierig werde. Er wisse, sagt Ineichen, wie viel es koste, die Basis zu stärken, weil die katholische Kirche «nicht demokratisch, sondern diktatorisch organisiert» sei. Es brauche seiner Meinung nach «zwei, drei mutige Bischöfe oder Kardinäle», die in Rom die Fakten auf den Tisch legen und die grassierende Scheinheiligkeit ein für alle Mal beenden. Die Bischofskonferenz müsse sich auch mal etwas weiter bewegen als bis dorthin, wo sie aufgrund der Ereignisse unbedingt müsse.

Trennung von Kirche und Staat

Ein Mittel, damit sich etwas bewegt, sieht Ineichen in der Trennung von Kirche und Staat. Sollte die Kirche eines Tages faktisch nicht mehr finanziert werden, «würde wohl eine Revolution von unten stattfinden». Im Moment seien sich die Verantwortlichen der katholischen Kirche «nicht bewusst, in welche Gefahr sie geradewegs laufen.» Die Frage nach der Ordination für Frauen hält Ineichen – im Vergleich zum Zölibat – nicht für prioritär: «Wenn man die katholische Kirche demokratisiert, müssen auch die Frauen ihren Platz haben.» Freilich hätten sie da schon jetzt eine eminente Bedeutung.