Oswald Sigg ist ein etwas kauziger Typ, und doch sehr umgänglich. Der heute 68-Jährige hat Sinn für Ironie. Und alles zusammen hat den promovierten Soziologen in Bundesbern zu einer Ausnahmeerscheinung gemacht. Entsprechend gemocht haben ihn die Bundeshausjournalisten - in seinen Funktionen als Stabs- und Kommunikationschef in verschiedenen Departementen, zwischen 2005 und 2009 dann als Vizekanzler und Sprecher des Bundesrates.

Zur letztgenannten Stelle war er gekommen wie die Jungfrau zum Kind: Die damalige Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz hatte ihn für den Posten angefragt; offenbar hatten die eingegangen Bewerbungen die Erwartungen allesamt nicht erfüllt. Sigg nahm das Angebot an, nicht zuletzt, wie er damals sagte, aus einer «gewissen Neugier, einmal zu sehen, wie es im Bundesratszimmer wirklich zu- und hergeht».

250 000 Franken Schweige- und Schmerzensgeld

Die Erwartungen der Medien an den neuen obersten Mund der Landesregierung waren hoch: Man hoffte auf mehr Transparenz bei der Landesregierung. Diese Erwartungen wurden enttäuscht: Der Bundesrat nahm Sigg von Beginn weg an die kurze Kommunikationsleine. Der Sprecher litt darunter zusehends. In der Regel war Siggs Leidensmine das spannendste an den jeweils mittwochs stattfindenden Medienkonferenzen des Bundesrates. Im Rückblick schrieb er kürzlich in der az über seine Zeit als Magistratsperson: «Als Sprecher hatte ich gewöhnlich beredt zu schweigen, und stattdessen zu schreiben, nämlich vorwiegend ein belangloses Communiqué.»

Immerhin bekam Sigg ein fürstliches Schweige- und Schmerzensgeld: Der Mann, der jetzt ein bedingungsloses monatliches Grundeinkommen von 2000 Franken verlangt, hatte als Vizekanzler ein Jahressalär von 250 000 Franken.

Sigg lancierte schon einmal eine Volksinitiative

Nach seiner Pensionierung vor drei Jahren ist Oswald Sigg nun wieder aufgeblüht: Er schreibt Kolumnen (unter anderem für die az), hat in Buchform ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit unserer Parlamentarier geschrieben sowie ein Kochbuch veröffentlicht. Und jetzt engagiert er sich also für ein bedingungsloses Grundeinkommen - übrigens nicht die erste von Sigg mitlancierte Volksinitiative: Als Mitglied der Jugendfraktion der BGB (der heutigen SVP) war er der Kopf einer eidgenössischen Volksinitiative zur Vereinheitlichung des Schulsystems. Diese ging dann im Bildungsartikel auf, der 1973 am Ständemehr scheiterte.

Ebenfalls 1973 wechselte Sigg von der BGB zur SP bei. Zum roten Tuch für viele Bürgerliche wurde er aber erst sechzehn Jahre später: 1989 unterstützte der Oberleutnant der Gebirgsinfanterie offen die Initiative zur Abschaffung der Armee. Kommunikationschef des VBS wurde er in den Neunzigerjahren dann aber trotzdem. (cav)