Generika

Original oder Generikum: Welches Medikament darf's denn sein?

Fünf Prozent aller Patienten erleiden bei ihrem Spitalaufenthalt eine medikamentenabhängige Komplikation - die Hälft davon ist schwerwiegend. Grund: Originalpräparate und Generika werden zuweilen verwechselt. Das will SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga nicht länger hinnehmen.

Sven Zaugg

Diesen Sommer wird sich die nationalrätliche Gesundheitskommission mit einem brisanten Dossier befassen müssen. In einer Motion forderte SP-Ständerätin und Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga den Bundesrat auf, die Spitäler zu verpflichten, beim Austritt der Patienten auf die Verordnung von Markenamen zu verzichten. Stattdessen sollen Spitäler ausschliesslich Wirkstoffe und Dosierung der Medikamente sowie deren Packungsgrösse angeben.

Laut Sommaruga sollen damit Verwechslungen und unwirtschaftliche Methoden verhindert und zusätzlich Kosten gespart werden. Rund fünf Prozent aller Patienten erleiden bei ihrem Spitalaufenthalt eine medikamentenabhängige Komplikation – die Hälfte davon ist schwerwiegend.

Ein solcher Fall wurde bereits dokumentiert. Bei der Entlassung aus dem Spital wurde einem Patienten ein Rezept für zwei verschiedene Medikamente mit den gleichen Wirkstoffen ausgestellt. Er löste das Rezept ein, nahm beide Medikamente (Generikum und Originalpräparat) gleichzeitig zu sich und klagte später über starke Schwindelbeschwerden. Klare Folgen einer Überdosis.

Wirtschaftliches Vorgehen gefordert


Zwar unterstützt der Bundesrat die Massnahmen, welche dazu beitragen, die Sicherheit in der Medikamentenverordnung weiter zu verbessern. Die Forderung auf Originalpräparate zu verzichten, lehnt die Regierung jedoch ab. Sie beruft sich in ihrer Begründung auf die ärztliche therapeutische Freiheit, wonach allein die Ärzte entscheiden, welche Medikamente verschrieben werden. Eine gesetzliche Verpflichtung der Spitäler zur Abgabe von bestimmten Medikamenten (Generika) stehe im Widerspruch zur therapeutischen Freiheit.

Sommaruga hält dagegen, dass die Grundversicherung auch bei der Verschreibung von Medikamenten ein wirtschaftliches Vorgehen verlange. «Es braucht einen therapeutischen Grund, das teurere Präparat zu verschreiben.» Dem Arzt würde damit nie und nimmer die therapeutische Freiheit entzogen, stellt Sommaruga fest.

Trotz der ablehnenden Haltung des Bundesrates wurde Sommarugas Motion vom Ständerat durchgewinkt. Zu den Chancen im Nationlrat will sich die Ständerätin nicht äussern, lässt aber durchblicken, dass die Pharmalobby nicht klein beigeben werde, da der Spitalmarkt für die Hersteller von Originalpräparaten ein lukratives Marktsegment sei.

Dosierung und Beschriftung sind entscheidend


Derweil hat sich Sommarugas Forderung in der Praxis bereits bewährt. Die Berneroberländer Spitalgesellschaft FMI (Frutigen, Meiringen, Interlaken) praktiziert die Verschreibung von Wirkstoffen statt Markennamen seit geraumer Zeit.

«Wir haben die Wirkstoffverordnung primär aus einer Sicherheitsüberlegung eingeführt, nicht um Kosten zu sparen», erklärt Chefapotheker Enea Martinelli. Aber es habe sich gezeigt, dass durch die Verschreibung von Wirkstoffen auch Kosten gespart werden können. Wie hoch die Einsparungen ausfallen, kann und will Martinelli nicht beziffern.

Laut Martinelli können nur Präparate in die Arzneimittelliste aufgenommen werden, die für die Spitäler alle notwendigen galenischen (Dosierung) Formen bieten; seien es Ampullen, Zäpfchen oder Tabletten. «Das Generikum muss zwingend für jede Anwendung den gleichen Namen tragen, da es sonst zu Verwechslungen kommt», fordert Martinelli.

Konsumenten für Generika sensibilisieren

Vom Vorwurf der ungenügenden Dosierung distanziert sich der Schweizer Generikahersteller Mepha. Die Firma mit Sitz im baslerischen Aesch hat nach eigenen Angaben zusätzliche galenische Formen und eine verbesserte Dosierung auf den Markt gebracht.

Mediensprecher Christoph Herzog spricht denn auch von einem grossen Vorteil für die Patienten, wenn statt Markennamen Wirkstoffe verschrieben würden. Der Patient könnte somit selber entscheiden, ob ein Generikum zum Einsatz kommen soll.

Patienten werden nach einer Behandlung oft auf ein bestimmtes Präparat eingestellt, das über längere Zeit eingenommen werden muss. Herzog geht davon aus, dass «durch die gezielte Förderung von Generika die Gesundheitskosten gesenkt werden können». Detaillierte Rechnungen, wie hoch diese Einsparungen ausfallen dürften, kann Mepha jedoch nicht liefern.

Die Einführung von Generika lancierte zudem einen Preiskampf, von dem Patienten sowie Spitäler profitierten, ist Herzog überzeugt. Oft gelingt es den Generikaherstellern jedoch nicht, ihre Produkte zu verkaufen, weil die Spitäler das Originalprodukt zu einem noch günstigeren Preis beziehen können.

Es bestehe sogar die Gefahr, dass Generikafirmen künftig immer weniger Spitalprodukte einführen werden, moniert Herzog. Konsequenz: der Wettbewerb könnte zum Erliegen kommen. Damit würde sich eine weitere, unnötige Belastung für das Schweizer Gesundheitssystem abzeichnen.

Streit um Bioverfügbarkeit

Im Kantonsspital Aarau zeigt sich, wie der Markt spielt: «Das Kantonsspital Aarau setzt dann Generika ein, wenn Einsparungen gemacht werden können und die Qualität stimmt. Doch für die wirklich teuren Medikamente, die den Hauptanteil im Medikamentenbudget des Spitals ausmachen, gibt es leider keine Generika», sagt Chefapotheker Richard Egger. Hinzu komme, dass die Bioverfügbarkeit stark variiere.

Die Bioverfügbarkeit ist der Wert, wie viel des eingenommenen Wirkstoffs wirklich ins Blut gelangt. Dieser Indikator muss im Vergleich zum Originalmedikament zwischen 80 und 125 Prozent liegen. So verlangt es das Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Das sei nicht korrekt, entgegnet Mepha-Pressesprecher Herzog. «Wenn die Bioverfügbarkeit nicht den gesetzlichen Anforderungen entspricht, erhält ein Generikum keine Zulassung durch das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic.» Egger gibt jedoch zu bedenken, dass ein Medikamentenwechsel einen sehr hohen administrativen Aufwand nach sich ziehe, mehr noch: «Jeder Medikamentenwechsel ist ein Risikofaktor.»

Derweil macht sich SP-Politikerin Sommaruga keine falschen Hoffnungen. Sie weiss, wie mächtig die Pharmalobby ist. Diesen Sommer könnte jedoch Bewegung in die Sache kommen, wenn sich die nationalrätliche Gesundheitskommission zu Gunsten der Patienten entscheidet.

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