Nachspiel

Organ-Skandal um Chefarzt: Nach der Enthüllung überprüft jetzt «Nature» die Studie

Das Universitätsspital Genf steht im Mittelpunkt eines Forschungsskandals.

Das Universitätsspital Genf steht im Mittelpunkt eines Forschungsskandals.

Ein Forscher der Universität Genf könnte Unwahres in dem weltbekannten Magazin publiziert haben. Die Affäre zieht Kreise – nun auch in den Westschweizer Medien.

Darf ein Wissenschafter in «Nature» veröffentlichen, wird er zum Gesprächsthema Nummer 1 an seiner Universität. Eine Publikation in diesem Magazin hilft auch, die Schatullen von Geldgebern zu öffnen. Thierry Berney, Chefarzt am Genfer Universitätsspital, hat es mit Kollegen in dieses renommierte wissenschaftliche Magazin geschafft – mit einer Studie basierend auf Arbeit aus seinem Labor.

Das Problem: In dem Labor geschahen zum Teil illegale Dinge mit den Zellen hirntoter Spender, wie CH Media am Freitag publik machte. Berney hatte für die Verwendung der Zellen für Forschung laut der Generalstaatsanwaltschaft, anders als vorgeschrieben, keine gültige Bewilligung durch die Genfer Ethikkommission. In der «Nature»-Studie steht aber: «Alle Studien mit menschlichen Proben wurden von der Ethikkommission der Universität Genf genehmigt.» Eine falsche Aussage. Oder bezieht sich das Wort «Studien» auf etwas anderes als die Arbeit in dem Labor, für welche die Bewilligung der Ethikkommission fehlte?

«Nature» nimmt die Sache ernst. Das Magazin untersucht auf Anfrage von CH Media die Studie, wie eine Sprecherin mitteilt. Dies werde «sorgfältig» und nach einem «festgelegten Verfahren» passieren.

Berney und die Universität Genf haben gegenüber «Nature» bisher über die Sache geschwiegen. Die Zeitschrift sagt:

Genügend Zeit für ein E-Mail hätten die Genfer gehabt. Die Entscheidung des Staatsanwalts wurde ihnen vor zehn Monaten zugestellt.

Berney und die Universität setzen auch sonst auf eine Strategie des Schweigens. Zu einem möglichen Rückzug der Studie beantwortet weder die Institution noch der Professor und ehemalige Vize-Dekan Fragen.

Vor dem Staatsanwalt hatte er ausgesagt, er sei davon ausgegangen, dass sich eine Ethikkommissions-Bewilligung von 2005 über die Jahre stillschweigend erneuert habe. Allerdings ging es darin um ein völlig anderes Ziel. Das Strafverfahren gegen ihn wurde wegen Verjährung eingestellt, strafrechtlich ist er unschuldig. Die Recherchen unserer Zeitung griff gestern auch das Westschweizer Radio RTS auf.

Berney hat von der Arbeit in seinem Labor – die Gesetze verletzte – wissenschaftlich stark profitiert. Sein Name erschien über die Jahre in der Autorenzeile zahlreicher anderer Studien.

Fraglich ist, ob einige zurückgezogen werden müssen. Edwin Constable, Chemieprofessor an der Universität Basel, ist Präsident der Kommission für wissenschaftliche Integrität der Akademien Schweiz, dem Dachverband der Schweizer Wissenschaft. Den konkreten Fall könne er nicht beurteilen, sagt Constable, aber:

Aus ethischer Sicht fände er dann sogar den Rückzug der Studie richtig. Es sei höchst selten, dass in einer Studie geschrieben werde, es liege eine Bewilligung der Ethikkommission vor, wenn es diese gar nicht gibt. «Ich kann mich an keinen einzigen solchen Fall erinnern», sagt Constable.

Viele Fragen wirft auch eine zweite Studie auf. Sie erschien ganze sieben Monate nachdem der Staatsanwalt festgestellt hatte, dass Berney 2014 das Gesetz verletzte, als er keine Bewilligung der Ethikkommission einholte. Die Studie basierte auf Forschung an Zellen aus den Jahren 2014 bis 2016. Dennoch stand darin: «Experimente mit menschlichen Inselzellen wurden von unserem lokalen institutionellen Ethikkommission genehmigt.» Erst im November 2016, als der Skandal schon lange losgetreten war, beantragte Berney eine Ethikkommissions-Bewilligung.

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