Als Tshator Khangsar (64) seinen Schweizer Pass verlängert und das neue rote Büchlein erhält, denkt er, es müsse sich um einen Fehler handeln. Als Geburtsdatum ist der 00.00.1954 eingetragen. Er meldet die seltsamen Zahlen dem kantonalen Passbüro und bittet um eine Korrektur. Ein Sachbearbeiter teilt ihm mit, er müsse sich an seine Gemeinde wenden und einen Geburtsschein vorlegen. Das Problem: Khangsar besitzt keinen. Bei seiner Einbürgerung vor 20 Jahren trugen die Behörden deshalb den 1. Januar in seinen Pass ein.

Khangsar gehört zur ersten Generation tibetischer Flüchtlinge, die mehrheitlich ohne Ausweise in die Schweiz kam. Die wenigen Papiere, welche die Reise überstanden, waren vom indischen Monsun durchnässt und kaum lesbar. In der tibetischen Kultur hat das Geburtsdatum ohnehin keine Bedeutung. Man wird einfach an Silvester ein Jahr älter. Die Schweizer Behörden trugen meist den 1. Januar ein. Auch in den Schweizer Asylzentren von heute ist jeder Fünfte offiziell an diesem Tag geboren. In Khangsars Fall ist das fiktive Datum nicht ganz falsch: Seine Eltern erzählten, er sei an einem Wintertag zur Welt gekommen.

Khangsars früheste Erinnerung stammt aus einer Juninacht 1959. Der Vater sagt zum Fünfjährigen: «Heute gehen wir.» Wohin? Der Junge erhält neue Schuhe und neue Kleider, obwohl es diese normalerweise nur an Neujahr gibt. Die Familie flüchtet von Tibet nach Indien. Nachts wandert sie durch Wälder, tagsüber schläft sie in Höhlen. Als sie die indische Grenze erreicht, sind die Schuhe kaputtgelaufen, die Kleider zerrissen. Der kleine Tshator hat an die Szene nur eine Erinnerung: Bilder von indischen Militäruniformen. Sieben Jahre lebt er in einem Internat, bis das Rote Kreuz ihn und seine Familie 1967 nach Schöftland AG holt. Ein Jahr später zieht sie nach Flawil SG, wo Khangsar bei der Maschinenfabrik Bühler eine Anlehre als Polymechaniker macht.

Damals war er 14 Jahre alt. Heute arbeitet er immer noch bei der gleichen Firma. Im nächsten Jahr wird er pensioniert. Er weiss nur nicht an welchem Tag. Ist der nullte Nullte Anfang oder Ende Jahr?

Als Khangsar mit dem neuen Pass nach Indien reist, wird er als Einziger seiner Reisegruppe am Zoll zur Seite genommen. Der Grenzbeamte des Flughafens Neu-Delhi holt Verstärkung, um die verdächtigen Nullen zu untersuchen. Nach einer halben Stunde lassen sie Khangsar weiterziehen.

Der häufigste Geburtstag der Schweiz

Gemäss dem Bundesamt für Statistik ist der 1. Januar der häufigste Geburtstag in der Schweiz. An diesem Tag werden mehr als doppelt so viele Leute wie an einem durchschnittlichen Tag ein Jahr älter. Auf der Rangliste folgen der 1. März, der 1. Mai, der 1. Juli und der 1. Februar. Die Statistik ist geprägt von Menschen, die höchstens den Geburtsmonat, aber nicht den -tag kennen.

Schon zu Kafkas Zeiten wunderte man sich über die Auswüchse der Bürokratie, doch Papier lässt sich überlisten. Es reklamiert nicht, wenn man fehlende Angaben mit einer Eins kaschiert. In der digitalisierten Bürokratie aber fällt der Trick auf, es erscheint eine Fehlermeldung. Schweizer Zivilstandsbeamte können im elektronischen Personenstandsregister Infostar deshalb die Rubrik «keine Angabe» anklicken, die von den Passbüros bis vor kurzem jeweils mit dem 1. Januar übersetzt wurde. Niemand störte sich daran.

Doch dann setzte Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf im Jahr 2010 die Verordnung über die Ausweise für Schweizer Staatsangehörige in Kraft. Es war eine ihrer letzten Amtshandlungen, und sie wurde bis heute von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Artikel 6, Absatz 2: «Ist der genaue Tag oder der Geburtsmonat unbekannt oder sind beide unbekannt, so werden die unbekannten Ziffern durch Nullen ersetzt. Das Geburtsjahr ist immer anzugeben.»

Nachfragen in der Bundesverwaltung ergeben sinngemäss: Sorry, nicht unsere Idee. Man setze nur die Richtlinie der International Civil Aviation Organization um, eine Agentur der UNO mit Sitz in Kanada. Diese erlässt Regeln für die Zivilluftfahrt und beeinflusst, was in Schweizer Ausweisen steht. Die UNO-Behörde hat inzwischen zwar bemerkt, dass der nullte Nullte nicht die ideale Lösung des bürokratischen Problems ist. Neuerdings erlaubt sie deshalb eine Alternative: Statt viermal Null darf ein Beamter auch viermal X eintragen. In eine Schweizer Verordnung hat es diese Erfindung aus Kanada noch nicht geschafft. Tshator Khangsar wäre damit aber nicht geholfen.

Er ist einer von 820 Betroffenen in der Schweiz, die einen Ausweis mit vier Nullen haben. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Die Auswirkungen der Verordnung des Justizdepartements werden mit Verzögerung spürbar, weil die Nullen erst bei einer Erneuerung der ID oder des Passes gedruckt werden.

Wie man das zeitlose Datum loswird, hat Tsering Hug (53) aus Walenstadt SG vorgemacht. Sie ging vor Gericht und verlangte eine Datenbereinigung. Ihre 80-jährige Mutter trat als Zeugin auf und gab an, dass ihr erstes Kind im Jahr des Drachens zur Zeit des ersten Frühlingsvollmondes geboren worden war. Die Richter des Kreisgerichts Werdenberg-Sarganserland urteilten, im Pass sei der 28. März einzutragen. Für Hug ein Happy End, nur die 600 Franken Bearbeitungsgebühr schmerzten sie.

Tshator Khangsar hat diese Möglichkeit nicht. Seine Eltern starben vor 18 Jahren. Er kenne aber einen 87-jährigen Mönch in Indien, der vielleicht per Brief seine Geburt zur Winterzeit bestätigen könne. Doch Khangsar mag nach einem langen Schriftwechsel mit den Behörden nicht mehr weiterkämpfen: «Ich bin zu alt. Es lohnt sich für mich nicht mehr, vor Gericht zu gehen.» Er werde für seine Auslandreisen einfach mehr Zeit einberechnen.

Rentenalter 65½

Nicht lösbar erscheint zudem das Problem, dass jedes Amt eine eigene Zeitrechnung führt. Denn jetzt wird die Geschichte bürokratisch noch komplizierter: Das Bundesamt für Sozialversicherungen teilt auf Anfrage mit, es habe die Änderung in den Ausweisen zur Kenntnis genommen, registriere allerdings Personen mit unbekanntem Geburtsdatum bei der AHV weiterhin mit dem 1. Januar. Doch bei diesen Leuten gelte das Datum nicht wie bei allen anderen als Stichtag für die Pensionierung: «Der Rentenanspruch beginnt für diese Versicherten am 1. Juli – also salomonisch in der Mitte – des Jahres, in dem sie das Rentenalter erreichen», heisst es beim Bundesamt. Khangsar muss also ein halbes Jahr länger arbeiten.

Wenn Tshator Khangsar über seine Erlebnisse mit der Schweizer Bürokratie erzählt, erscheint auf seinem Gesicht ein Dalai-Lama-Lächeln. Die Absurdität seiner Probleme erheitert ihn. Etwas niedergeschlagen wirkt er erst, als er über seine Identität spricht. Als Exil-Tibeter könnte ihm das Geburtsdatum egal sein. Doch 50 Jahre nach dem Flug mit dem Roten Kreuz fühlt er sich längst als Schweizer. Er diente fünfzehn Jahre im Zivilschutz, seine Söhne sind im Militär und im FC Flawil, im Auto hört er SRF 1, die Familie feiert den 1. August, und jedes Jahr am 1. Januar versammelt sie sich zu seinem Geburtstag. Auch dieses Jahr hielt er an der Tradition fest. Die Feststimmung war nicht die gleiche wie zuvor.