Gleich beim Hotel Schweizerhof, nur wenige Schritte vom Berner Hauptbahnhof entfernt: Hier eröffnet der Kampfjethersteller Dassault Aviation demnächst sein Verbindungsbüro, wie Recherchen der „Nordwestschweiz“ zeigen. Von hier aus wollen die Franzosen die Schweiz erobern. Gut 200 Jahre nach Napoleon. Diesmal nicht militärisch, oder jedenfalls nicht gleich militärisch: Der Rafale (französisch: Windstoss) soll das neue Schweizer Kampfflugzeug werden. Als Nachfolger von F/A-18 und Tiger.

Auf Anfrage bestätigt die Dassault-Zentrale in Paris: „Es ist selbstverständlich, dass man vor Ort in Bern präsent ist, wenn man an einem solchen Selektionsprozess mitmachen will.“ Das Büro zeuge „von unserem grossen Interesse für dieses Projekt, es ist ein unverzichtbares Instrument, um einen ständigen Dialog mit den Schweizer Behörden und der Industrie zu unterhalten.“

Die Operation Rafale läuft an. Der Schweizer Beschaffungsprozess ist zwar noch gar nicht gestartet, aber die Franzosen ziehen bereits in Bern ein. Die Kampagne könne schon im Lauf von 2017 beginnen, so die sichtlich um Transparenz bemühte französische Firma, und die Eröffnung des Berner Büros sei „eine wichtige Etappe“.

Beim letzten Mal, 2008, sah der Rafale zunächst aus wie der sichere Sieger. Schweizer Testpiloten schwärmten vom französischen Flugzeug, das den Konkurrenten, dem Eurofighter und erst recht dem Gripen, überlegen war. Aber dann drehte sich das Blatt. Auf Antrag des damaligen Verteidigungsministers Ueli Maurer (SVP) sprach sich der Bundesrat für den noch nicht existierenden Schweden-Jet aus. Die teils gleichen Piloten waren plötzlich für den Gripen.

Im Krieg erprobt

Fragt man französische Vertreter, wie es wohl zu diesem wundersamen Meinungsumschwung kam, so zucken sie nur die Schultern. Aus der Dassault-Zentrale heisst es diplomatisch: „In der Evaluation 2008, die sehr professionell war und qualitativ hochstehende Tests umfasste, schloss der Rafale tatsächlich auf dem ersten Platz ab“. Das sei kein Zufall gewesen, „wenn man die operationellen Resultate betrachtet, die dieses Flugzeugen an zahlreichen Schauplätzen erzielte: In Afghanistan, Libyen, Mali, der Zentralafrikanische Republik, Irak, Syrien“.

Um den Wert von Kampfjets zu messen, zählen für die Franzosen Kriege, und die können sie im Vergleich zu ihrer europäischen Konkurrenz vorweisen. „Wir vertrauen in die technischen und operationellen Fähigkeiten des Rafale. Dass Ägypten, Katar und Indien dieses Flugzeug gewählt haben, bestärkt uns in dieser Meinung“, hält Dassault fest.

Glückloser Hollande

2008 hatte noch kein fremder Staat den Rafale gekauft, das ist jetzt anders. Auch dank dem sonst glücklosen Präsidenten Hollande, der sich kräftig ins Zeug legte, wenn es um den Support für seine Kriegsindustrie ging: In Frankreich ist Industrieaussenpolitik Chefsache. Wer auch Nachfolger von Hollande wird, er (oder schlimmstenfalls: sie) wird bald in Bern in Sachen Rafale auf der Matte stehen.

Geht es nach Dassault, ist der Rafale seit 2008 noch besser geworden. So habe es 2012 ein Upgrade gegeben mit dem neuen ASEA Radar und neuen Waffen. 2018 folge ein nächster Entwicklungsschub: Etwa mit der Integration der Meteor-Lenkwaffe, einer neuen Luft-Luft-Rakete mit eine Reichweite von 100 Kilometern. Auch ein neues Laser-Zielgerät komme dazu.

Militärische und industrielle Zusammenarbeit

Unsicherheit beherrscht die Welt. Man wisse nie, was komme, heisst es in Paris. Wer habe schon die Krim-Annexion, den Terror, den IS, die Migration vorausgesehen? Und als Ersatz für den F/A-18 und den Tiger sei das Mehrzweck-Flugzeug ideal, das Luftaufklärung, Luftkampf und Erdkampf kann. „Ein Mehrzweck-Flugzeug wie der Rafale stellt eine Garantie dar, eine Form von „Lebensversicherung“, so Dassault. „Der Rafale ist eine Lösung, die perfekt auf die Bedürfnisse der Schweiz zugeschnitten ist, die es zudem erlaubt, wirksam sowohl auf die gegenwärtigen Herausforderungen wie auch die eventuelle künftige Entwicklungen der Sicherheitspolitik in den kommenden 40 Jahren zu reagieren.“

300-Millionen-Bestellung

Die Franzosen bieten der Schweiz auch ausgebaute militärische Zusammenarbeit mit dem Nachbarland: Training etwa, Zugang zu französischen Militärbasen, dem französischen Luftraum. Und nicht zuletzt industrielle Zusammenarbeit: „Die Schweizer Industrie kann an allen Teilen des Programms beteiligt werden: Produktion, Montage, Unterhalt, Logistik, Weiterentwicklungen“.

Soeben hat Frankreich bei Pilatus 21 Turboprop-Maschinen PC-21 bestellt, für 300 Millionen Franken. Auf den Jets sollen französische Piloten ausgebildet werden. Auch das sei ein Teil der Bestrebungen, die Verbindungen der zwei Luftwaffen zu verstärken, heisst es bei Dassault. Aber die Goodwill-Offensive aus Paris geht weiter. Die französische Armee vergab dem bundeseigenen Rüstungsbetrieb Ruag kürzlich einen Grossauftrag für militärische Simulationssysteme.

Nähe zu Frankreich

In der „Nordwestschweiz“ haben bereits die Deutschen mit dem Eurofighter, die Schweden mit dem Gripen und die Amerikaner mit dem F-35 und dem Super Hornet angekündigt, dass sie gerne ins Schweizer Rennen steigen würden. Aber egal, für welchen Jet sich der Bundesrat im Laufe der nächsten Jahre entscheidet: Eine riesige Summe, bis sieben oder gar zehn Milliarden Franken, könnte der Kampfjet-Deal die Schweiz kosten. Zwischen 30 und 50 Jets dürfte die Schweiz kaufen, um Tiger und FA-18 zu ersetzen. Die Hersteller aus dem Euro-Raum (neben dem Rafale auch der Eurofighter) erhoffen sich dabei Vorteile dank dem starken Franken: 2008 lag der Euro noch bei gut 1.50 Franken, jetzt ist er fast einen Drittel billiger.

Einen weiteren Vorteil, den die Franzosen diesmal haben: Verteidigungsminister Guy Parmelin ist Romand. Und hat einen weit unverkrampfteren Zugang zu Frankreich als Vorgänger Maurer. Was dazu führt, dass gewisse Deutschschweizer bereits von einem „Geheimplan Rafale“ sprechen, den der Waadtländer Bundesrat ausbrüte.

Die Franzosen überlassen nichts dem Zufall. Derzeit ist Dassault daran, einen Leiter des Büros Bern zu bestimmen. Ein Schweizer soll es sein, der die Verhältnisse kennt und gut Schweizerdeutsch spricht. Der „Schweizerhof“-Komplex, in dem das Rafale-Büro untergebracht wird, gehört übrigens dem Emirat Katar. Auch die katarische Botschaft ist dort einquartiert. Und Katar hat nicht nur Rafale-Kampfjets gekauft, sondern auch PC-21. Das fragt sich: Gibt es eine Verbindung zwischen dem Emirat und dem Dassault? Nein, das sei Zufall, heisst es bei Dassault.