Ob Partyzelte, Verkaufsstände oder Gewinnspiele: Schweizer Open-Air-Festivals gehören zu den letzten Orten, wo Tabakkonzerne bei einem jungen Publikum im grossen Stil Werbung betreiben können. Nur schon für das Recht, die konzerneigenen Zigarettenmarken vor Ort zu verkaufen, zahlen sie je nach Grösse des Anlasses zwischen 20’000 und 80’000 Franken. Für grössere Sponsoring-Auftritte können es gemäss Branchenkreisen zwischen 200’000 und 300’000 Franken sein. Die Tabakmultis wollen sich auf Anfrage der «Nordwestschweiz» nicht zu diesen Zahlen äussern.

Fakt ist: Die Schweizer Zigarettenbranche befindet sich in einer heiklen Phase. In wenigen Tagen geht die Anhörung des Bundesrates zum neuen Tabakproduktegesetz zu Ende. SP-Innenminister Alain Berset will darin zwar gewisse Werbeformen verbieten, den Herstellern von Marlboro, Parisienne und Co. im internationalen Vergleich aber sehr viel Spielraum lassen. Partyzelte an Open Airs etwa würden gemäss dem ersten Gesetzesentwurf trotz des tiefen Alters der Besucher auch in Zukunft legal bleiben. Einzige Auflage ist, dass die Anlässe keinen internationalen Charakter haben. Eine Bedingung, die ausnahmslos alle Festivals erfüllen.

Zwei Franken mehr fürs Ticket?

Gesundheitsorganisationen machen jetzt mit offensivem Lobbying Druck für ein komplettes Sponsoring-Verbot. Die Lungenliga Schweiz liess diesen Sommer im Umfeld des Paléo Festivals in Nyon im Kanton Waadt und am Open Air Gampel im Kanton Wallis je 800 Besucher befragen, ob sie bereit wären, mehr für das Eintrittsticket zu bezahlen, wenn die Veranstalter dafür auf Tabak-Gelder verzichten.

Obwohl die teils noch unveröffentlichten Umfrageresultate nicht repräsentativ sind, zieht die Lungenliga eine positive Bilanz: In der Westschweiz würden gemäss ihren Erhebungen 71 Prozent der Befragten zwei Franken mehr für ein Festival ohne Zigarettenwerbung ausgeben, im Wallis bei leicht abweichender Fragestellung 57,5 Prozent. Ein Drittel der Befragten am Gampel wäre sogar bereit, zehn Franken mehr hinzulegen.

Kritik von den Veranstaltern

Die Open-Air-Verantwortlichen haben keine Freude am Vorgehen der Organisation. «Eine Mehrheit der Festivalmacher ist nicht einverstanden mit den Erhebungen auf ihrem Gelände und den Schlüssen, die daraus gezogen werden», sagt Mike Schälchli, OK-Mitglied des Open Airs Gampel. Für ihn seien die Umfrageergebnisse «kein Bekenntnis gegen Tabaksponsoring» oder den Verkauf von Zigaretten vor Ort.

Schälchli ist neben dem Gampel auch für das Greenfield Festival in Interlaken, das Touch the Air im aargauischen Wohlen und das Open Air Val Lumnezia im Kanton Graubünden tätig. Die Situation für die Festivals sei schon heute schwierig, sagt er. Die Veranstalter kämpften mit immer höheren Gagenforderungen, erhielten vom Staat aber nicht die gleiche Unterstützung wie etwa Schauspiel- oder Opernhäuser. «Sehr viele Festivals mussten diesen Sommer von ihren Reserven zehren. Vor allem neuere Anlässe hatten wegen der Fussballweltmeisterschaften und Regenphasen Mühe.» Er befürchte, dass es vom Sponsoring-Verbot für Tabakprodukte bis zum Verbot für Bier- und Spirituosen-Werbung nicht mehr weit sei.

Die Lungenliga Schweiz bleibt derweil vom Gegenteil überzeugt. Sie sieht es in einer Mitteilung als erwiesen an, dass die Festivals «auch ohne Gelder der Tabakindustrie» existieren können und im Fall eines Ausstiegs «auf die grosszügige Unterstützung des Publikums» zählen können.