Internet
Onlinesüchtige sind gefangen in den Maschen des Netzes

Laster oder Krankheit? Wenn das Leben nur noch im Online-Modus Sinn macht, ist meistens professionelle Hilfe gefordert. Doch ab wann ist man internetsüchtig?

Raffael Schuppisser
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Das Internet ist zum wichtigsten Informations- und Kommunikationskanal unserer Gesellschaft geworden. Es ist aus dem Alltag der meisten nicht mehr wegzudenken. Doch bei einigen nimmt es so sehr überhand, dass sie sich ein Leben ausserhalb des Netzes nicht mehr vorstellen können. «Onlinesüchtig» lautet die Diagnose dann.

Bei den Suchtberatungsstellen ist das noch relativ junge Phänomen bestens bekannt. «Es melden sich vermehrt Menschen mit Online-Sucht», sagt Hanspeter Stocker von der Aargauischen Stiftung Suchthilfe (AGS). Besonders oft sei ein süchtiges Verhalten im Umgang mit Sex-Websites, Online-Glücksspielen und Online-Games auszumachen.

70000 Süchtige in der Schweiz?

Auf wie viele in der Schweiz die Diagnose Online-Sucht zutrifft, ist schwierig zu sagen. Frühere Schätzungen gehen von 70000 Online-Süchtigen und 110000 Gefährdeten in der Schweiz aus. Demgemäss legt rund 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung ein internetsüchtiges Verhalten an den Tag. Zu einer höheren Zahl kommt eine 2011 durchgeführte Studie für die Internetnutzung in Deutschland.

Eine repräsentative Telefonumfrage bei 15024 Personen hat ergeben, dass 1,5 Prozent der in Deutschland beheimateten Personen zwischen 14 und 64 Jahren onlinesüchtig sind. Aus der Untersuchung ergibt sich ein deutliches Altersgefälle bei der Internetsucht. Bei den 14- bis 24-Jährigen gelten 2,4 Prozent als internetsüchtig, zwischen 14 und 16 Jahren sind es gar 4 Prozent. Fast 14 Prozent der Befragten nutzen gemäss den Forschern das Internet zumindest in einem «problematischen» Umfang.

Aus medizinischer Sicht ist die Online-Sucht jedoch noch immer umstritten. So ist im Standardwerk ICD-10, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme, Online-Sucht nirgendwo aufgeführt. Die Begründung: Es gibt noch nicht genügend Forschungsergebnisse. Unumstritten hingegen ist, dass es Leute gibt, die ihren Internetkonsum nicht mehr kontrollieren können und damit ein ähnliches Verhalten zeigen wie Menschen, die an stoffungebundenen Süchten leiden wie etwa der Glücksspielsucht.

Wenn die Kontrolle verloren geht

Olivier Steiner, der sich am Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz mit neuen Medien beschäftigt, warnt jedoch vor einer Überstilisierung: «Man neigt dazu, bei einer intensiven Internetnutzung eher von einer Sucht zu sprechen als bei anderen Tätigkeiten.» Wenn jemand viel Zeit in ein Online-Game wie «World of Warcraft» investiert, so bezeichne man diesen Menschen schneller als süchtig als jemanden, der gleich viel Zeit mit Schachspielen verbringt.

Experten sind sich einig, dass alleine aufgrund eines zeitlich hohen Engagements im Internet noch nicht auf ein süchtiges Verhalten geschlossen werden kann. «Problematisch wird die Internetnutzung erst, wenn jemand andere Aktivitäten oder Beziehungen vernachlässigt», sagt Olivier Steiner. Als weitere Anzeichen für eine Sucht nennt Hanspeter Stocker «den Verlust über die Kontrolle des Mediums und der Zeit, die man damit verbringt, so wie damit einhergehende gesundheitliche und finanzielle Probleme».

Ist jemand erst einmal in der virtuellen Welt «gefangen» und kann sich ein Leben im Offline-Modus nicht mehr vorstellen, dann hilft meistens nur noch professionelle Hilfe. «Wir empfehlen in dieser Situation, sich als Angehörige an eine Beratungsstelle zu wenden», sagt Hanspeter Stocker.