Versicherungsverträge

Ombudsmann der Privatversicherer: «Ich muss neutral, aber gerecht bleiben»

Martin Lorenzon will Menschen helfen. Colin Frei

Martin Lorenzon will Menschen helfen. Colin Frei

Wenn der Nationalrat heute für mehr Rechte der Versicherten eintritt, ist das auch der Intervention von Martin Lorenzon, dem Ombudsmann der Privatversicherer, zu verdanken

Er hat eine fröhliche Stimme, redet mehr als erwartet und tritt selbstbewusster auf als vermutet. Martin Lorenzon wird von seinem Umfeld als Schaffer beschrieben, der sich lieber den juristischen Details widmet statt seiner Inszenierung. Und der seine beruflichen Ambitionen zugunsten anderer zurückstellt.

Mit dunklem Anzug, Krawatte und Brille fügt er sich unaufdringlich ein in die Versicherungswelt, die vielen zu grau und trocken ist. Da setzt die rosa Decke in seinem geräumigen Büro unweit des Zürcher Paradeplatzes einen süssen Kontrapunkt. Und wie sieht sich der 56-jährige Ombudsmann der Privatversicherungen und der Suva selbst? «Ich bin neutral», sagt er.

Das wird von ihm auch erwartet. Lorenzon schlichtet, vermittelt, rät, argumentiert und darf keine Seite bevorzugen. Zu ihm kommen Kunden – arm wie reich –, die mit ihren Versicherungen um Recht und Geld ringen. Der Schweizerische Versicherungsverband (SVV), der für die Branche lobbyiert, gründete die Stiftung in den frühen Siebzigern und finanziert sie mit 1,4 Millionen Franken.

Weder rechts noch links

Direktor Thomas Helbling sagt, die Ombudsstelle sei ein Zeichen dafür, wie wichtig den Versicherern die Rechte der Konsumenten seien. Als «Feigenblatt der Versicherer» sehen Konsumentenschützer die Ombudsstelle. An Lorenzon prallt beides ab: «Ich muss neutral, aber gerecht bleiben.»

Der gebürtige Solothurner gehört keiner politischen Partei an. Die Rechten sind ihm zu rechts, die Linken zu links. Er bleibt auch hier ein Mann der Mitte und unangreifbar. Es mag darum überraschen, dass er sich laut gegen die Forderung der Versicherungsbranche engagierte und sich auf eine Seite schlug.

Gelassen und ruhig wie Lorenzon an diesem Morgen dasitzt, glaubt man ihm, wenn er sagt: «Ich werde selten wütend.» So wie letzten November. Leicht aufgebracht redete er damals am Telefon über das revidierte Versicherungsvertragsgesetz (VVG), am längsten über den Artikel 35, der eine Vertragspartei besserstelle und einer der schlimmsten Gesetzesartikel überhaupt sei. Dass Versicherer künftig Vertragsbedingungen jederzeit einseitig ändern dürfen und damit Konsumentenrechte schwächen, quittierte er in der NZZ mit einem Rat an die Politiker: «Artikel 35 ersatzlos streichen.»

Kurz zuvor hatte sich eine bürgerliche Mehrheit der Wirtschaftskommission des Nationalrates zum zweiten Mal für den Artikel ausgesprochen – ausschliesslich Vertreter der FDP und SVP. Die über Monate andauernde und heftige Kritik von Rechtsexperten, Konsumentenschützern und Linken hatte die Parlamentarier kalt gelassen.

Lorenzon sagt, dass sein Sinn für Gerechtigkeit ihn angetrieben habe. «Wohl wie bei den meisten Juristen.» Selbst er kann Versicherungsfälle nur so gut beurteilen, wie es das Gesetz zulässt. Übel wird man ihm seine für einmal klaren Worte kaum nehmen.

Von links sowieso nicht. «Es war mutig, dass er sich kritisch zum Artikel geäussert hat. Er hat damit korrekt Stellung für die Versicherten bezogen», sagt Silva Semadeni, SP-Nationalrätin und Stiftungsrätin der Ombudsstelle.

Dass die FDP offiziell nun eine Kehrtwende macht und der Versicherungsverband nicht mehr am umstrittenen Artikel festhält, will sich Lorenzon jedoch nicht selbst zuschreiben. «Es gab da andere», sagt er. Fast beiläufig erwähnt er, dass der Verband ihn nach seiner Kritik kontaktierte. Er will es jedoch nicht als Einmischung sehen. «Thomas Helbling wollte mit mir diskutieren. Soweit aber jemand nicht überzeugt ist, kann man ihn ja noch überzeugen.» Helbling selbst sagt, er habe verstehen wollen, wieso ein Praktiker wie Lorenzon dem Vorschlag des Bundesrates nicht folge.

Für Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung Konsumentenschutz, ist lediglich der Zeitpunkt für den bürgerlichen Rückzug massgebend: «Nach unserem Dafürhalten sind die nahen Wahlen das Druckmittel. Kein Volksvertreter will mit einem solch unpopulären Entscheid im Herbst die Wiederwahl gefährden.» Über die Ombudsstelle sagt sie, dass sie im Gegensatz zu anderen zu wenig unabhängig sei und zu wenig bekannt. Die gesetzliche Grundlage und Kontrolle fehlten.

Es ist nicht das erste Mal, dass man Lorenzon Befangenheit vorwirft. Er winkt ab, jedem kann er es sowieso nicht recht machen. «Unsere Erfolgsquote liegt bei fast 70 Prozent. Wir sind eine Schlichtungsstelle und kein Gericht.» Dort dauert ein Fall wesentlicher länger und kostet. Die Kritik der Konsumentenschützer trifft ihn persönlich mehr. «Ich muss doch das Machtgefälle ausgleichen. Ich helfe den Versicherten und nicht den Versicherungen.»

Im letzten Jahr bearbeiteten er und seine fünf Mitarbeiter – Juristen wie er – rund 3200 Fälle bei 20 Millionen Versicherungsverträgen. «Das ist nur ein kleiner Teil», sagt er. Bekannter muss die Ombudsstelle nach seinem Dafürhalten dennoch nicht sein. Er glaubt, dass die Versicherer die Kunden mehr brauchen als früher und besser mit ihnen umgingen. «Sonst wäre ihr Image in der Bevölkerung viel schlimmer.»

Besser keine Konflikte

Dass Martin Lorenzon seit 18 Jahren bei der Ombudsstelle arbeitet, hat eine Menge mit seiner Persönlichkeit zu tun. Er merkte rasch, dass ihm das Versöhnliche mehr liegt als das Konfrontative. Nach dem Studium an der HSG in St.Gallen und dem Anwaltspatent machte er ein Praktikum am Lenzburger Bezirksgericht und erlebte viele Ehepaare, die sich anschrien, beschimpften, bekriegten. Und er mittendrin.

Lorenzon wusste bald: Er wird bestimmt nicht Scheidungsanwalt, auch nicht Staatsanwalt oder Strafverteidiger. «Ich will Menschen lieber helfen als sie verurteilen.» Dass er zuerst zur Rechtsschutzversicherung ging und später zu Ombudsstelle, hat nicht nur mit der Vielfalt der Themen zu tun. Er ist freier darin, wie er argumentieren, verhandeln, abwägen und überzeugen kann. Auch wenn die Neutralität diese Freiheit ein wenig einschränkt.

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