Nachhaltigkeit
Ökologischer Fussabdruck: Grüne hausieren mit umstrittenem Konzept

Die Grünen bedienen sich gern dem Schlagwort vom «ökologischen Fussabdruck» - etwa für eine Volksinitiative. Sie sind nicht die einzigen, die das tun. Doch was bedeutet dieser Ausdruck überhaupt genau?

Antonio Fumagalli
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Am Strand ist die Grösse des Fussabdruckes einfach zu berechnen. Beim Verbrauch von natürlichen Ressourcen ist es komplexer – und umstrittener.

Am Strand ist die Grösse des Fussabdruckes einfach zu berechnen. Beim Verbrauch von natürlichen Ressourcen ist es komplexer – und umstrittener.

Istockphoto

Am Donnerstag behandelt der Ständerat die Volksinitiative «Für eine Grüne Wirtschaft» der Grünen Partei und den Gegenvorschlag des Bundesrats (siehe Infobox). Weil die vorberatende Kommission die Initiative ablehnt und auf den Gegenvorschlag nicht einmal eintreten wollte, sehen die Grünen ihre Felle davonschwimmen und starten nun eine Informationsoffensive.

Dabei prominent in der rhetorischen Munition: das Schlagwort des «ökologischen Fussabdrucks». «Wir wollen eine Wirtschaft, die den Fussabdruck 1 bis ins Jahr 2050 anvisiert», wiederholte Bastien Girod (Grüne, ZH) das Anliegen der Initiative gestern an einer Pressekonferenz. Neben ihm sass Ingenieur Mathis Wackernagel, einer der Erfinder des Begriffs.

Volksinitiative: Abdruck auf einen Planeten reduzieren

So kann es mit dem Verbrauch von natürlichen Ressourcen nicht weitergehen, sagen die Grünen – und wollen mit der Volksinitiative «Für eine Grüne Wirtschaft» Gegensteuer geben. Sie verlangt, dass die Schweiz ihren ökologischen Fussabdruck bis 2050 auf einen Planeten reduziert. Der Bundesrat hat mit der Revision des Umweltschutzgesetzes einen indirekten Gegenvorschlag gezimmert. Dieser geht weniger weit, er nimmt aber das Ziel einer auf Dauer angelegten Schonung der natürlichen Ressourcen auf. (fum)

Doch was ist er überhaupt, der ökologische Fussabdruck? Er hat sich als wissenschaftliche Methode etabliert, die aufzeigt, wie stark und in welchen Bereichen der Mensch die Umwelt belastet. Konkret bemisst sie gemäss dem «Global Footprint Network» die «Land- und Wasserfläche, die zur Erneuerung von Ressourcen unter Berücksichtigung aktueller Technologien benötigt wird, um den gegenwärtigen Konsum einer bestimmten Bevölkerung zu befriedigen».

Schweiz mit grossem Abdruck

Die Schweiz steht dabei schlecht da: So misst der ökologische Fussabdruck der hiesigen Bevölkerung laut Bundesamt für Statistik derzeit 5 globale Hektaren (gha) pro Kopf, wobei der Verbrauch von fossilen Energieträgern mit Abstand am stärksten ins Gewicht fällt. Die Biokapazität unseres Landes beträgt indes bloss 1.2 gha pro Kopf. Anders formuliert: Würde weltweit jeder Mensch einen Fussabdruck wie wir hinterlassen, wären für ein naturverträgliches Ausmass fast drei Planeten nötig. Die Grünen wollen nun in die Verfassung schreiben, dass dieser Verbrauch mittelfristig auf einen Planeten sinken soll.

Mathis Wackernagel führte in den 1990er-Jahren den Begriff des ökologischen Fussabdrucks ein.

Mathis Wackernagel führte in den 1990er-Jahren den Begriff des ökologischen Fussabdrucks ein.

AZ-Archiv

Seit Wackernagel und sein akademischer Mitstreiter William Rees in den 1990er-Jahren den Begriff des ökologischen Fussabdrucks einführten, hat sich dieser in der Umweltpolitik als Mantra festgesetzt. Weltweit agieren Behörden mit dem Begriff. Stellvertretend das deutsche Umweltbundesamt: Der Fussabdruck ermögliche es, «hochkomplexe Zusammenhänge in einfacher Form darzustellen» und besitze dadurch «eine ausgezeichnete Eignung für Kommunikations- und Bildungszwecke».

USA mit Eukalyptus bepflanzen

In jüngster Zeit hat es nun aber vermehrt Widerstand gegeben, womit ein von den Grünen gerne verwendetes Konzept auf wackligen Füssen steht. So schrieb der Bundesrat im Frühling 2013 in seiner Antwort auf eine Interpellation von Nationalrat Girod, dass der ökologische Fussabdruck «wesentliche Aspekte vernachlässige» – zum Beispiel die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden, die Erschöpfung nichterneuerbarer Ressourcen oder die Auswirkungen der Kernkraft.

Der Donnerschlag folgte ein halbes Jahr später, diesmal von einflussreicher wissenschaftlicher Seite: Forscher des «Breakthrough Institute» im kalifornischen Oakland warfen Wackernagel und Rees im Fachjournal «PLOS» vor, dass die Messungen des ökologischen Fussabdrucks «derart irreführend» seien, dass ihre Verwendung «in einem seriösen wissenschaftlichen oder politischen Zusammenhang unmöglich» sei. So würden bereits erfolgte Ökosystemschädigungen wie Artenschwund nicht oder zu wenig abgebildet. Dafür werde dem Ausstoss von Kohlendioxid zu viel Gewicht gegeben.

Zur Illustration führen die Autoren ein Beispiel an: Wenn man den weltweiten ökologischen Fussabdruck auf die Grösse eines Planeten reduzieren wolle, wäre es die einfachste Methode, etwas weniger als die Hälfte der Fläche der USA mit Eukalyptuspflanzen zu bepflanzen. Denn diese können grosse Menge an Kohlendioxid binden. Solch ein Vorgehen, so die Forscher, «empfiehlt aber kein Ökologe».

Fussabdruck-Vater Wackernagel nimmt die Kritik gelassen. Das Konzept werde für Punkte angegriffen, die es gar nicht überprüfe. Er liefere nur Erklärungen auf die Frage, ob es wesentlich sei zu wissen, wie viele Ressourcen die Menschheit verbrauche – im Vergleich zu dem, was die Natur erneuern kann. «Eine bessere Antwort kennen wir bislang nicht.»