«Ohne Pass komme ich mir vor wie im Gefängnis»

Portrait eines Sans Papier Maedchens im Bahnhof in Basel, Foto Christoph Stulz

«Ohne Pass komme ich mir vor wie im Gefängnis»

Portrait eines Sans Papier Maedchens im Bahnhof in Basel, Foto Christoph Stulz

Wenn der Ständerat heute die Berufslehre für Sans-Papiers gutheisst, kann Miranda B. nach ihrem Praktikum eine Lehre beginnen. Wenn nicht, muss sie auf den positiven Entscheid ihres Härtefallgesuchs hoffen.

Roman Schenkel

Wäre, würde, hätte. Miranda B.* spricht viel im Konjunktiv. Ihre Situation zwingt sie dazu. Miranda B. ist Sans-Papiers. Sie lebt ohne Pass und ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Miranda würde gerne ihre Eltern besuchen, sie würde gerne Ferien am Strand machen, vor allem aber würde sie gerne eine Lehre machen. Ohne Pass ist all das nicht möglich. «Ich komme mir vor wie im Gefängnis», sagt sie.

Bis 2007 alles in Butter

Während des Krieg in Ex-Jugoslawien vor 12 Jahren flüchteten ihre Eltern mit sechs Kindern in die Schweiz. Die Familie erhält eine Aufenthaltsbewilligung. Sie lässt sich im Kanton Obwalden nieder. Mirandas Familie muss ständig umziehen. Kaiserstuhl, Alpnach, Kerns – Obwalden kenne sie ziemlich gut, sagt sie lakonisch.

Bis 2007 läuft alles gut. Miranda geht zur Schule, sie macht die Primar- und dann die Sekundarschule, fühlt sich wohl. «Ich hatte stets gute Schulnoten.» Doch 2007 wird die Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert. Die Familie wird aufgefordert, die Schweiz zu verlassen. «Da sind wir untergetaucht», sagt Miranda. Ihr Vater verlässt die Schweiz. «Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen.» Die Mutter bleibt mit den Kindern zurück. 2009 gerät Mirandas Mutter mit drei Kindern in eine Passkontrolle – sie werden ausgeschafft. Miranda und zwei Geschwister weilten an diesem Tag bei Verwandten. Sie erfahren erst ein paar Tage später, was passiert ist. Seither schlägt sich Miranda allein durch. Die jüngeren Geschwister sind bei einer Pflegefamilie. In Basel kann sie das zehnte Schuljahr absolvieren. Eine Angst begleitet sie. «Ich wusste immer, dass die Polizei mich irgendwann erwischen wird.» Miranda verhält sich deshalb so unauffällig, wie es nur geht. Sie wohnt bei ihrem Freund, einem Schweizer. «Ich will hier bleiben, die Schweiz ist mein Zuhause», sagt sie.

Vor einem Monat begann sie die Vorlehre-A-Schule. Zwei Tage Schule, drei Tage Arbeit. «Dazu brauchte ich aber ein Praktikum.» Sie schrieb über 200 Bewerbungen – ein Vorstellungsgespräch bei einer Kinderkrippe schaute dabei heraus. «Das war mein Glück.» Sie bekam die Praktikumsstelle. Nun hat sie einen AHV-Ausweis und sogar eine Krankenkasse. Die Chefin kenne ihre Situation. Ihr Lohn wird auf das Konto ihres Freundes ausbezahlt. Die Arbeit macht ihr Spass. Sie wollte schon immer etwas mit Kindern machen. «Es ist schön zu sehen, wie sie täglich kleine Fortschritte machen.»

Drei Tage im Gefängnis

Dann passiert es: Mitte August taucht unvermittelt die Polizei bei der Wohnung ihres Freundes auf. «Ich konnte mich natürlich nicht ausweisen», erzählt sie. Sie muss mit auf den Polizeiposten, wird verhört und bleibt drei Tage lang im Gefängnis. «Ich dachte, jetzt werde ich ausgeschafft.» Eine Anlaufstelle für Sans-Papiers reicht kurzerhand ein Härtefallgesuch für Miranda ein, das schützt sie vor einer Ausweisung – vorerst. Sie wird freigelassen und wartet seither gespannt auf den Entscheid.

Es sei wie das Erklimmen eines steilen Berges: «Es war ein drei Jahre langer Anstieg und jetzt bin ich kurz vor dem Berggipfel.» Bei einem positiven Entscheid auf das Härtefallgesuch könnte Miranda sogar eine Lehre beginnen. «Das wäre für mich wie ein Geschenk. Ich wäre sehr dankbar und würde die Chance packen.»

*Name der Redaktion bekannt

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