GLOSSE
Ohne Maske, ohne Abstand, dafür mit etwas Kitsch: Der Bundesrat bastelt sich fürs offizielle Foto die heile Welt zusammen

Als gäbe es keine Pandemie, posiert der Bundesrat auf dem offiziellen Foto eng beieinander – Photoshop sei Dank. Der neue Bundespräsident Guy Parmelin setzt auf das Motto «Neue Sicht auf Altbekanntes». Anders gesagt: Es gibt alten Wein in neuen Schläuchen.

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So präsentiert sich die Regierung (von links): Viola Amherd, Simonetta Sommaruga, Ignazio Cassis, Guy Parmelin, Ueli Maurer, Alain Berset, Karin Keller-Sutter und Bundeskanzler Walter Thurnherr.

So präsentiert sich die Regierung (von links): Viola Amherd, Simonetta Sommaruga, Ignazio Cassis, Guy Parmelin, Ueli Maurer, Alain Berset, Karin Keller-Sutter und Bundeskanzler Walter Thurnherr.

Bundeskanzlei / Markus A. Jegerlehner

So nah, ja so distanzlos! Die Bundesräte schmiegen sich schon fast aneinander, so eng stehen sie auf dem neuen Bundesratsfoto zusammen - so eng, wie man es sich längst nicht mehr gewohnt ist. Die Symbolik, ausgewählt vom neuen Bundespräsidenten Guy Parmelin, ist ebenso klar wie wenig überraschend: Wir stehen zusammen.

Vorsichtshalber hat der Bund ein «Making-Of»-Video mitgeliefert, damit jedem klar wird: Es handelt sich um eine corona-konforme Bildmontage:

Die Bundesräte traten einzeln vor die Kamera, die Stylistin trug selbstverständlich Maske und Handschuhe, als sie die Haare der Magistraten zurechtzupfte. Untermalt von Musik, die man vor Jahrzehnten als peppig bezeichnet hätte (der Synthesizer lässt grüssen!), erfährt man sogar, welcher Haarspray genutzt wurde. So viel Transparenz gibt's in Bundesbern selten.

Der Bundesrat hat sich dank Photoshop eine heile, leicht kitschige Welt zusammengebaut. Zugegeben: Die Aufgabe für Bundespräsident Parmelin und den Fotografen war schwierig - Gruppenfotos sind derzeit tückisch. Mit anderthalb Meter Abstand hätten die Magistraten verloren gewirkt.

Und dank Bildbearbeitung konnten auch gleich die wahren Grössenverhältnisse durchgegeben werden: Parmelin, der «Primus inter Pares» von 2021, überragt alle anderen deutlich. Tatsächlich ist der Wirtschaftsminister grossgewachsen. Doch im wahren Leben überragt Alain Berset seinen Kollegen Ueli Maurer um fast einen Kopf – und nicht nur um eine Glatze.

Zeigt sich da schon ein Silberstreifen am Horizont?

Als Hintergrund hat sich Parmelin ein schönes Foto des Bundeshauses ausgesucht, bei dem er zeigen kann, wie modern und innovativ er ist (immerhin ist er auch Chef des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation!). Der Fotograf Markus A. Jegerlehner hat das Bild nämlich mit einer Drohne aufgenommen. Entstanden ist ein Bild, das sich Bern Tourismus kaum besser wünschen könnte. Und man fragt sich: Zeigt sich da schon der Silberstreifen am Horizont?

Das Foto aus der Vogelperspektive soll «eine neue Sicht auf Altbekanntes ermöglichen», wie es offiziell heisst. Man könnte auch sagen: Alter Wein in neuen Schläuchen. Der frühere Winzer und neue Bundespräsident Parmelin sagt gemäss Mitteilung:

Es ist mir wichtig, dass wir in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam und unvoreingenommen scheinbar Unverrückbares neu betrachten.

Wer packt hier an?

Keine grossen Worte sollte man heutzutage ja über Äusserlichkeiten verlieren. Drei Dinge aber fallen auf. Erstens: Die Farbe Blau ist beliebt im Bundesrat, wobei Viola Amherd und Simonetta Sommaruga mit Weinrot und Beige gekonnt Kontrapunkte setzen. Zweitens: Ueli Maurer, wie immer mit Schweizer Kreuz am Revers, hatte offensichtlich keine Lust zu lächeln. Drittens: Die Krawatte von Vizepräsident Ignazio Cassis erinnert entfernt an ein berühmtes Blumensofa – aber dazu schweigen wir hier lieber.

Beunruhigender ist sowieso etwas anderes: Die Hände der Bundesräte fehlen. Von der Bildkomposition her mag das richtig sein, aber für die Symbolik? Wer packt denn hier an, wer macht die Arbeit? Wird nur noch analysiert, beobachtet und nachgedacht? Oder handelt hier auch jemand?

Immerhin: Im Gegensatz zum letztjährigen Bundesratsfoto, das ziemlich düster wirkte, strahlt das diesjährige viel Optimismus aus. Und das können wir beim diesjährigen Jahreswechsel nun wirklich gebrauchen.

Der Fotograf: Einst Praktikant auf Parmelins Hof, später preisgekrönter Fotograf

Markus A. Jegerlehner wurde 2002 mit dem Swiss Press Award ausgezeichnet für sein Foto eines Swissair-Piloten am Strand in Rio de Janeiro während des Swissair-Groundings. Ursprünglich hat er ein Praktikum als Landwirt absolviert - und zwar auf dem Hof der Familie Parmelin - bevor er sich später zum Fotografen ausbilden liess.

Die Bundesratsfotos von heute bis 1993:

So präsentiert sich die Regierung (von links): Viola Amherd, Simonetta Sommaruga, Ignazio Cassis, Guy Parmelin, Ueli Maurer, Alain Berset, Karin Keller-Sutter und Bundeskanzler Walter Thurnherr.
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2020: Das Motiv steht für das Zusammenspiel in der Politik und für die Wichtigkeit der Kultur in einem vielfältigen Land wie der Schweiz. Es zeigt den Bundesrat mit dem Bundeskanzler als Ensemble auf einer Konzertbühne mit Instrumenten im Hintergrund. Auf dem Bild zu sehen sind (von links): Bundeskanzler Walter Thurnherr, Viola Amherd, Guy Parmelin, Alain Berset, Simonetta Sommaruga, Ignazio Cassis, Ueli Maurer und Karin Keller-Sutter.
2019: Bundeskanzler Walter Thurnherr, Viola Amherd, Simonetta Sommaruga, Guy Parmelin, Bundespräsident Ueli Maurer, Ignazio Cassis, Alain Berset und Karin Keller-Sutter.
2018 (von links): Guy Parmelin, Simonetta Sommaruga, Ueli Maurer, Bundespräsident Alain Berset, Doris Leuthard, Johann Schneider-Ammann, Ignazio Cassis, Bundeskanzler Walter Thurnherr.
2017 (von oben rechts nach unten links): Bundespräsidentin Doris Leuthard, Alain Berset, Ueli Maurer, Didier Burkhalter, Simonetta Sommaruga, Johann Schneider-Ammann, Guy Parmelin, Bundeskanzler Walter Thurnherr.
2016 (von links): Alain Berset, Didier Burkhalter, Doris Leuthard, Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, Ueli Maurer, Simonetta Sommaruga, Guy Parmelin und Bundeskanzler Walter Thurnherr posieren in einer Werkplatz-Umgebung in Bern.
2015 (von links): Didier Burkhalter, Johann Schneider-Ammann, Eveline Widmer-Schlumpf, Doris Leuthard, Ueli Maurer, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Alain Berset und Bundeskanzlerin Corina Casanova im Bundeshaus in Bern.
2014 (von links): Johann Schneider-Ammann, Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga, Bundespräsident Didier Burkhalter, Doris Leuthard, Ueli Maurer, Alain Berset und Bundeskanzlerin Corina Casanova im Bundesratszimmer im Bundeshaus in Bern.
2013 (von links): Johann Schneider Ammann, Simonetta Sommaruga, Didier Burkhalter, Eveline Widmer-Schlumpf, Bundespräsident Ueli Maurer, Alain Berset, Doris Leuthard und Bundeskanzlerin Corina Casanova vor dem Sitzungszimmer des Bundesrats im Bundeshaus West.
2012 (von links): Johann Schneider Ammann, Didier Burkhalter, Ueli Maurer, Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf, Doris Leuthard, Simonetta Sommaruga, Alain Berset und Bundeskanzlerin Corina Casanova vor dem Hintergrund des Gemaeldes «Vier Jahreszeiten" von Franz Gertsch in Bern.
2011 (von links): Johannes Schneider-Ammann, Didier Burkhalter, Doris Leuthard, Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf, Ueli Maurer, Simonetta Sommaruga und Bundeskanzlerin Corina Casanova.
2010 (von links): Didier Burkhalter, Bundeskanzlerin Corina Casanova, Eveline Widmer-Schlumpf, Ueli Maurer, Micheline Calmy-Rey, Hans-Rudolf Merz, Bundespräsidentin Doris Leuthard und Moritz Leuenberger im Fernsehstudio des Medienzentrums.
2009 (von links): Ueli Maurer, Micheline Calmy-Rey, Moritz Leuenberger, Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, Doris Leuthard, Pascal Couchepin, Eveline Widmer-Schlumpf und Bundeskanzlerin Corina Casanova.
2008 (von links): Eveline Widmer-Schlumpf, Moritz Leuenberger, Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Bundespräsident Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Doris Leuthard, Hans-Rudolf Merz und Bundeskanzlerin Corina Casanova, aufgenommen in der Aula des Progr in Bern.
2007 (von links): Doris Leuthard, Christoph Blocher, Moritz Leuenberger, Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Hans-Rudolf Merz und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz vor dem Salon du Président in Bern.
2006 (von links): Doris Leuthard, Christoph Blocher, Pascal Couchepin,Bundespräsdient Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Samuel Schmid, Hans-Rudolf Merz und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz. Das Bild ist von einer Fachklasse der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst, Studienbereich Fotografie, realisiert worden.
2005 (von links): Hans-Rudolf Merz, Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Bundespräsident Samuel Schmid, Moritz Leuenberger, Josef Deiss, Christoph Blocher und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.
2004 (von links): Moritz Leuenberger, Samuel Schmid, Pascal Couchepin, Bundespräsident Joseph Deiss, Micheline Calmy-Rey, Christoph Blocher, Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz und Hans-Rudolf Merz. Zum ersten Mal befindet sich die Bundeskanzlerin nicht am Rand oder im Hintergrund auf dem Bild.
2003 (von links): Ruth Metzler, Bundespräsident Pascal Couchepin, Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz, Joseph Deiss, Kaspar Villiger, Micheline Calmy-Rey, Moritz Leuenberger und Samuel Schmid.
2002 (von links): Joseph Deiss, Pascal Couchepin, Moritz Leuenberger, Bundespräsident Kaspar Villiger, Ruth Metzler, Ruth Dreifuss, Samuel Schmid und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.
2001 (von links): Samuel Schmid, Ruth Metzler-Arnold, Ruth Dreifuss, Bundespräsident Moritz Leuenberger, Kaspar Villiger, Pascal Couchepin, Joseph Deiss und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.
2000 (von links): Joseph Deiss, Ruth Metzler, Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz, Ruth Dreifuss, Pascal Couchepin, Moritz Leuenberger, Bundespräsident Adolf Ogi und Kaspar Villiger. Im Hintergrund ein Bergmassiv zu Ehren des Bundespräsidenten Adolf Ogi.
1999: Moritz Leuenberger, Adolf Ogi, Bundespräsidentin Ruth Dreifuss und Kaspar Villiger (vorne, von links) sowie Ruth Metzler, Pascal Couchepin, Joseph Deiss und Bundeskanzler François Couchepin (hinten, von links). Erstmals organisierte die Bundeskanzlei für das Gruppenbild einen Wettbewerb, aus dem Masato Yokoyama als Sieger hervorging. Während die Regierung auf den bisherigen Autogrammkarten meistens vor einem historischen Dekor zu sehen war, wurde jetzt erstmals von der technischen Möglichkeit der elektronischen Bildbearbeitung Gebrauch gemacht: Nachdem der Bundesrat in einer kurzen Sitzungspause fotografiert worden war, getaltete der Fotograf nachträglich einen Hintergrund.
1998 (stehend von links): Moritz Leuenberger, Kaspar Villiger, Pascal Couchepin und Bundeskanzler François Couchepin. Sitzend: Adolf Ogi, Ruth Dreifuss, Flavio Cotti und Arnold Koller.
1997 (von links) Bundespräsident Arnold Koller, Flavio Cotti, Jean-Pascal Delamuraz, Adolf Ogi, Kaspar Villiger, Ruth Dreifuss, Moritz Leuenberger und Bundeskanzler François Couchepin. Auffallend ist, dass sich der Bundesrat darauf moderner und dynamischer präsentiert als auf den bisherigen Karten. Trotzdem hält sich auch die fünfte Ausgabe der Autogrammkarte an das Protokoll.
1996 (vonn links): Bundeskanzler François Couchepin, Ruth Dreifuss, Adolf Ogi, Arnold Koller, Jean-Pascal Delamuraz, Flavio Cotti, Kaspar Villiger und Moritz Leuenberger.
1995 (von links oben): Bundeskanzler François Couchepin, Adolf Ogi, Arnold Koller, Flavio Cotti und Ruth Dreifuss. Unten von links: Jean-Pascal Delamuraz, Kaspar Villiger und Otto Stich.
1994 (von links): Bundeskanzler François Couchepin, Adolf Ogi, Arnold Koller, Kaspar Villiger, Otto Stich, Jean-Pascal Delamuraz, Flavio Cotti, Ruth Dreifuss.
1993 (von links): François Couchepin, Kaspar Villiger, Arnold Koller, Otto Stich, Adolf Ogi, Jean-Pascal Delamuraz, Flavio Cotti und Ruth Dreifuss.

So präsentiert sich die Regierung (von links): Viola Amherd, Simonetta Sommaruga, Ignazio Cassis, Guy Parmelin, Ueli Maurer, Alain Berset, Karin Keller-Sutter und Bundeskanzler Walter Thurnherr.

Bundeskanzlei / Markus A. Jegerlehner