Vor 25 Jahren
Offene Drogenszene vom Platzspitz: «Es war wie im Wilden Westen»

Vor 25 Jahren ist die Drogenszene am Platzspitz geräumt worden. Bruno Gentilesca, der als Drogenfahnder tätig war, und Stephy D., ehemalige Drogenabhängige, erinnern in «TalkTäglich» an die unfassbaren Szenen, die sich während Jahren dort zugetragen haben.

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Heute vor 25 Jahren haben Einsatzkräfte der Polizei die offene Drogenszene auf dem Zürcher Platzspitz geräumt. Die Erinnerung an den damals international bekannten und berüchtigten «Needle Park» verblasst allmählich – doch nicht für alle.

Stephy D., ehemalige Drogenabhängige, und Bruno Gentilesca, der damals als Drogenfahnder auf dem Platzspitz tätig war und heute den Kriminaldienst der Zürcher Stadtpolizei leitet, haben die unvorstellbaren Szenen noch klar vor Augen. Unter der Moderation von Hugo Bigi sprechen sie im «TalkTäglich» über ihre schockierenden Erinnerungen.

«Ich habe ein Doppelleben geführt» sagt Stephy D. Und das jahrelang: zwischen 18 und 22 ist sie mehrmals täglich auf den Platzspitz gegangen. Nebenher hat sie auch eine kaufmännische Lehre absolviert und anschliessend auf einer Grossbank gearbeitet. «Dementsprechend gekleidet und wach musste ich sein. Ich konnte nicht mit Drogenaugen herumlaufen.» Vor allem das Jonglieren zwischen ihren beiden Leben sei sehr schwierig gewesen.

Die Drogenszene auf dem Platzspitz vor der Schliessung 1992
5 Bilder
Soziales Engagement in der besinnlichen Jahreszeit: Den Obdachlosen und Drogensüchtigen wird Schutz, Verpflegung und Unterhaltung geboten.
Gewohnter Gang: Lange liess die Polizei die offene Drogenszene gewähren.
Polizisten kündigen die bevorstehende Räumung an, um die Drogenszene zu zerschlagen.
Am 5. Februar 1992 wurde der Platzspitz zwischenzeitlich geschlossen.

Die Drogenszene auf dem Platzspitz vor der Schliessung 1992

Gertrud Vogler

Drogenabhängige wussten von Räumung

Ihr Tagesablauf hat sich dabei stets ähnlich zugetragen: «Am Morgen bin ich auf den Platzspitz gegangen und habe mir was [Heroin] besorgt – in den Kleidern, die ich trug, um zu arbeiten.» In der Mittagspause und nach Feierabend sei sie dann wieder zurückgekehrt. Für sie hat das Doppelleben sehr lange funktioniert – doch nicht jeder Süchtige ist gleich. «Die einen stürzen total ab, verlieren alles.»

Das kann auch Bruno Gentilesca bestätigen. Er war jahrelang als Drogenfahnder in Zürich tätig und auch bei der Schliessung am 5. Feburar 1992 im Einsatz. «Es war ein vergleichbar unspektakulärer Tag», schildert er. Hauptsächlich deshalb, weil die Leute bereits im Vorfeld gewusst hätten, dass eine Schliessung anstehe und die meisten das Gelände zuvor verlassen hatten. Das bestätigt auch Stephy D.: «Ich habe mich bewusst an diesem Tag ferngehalten. Man hat gewusst: Jetzt kommt es.» Zu diesem Zeitpunkt hätten sich die Drogendealer bereits ausserhalb reorganisiert und neue Szenen gebildet.

Über sechs Jahre lang war der Platzspitz Treffpunkt von Drogensüchtigen in einem zuvor nicht gesehenen Ausmass. 2000 bis 3000 Personen hätten sich täglich im Park zusammengefunden, ein Kreis einiger Hundert hielten sich sogar dauerhaft dort auf, wie Gentilesca sagt. «Das Elend von denjenigen, die dort gelebt haben – das war wahnsinnig.» Angefangen hat es 1986 mit lediglich 15-20 Menschen, damals für Gentilesca bereits eine beeindruckende Zahl. «Als wir die ersten paar Mal gingen, dachten wir ‹leck, das läuft wieder grausam›.»

«Es war wie im Wilden Westen»

Innert kürzester Zeit seien es plötzlich 400-500 Menschen gewesen, dann habe sich die Gruppe auf mehrere Tausend ausgeweitet. «Es war wie im Wilden Westen», beschreibt er die Szenen. Zwar versuchten die Einsatzkräfte Ruhe und Ordnung im Park zu bewahren, dies sei ihnen jedoch nicht gelungen. «Wir standen vor einer solchen menschlichen Übermacht.» Einzelne Dealer, die aus Krisengebieten stammten, seien besonders aggressiv gewesen. «Die lebten den Krieg hier weiter.»

Auch Stephy D. hat die Grausamkeit miterlebt: «Viele Dealer haben sich einen Spass daraus gemacht, Münzen in den Dreck zu werfen, wo Nadeln und Urin lagen.» Sie hätten sich richtiggehend am Anblick der Abhängigen ergötzt, die dem Kleingeld nachhechteten.

«Diese Zeit hat mich geprägt bis jetzt und ich werde es nie mehr vergessen» sagt Gentilesca. In diesen Jahren habe er alles Elend gesehen, glaubt der ehemalige Drogenfahnder. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas schlimmeres gibt – ausser vielleicht Krieg. Aber das war auch eine Art Krieg.» (sam)

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