Herr Schaltegger, der Ständerat hat die Eckpfeiler für die Rentenreform eingeschlagen – wären die Rentensysteme damit saniert?

Christoph Schaltegger: Nein, die Lösung ist nicht von Dauer. Die vorgesehene Finanzierung reicht nur bis 2030. Wie man angesichts der Finanzierungsprobleme der AHV auf die Idee kommen kann, die Renten sogar noch zu erhöhen, ist mir schleierhaft. Die Erhöhung um 70 Franken pro Monat wird das Rentensystem ab 2030 massiv verteuern. Wir verpassen die Chance für eine dauerhafte Reform. Anstatt neue Renten auszubezahlen, müsste eine Reform den demografischen Trend nachvollziehen, dass wir alle länger leben und es weniger Erwerbstätige pro Rentner gibt, die die AHV finanzieren. Leider gibt es nichts zu verteilen.

Die Renten sollen insgesamt stabilisiert werden. Die Erhöhung der AHV-Renten soll Kürzungen in der beruflichen Vorsorge kompensieren.

Die Reduzierung des Umwandlungssatzes ist richtig, weil auch das System der zweiten Säule die höhere Lebenserwartung abbilden muss. Den reduzierten Umwandlungssatz mit einer höheren AHV zu kompensieren, ist aber nicht sachgerecht. Erstens wird die Senkung bereits durch Massnahmen innerhalb der beruflichen Vorsorge zumindest abgemildert. Zweitens nimmt diese Verschiebung eine gesellschaftliche Diskussion vorweg, die erst noch geführt werden muss.

Und zwar?

Wollen wir eine Verschiebung vom Kapitaldeckungsverfahren, das auf Selbstverantwortung basiert, hin zum Umlageverfahren, das starke Umverteilungsaspekte hat? Es ist nach wie vor sinnvoll, auf beide Pfeiler abzustützen. Aber eine Verschiebung muss diskutiert werden.

Trotzdem: Müssen tiefe Einkommen nicht vor Rentensenkungen geschützt werden?

Wir müssen in erster Linie das demografische Problem adressieren. Der Ständerat scheint sich jetzt mit der Erhöhung der Renten auf Altersarmut zu fokussieren. Für dieses Problem hat der Bundesrat in den 60er-Jahren Ergänzungsleistungen eingeführt. Wenn Altersarmut das Problem ist, sollte das über die Ergänzungsleistungen gelöst werden, anstatt mit der Giesskanne die Renten zu erhöhen.

Wie würde denn aus Ihrer Sicht eine dauerhafte Lösung des Problems aussehen?

Es führt kein Weg daran vorbei, das Rentenalter für Männer und Frauen zu erhöhen. Nur so adressieren wir das Problem der gestiegenen Lebenserwartung. Die Entwicklung ist ja vorhersehbar: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen ab 2020 in Pension.

Die Erhöhung des Rentenalters gilt als chancenlos bei einem Volksentscheid.

Ich plädiere für eine Schuldenbremse, die ab einer gewissen Unterdeckung der AHV das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Arbeitnehmern stabilisiert – durch eine monatsweise Erhöhung des Rentenalters. Gleichzeitig müssten die Einnahmen über höhere Lohnabgaben erhöht werden, damit Opfersymmetrie besteht zwischen Einnahmen und Ausgaben. Ein solcher Mechanismus würde automatisch der langfristigen Bevölkerungsentwicklung Rechnung tragen und nicht auf Vorrat das Rentenalter oder Abgaben erhöhen.

Ähnlich dem vom Bundesrat vorgeschlagenen Interventionsmechanismus?

Bundesrat Berset hat ja interessanterweise eine noch radikalere Schuldenbremse vorgeschlagen: Anstatt einer Rentenaltererhöhung wollte er ab einer gewissen Unterdeckung die Teuerungsanpassung aussetzen. Das wäre einer realen Rentenkürzung gleichgekommen! Das ist bei einem Volksentscheid wohl kaum mehrheitsfähiger als schrittweise längeres Arbeiten einzuführen.

Das Gegenargument zum höheren Rentenalter ist, dass es für ältere Arbeitnehmer gar keine Arbeit gibt.

Wenn wir die Bevölkerungsprognosen anschauen, werden wir bald das umgekehrte Problem haben: Ab 2020 werden wir einen zunehmend ausgetrockneten Arbeitsmarkt haben und nicht mehr wissen, wie wir genügend Leute für den Arbeitsprozess rekrutieren.