Das Parlament will, dass der Energieverbrauch der Menschen in der Schweiz sinkt. Und zwar deutlich: Im Jahr 2035 soll ein Schweizer Einwohner im Durchschnitt 43 Prozent weniger verbrauchen als 2000. Bis 2050 soll der Wert noch weiter sinken. Dafür sprach sich nach dem Nationalrat diese Woche auch der Ständerat mit der Energiestrategie 2050 aus.

Auf dem Hunziker-Areal leben die 1400 Bewohner – energietechnisch – bereits im Jahr 2050. In den 13 Häusern der autoarmen Genossenschaftssiedlung in Zürich Nord verbrauchen die Menschen, was das Wohnen und die Alltagsmobilität anbelangt, sogar deutlich weniger Energie als es der Weg zum Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft vorsieht. Dies zeigen Zwischenergebnisse einer Studie, die der «Nordwestschweiz» vorliegen.

Im ersten Betriebsjahr der Neubausiedlung lag der Verbrauch nicht erneuerbarer Energie mehr als die Hälfte unter dem Zwischenziel der 2000-Watt-Gesellschaft für 2050, der CO2-Ausstoss mehr als ein Drittel darunter. Das von der ETH Zürich entwickelte Konzept sieht vor, dass der durchschnittliche Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss eines Schweizers bis ins Jahr 2100 auf einen Wert reduziert ist, der jedem Erdenbürger zusteht.

«Qualitätsvolle Verdichtung»

Das Hunziker-Areal ist eines von sechs «2000-Watt-Arealen», die schon in Betrieb sind. Dazu gehören auch die Kalkbreite und der Sihlbogen ebenfalls in Zürich, Erlenmatt West in Basel und Burgunder in Bern – die Zwischenresultate der Studie sind für alle Areale ähnlich gut ausgefallen. Mit den «2000-Watt-Arealen» will das Bundesamt für Energie (BfE) Siedlungsräume statt Einzelgebäude fördern. In den zertifizierten Siedlungen soll eine «qualitätsvolle Verdichtung» stattfinden und die Vernetzung unter den Bewohnern für ein energieeffizientes Wohnen genutzt werden.

Christian Schneider ist Projektleiter bei der Umweltberatungsfirma Lemon Consult, die die Studie im Auftrag des BfE erstellt hat. Entscheidend für die gute Energiebilanz des Hunziker-Areals, sagt er, sei die «ausgezeichnete Wärmedämmung der Gebäude», dass effizient mit Abwärme geheizt werde und rund 20 Prozent des Stroms von eigenen Solaranlagen auf den Dächern stamme. Hinzu komme eine weitere Summe von kleineren Massnahmen wie die Ausstattung der Häuser mit energieeffizienten Haushaltsgeräten, einer energieeffizienten Beleuchtung oder dass auf Tiefkühler verzichtet wurde – diese können extern dazugemietet werden.

Sehr wichtig, vor allem für die CO2-Bilanz, ist gemäss Schneider auch das Mobilitätskonzept auf dem Hunziker-Areal. Denn wer dort wohnt, muss sich dazu verpflichten, auf ein Auto zu verzichten. Andreas Hofer, Geschäftsleitungsmitglied der Genossenschaft Mehr als Wohnen, die das HunzikerAreal betreibt, sagt, dies sei rechtlich nicht unproblematisch. Doch man sei zum Schluss gekommen, dass die Verpflichtung im Rahmen des Genossenschaftsrechts möglich ist – schliesslich erkläre man sich als Genossenschafter mit den Zielen eines nachhaltigen Lebensstils einverstanden.

Weiter als die Verpflichtung zum Autoverzicht möchte die Genossenschaft laut Hofer allerdings nicht gehen: «Es ist heikel, günstigen Wohnraum anzubieten und die Bewohner gleichzeitig dazu zu verpflichten, ihren Lebensstil zu ändern.» Genau hier liegt der Haken, was die Erreichung der 2000-Watt-Gesellschaft betrifft. Denn der Energieverbrauch für die Erstellung und den Betrieb der Gebäude plus die Alltagsmobilität machen nur einen Teil der Energiebilanz aus.

Der grössere Teil des Energieverbrauchs und des CO2-Ausstosses fällt auf das individuelle Konsum- und Reiseverhalten. So können schon ein oder zwei Langstreckenflüge im Jahr die schönste CO2-Bilanz dank Autoverzicht wieder zunichtemachen.

Bezüglich Energiebilanz fällt die Ernährung besonders ins Gewicht, wie eine Studie aufzeigt, die im Vorfeld der Inbetriebnahme des Hunziker-Areals erstellt wurde: Sie verschlingt bei einem Durchschnittsbewohner von Zürich mehr Energie als die Bereiche Wohnen und Mobilität bei einem Bewohner des Hunziker-Areals zusammengenommen.

Hauptsünder sind hier tierische Produkte, aber auch Kaffee hat eine schlechte Energiebilanz und natürlich Produkte, die mit dem Flugzeug importiert werden. Insgesamt verbraucht der private Konsum laut der Studie alleine mehr als 2000 Watt Strom. Dazu kommen noch einmal rund 2500 Watt pro Person, auf die weder der Einzelne noch die Verantwortlichen eines 2000-Watt-Areals Einfluss nehmen können: die öffentliche Infrastruktur von Schulen bis Amtsgebäuden.

Wer verzichtet aufs Fliegen?

Über das Konsumverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner der 2000-Watt-Areale gibt es noch keine Studie. 2014 veröffentlichte die Stadt Zürich aber eine Untersuchung über energiearme Wohnprojekte, die diesen Aspekt einbezog: Sie bestätigte die Vermutung, dass Menschen, die sich für ein Leben in einem 2000-Watt-Haus entschieden, in der Regel auch umweltbewusster leben. Mit einer grossen Ausnahme jedoch: dem Fliegen.

2000-Watt-Areale wie das Hunziker-Areal sind zwar bemüht, auch auf die Bereiche Konsum und Freizeitverhalten Einfluss zu nehmen. Doch die Möglichkeiten sind beschränkt. Andreas Hofer sagt, dass «Mehr als Wohnen» darauf setzt, die Eigeninitiative zu fördern. So gibts auf dem Areal die Möglichkeit, Bio-Gemüse aus einer von Bewohnenden betriebenen Gärtnerei zu beziehen, es gibt eine Tauschhalle für nicht mehr gebrauchte Gegenstände, ein Repair Café und einen Bio-Laden.

Die Wege zu umweltfreundlichen Angeboten auf den 2000-Watt-Arealen sind kurz. Der Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft jedoch ist noch lang.