Öffentlicher Verkehr
Streit um Reservationspflicht für Velos: Bundesrat stärkt den SBB den Rücken

Die SBB würden ihre Kunden vergraulen: Pro Velo verlangt, dass die SBB die Reservationspflicht für Velos abschaffen. Doch der Bundesrat hält diese momentan für unvermeidbar. Und sie sei gerechter als das Prinzip «Der Schnellere ist der Geschwindere».

Kari Kälin
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Velofahrer verladen im HB Zürich ihr Velo in einen speziellen Bahnwagen.

Velofahrer verladen im HB Zürich ihr Velo in einen speziellen Bahnwagen.

Walter Schwager

Allein am Karfreitag und an Auffahrt zählten die SBB je gegen 2000 Reservationen für Velos. Im April, dem kältesten seit Jahren, wurden rund 40'000 Velotageskarten verkauft – rund 45 Prozent mehr als im Vorcoronajahr 2019. Auch im vergangenen Sommer schnellte die Nachfrage in die Höhe.

Als Reaktion auf den Veloverladeboom führten die SBB deshalb eine Reservationspflicht für alle Fernverkehrsverbindungen ein. Sie gilt seit dem 21. März und dauert bis Ende Oktober, jeweils von Freitag bis Sonntag. Auf der Strecke durch den Gotthardbasistunnel existiert die Reservationspflicht von Frühling bis Herbst schon seit 2017 während allen Wochentagen, beim Jurasüdfuss sogar schon seit mehr als 15 Jahren.

Petition zur Abschaffung der Reservationspflicht

Eine Velotour unternehmen und dann spontan und entspannt in den irgendeinen Zug einsteigen: Dass das auf Fernverkehrslinien nicht mehr möglich ist, provoziert Unmut. Bereits rund 50'000 Personen haben eine noch laufende Petition von Pro Velo unterschrieben. Darin fordert der Verband unter anderem die Abschaffung der 2 Franken teuren Reservationspflicht und Vereinfachungen beim Kauf von Velotickets.

«Mit der aktuellen Regelung vergraulen die SBB ihre treuesten Kunden»,

sagt Pro-Velo-Präsident Matthias Aebischer. Der Berner SP-Nationalrat sagt, das Reservationssystem sei unübersichtlich und kompliziert: «Eine vierköpfige Familie, die mit dem Velo unterwegs ist, muss Glück haben, genügend Platz zu finden», sagt Aebischer. Pro Velo verlangt eine massive Erhöhung der Veloplätze im Fernverkehr. Erst wenn die SBB ihre Kapazitäten ausgebaut hätten, sagt Aebischer, könne man über eine Reservationspflicht diskutieren.

Politische Unterstützung erhält die Velolobby von Marianne Maret. Die Walliser Ständerätin (Die Mitte) monierte in einem Vorstoss, die SBB würden den Zugang von Velos im öffentlichen Verkehr einschränken und verteuern anstatt erleichtern. Kurzfristig könne eine Reservationspflicht eine Überlastung verhindern, langfristig müsse der Velotransport aber vereinfacht werden – und zwar ohne Mehrkosten für die Kunden.

Bundesrat hält aktuelle Regeln für «unvermeidbar»

In der Kontroverse um den Veloverlad stärkt jetzt der Bundesrat den SBB den Rücken. Er hält die neu eingeführte und noch bis Ende Oktober gültige Reservationspflicht zum jetzigen Zeitpunkt für «unvermeidbar», wie er in der Antwort auf Marets Interpellation schreibt. Sie sei auch gerechter und geordneter als das Prinzip «Der Schnellere ist der Geschwindere». In der Tat ist es schon vorgekommen, dass bereits eingestiegene, aber reservationslose Velofahrer auf Geheiss der Zugbegleiter das Feld räumen mussten – zur Erleichterung für die Familien, die eine gültige Reservation vorwiesen. Salopp formuliert, verhindern die SBB mit der Reservationspflicht Wild-West-Gehabe um die freien Plätze.

Laut Pro Velo bedeutet eine Reservation jedoch keine Garantie. «Bei uns beklagen sich viele Zugfahrerinnen und Zugfahrer, dass sie trotz bestelltem Platz nicht in den gewünschten Zug einsteigen konnten, weil bereits ein anderes Velo am Haken hing.» Die Zugbegleiter hätten offenbar nicht immer die Ressourcen, dem Inhaber der Reservation zu seinem Recht zu verhelfen.

Für Aebischer ist klar: Die SBB müssen die Kombination Velo/Zug mit dem Ausbau von Veloplätzen fördern – nicht zuletzt aus umweltpolitischen Überlegungen. In vielen Zügen sei dies ohne riesigen Aufwand möglich.

SBB haben Kapazitäten schon ausgebaut

Ein SBB-Sprecher teilt derweil mit, insgesamt hätten die SBB auf den wichtigsten Linien des Freizeitverkehrs bereits 40 Prozent mehr Veloplätze gegenüber dem Vorjahr geschaffen. Und auf den bei Velofahrern beliebtesten Strecken Bern – Brig und Zürich – Chur stünden dreimal so viele Verladeplätze zur Verfügung – dank Öffnung der Gepäckabteile für Fahrräder.

Die SBB planen, die Kapazitäten noch weiter auszubauen. Klar ist jedoch: Bis das Rollmaterial umgerüstet und optimiert sein wird, wird noch einige Zeit verstreichen. Die SBB können auch noch nicht abschätzen, wie viel mehr Veloplätze in wie viel Jahren dereinst zur Verfügung stehen werden.

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