Abstimmung

Obwohl der Wolf gleich um die Ecke lebt, sagten viele Dörfer im Waadtländer Jura Nein zum Jagdgesetz

Seit 2019 gibt es am Col du Marchairaz ein Wolfsrudel.

Seit 2019 gibt es am Col du Marchairaz ein Wolfsrudel.

Im Gegensatz zu den Wolfsgebieten in Graubünden und im Wallis halten die Dörfer im Norden des Waadtlands ein Gesetz, das Abschüsse einfacher macht, nicht für notwendig.

Sie ist nach dem Nein zum Jagdgesetz eine beliebte Erzählung: die von den Städtern, die in der Überzahl sind. Und der Landbevölkerung aufzwingen, wie und mit wem sie zu leben hat. Zum Beispiel eben mit dem Wolf. Der «Walliser Bote» druckte gestern auf seiner Frontseite ein Bild feiernder Menschen in Zürich, mutmasslich während einer Street-Parade. Dazu titelte die Zeitung in Grossbuchstaben: «Die mit den Wölfen tanzen».

Andere Vertreter des Pro-Lagers verwiesen nach dem Nein vom Sonntag auf den Ja-Stimmen-Anteil in Gemeinden, die im Streifgebiet von Wölfen liegen oder sonst schon Bekanntschaft mit ihnen machten. Ihre Botschaft: Wo der Wolf lebt, wo die Leute wirklich betroffen sind, da ist man sich einig, dass es zusammen nicht geht. Und zwischen den Zeilen auch gerne: dass der Wolf weg muss.

Statt 97 Prozent Ja ein deutliches Nein

Tatsächlich haben viele dieser Gemeinden dem neuen Jagdgesetz, das die Hürden zum Abschuss von Wölfen senken wollte, klar angenommen. In der Bündner Surselva etwa, jenem Gebiet, in dem sich der Wolf derzeit am stärksten ausgebreitet hat, legten über 81 Prozent ein Ja ein. Im Kanton Wallis lag die Zustimmung in manchen Gemeinden bei nahezu 100 Prozent; in Blatten im Lötschental waren es beinahe 97.

Doch dann sind da noch die Ergebnisse aus dem Waadtländer Jura. Auch dort hat sich in der Region des Col du Marchairuz im letzten Jahr ein Wolfsrudel gebildet; diesen Sommer bestätigte der Kanton nun die Geburt von fünf Welpen. Doch anders als in Graubünden und im Wallis wollen die Leute in der Gegend dem Wolf mehrheitlich nicht auf den Pelz rücken. Der Grossteil der Gemeinden im Einzugsgebiet des Marchairuz-Rudels lehnte das neue Jagdgesetz ab. Und wo es angenommen wurde, passierte das nur mit knapper Mehrheit. In Le Chenit im Vallée de Joux etwa sagten 52 Prozent Ja; in Bière auf der anderen Seite des Jura-Massivs waren es 54 Prozent.

An der Tagesordnung aber waren andere Ergebnisse. Solche wie in Sainte-George, 936 Meter über Meer am Fuss des Juras gelegen. Fast 58 Prozent der Leute sagten dort Nein zum neuen Jagdgesetz. Alain Domenig, der Bürgermeister des 1000-Einwohner-Nests, sieht dafür vor allem einen Grund: Der Wolf habe bisher wenig Probleme gemacht in der Gegend.

Es gibt im Waadtländer Jura – anders als in Graubünden oder im Wallis – kaum Schafe, womit eine Leibspeise des Wolfs wegfällt. Angriffe auf Nutztiere haben die Behörden bisher kaum festgestellt. Im Juli ein folgenloser Angriff auf Kühe, eine tote Kuh und zwei tote Schafe im August, wohl dem Wolf zum Opfer gefallen: das ist die Zwischenbilanz des Kantons Waadt.

Die Erfahrung mit dem Luchs hilft

Wo kein Schaden, da kein Kläger: so weit, so einfach. Doch das ist nicht der einzige Erklärungsansatz dafür, dass die Abstimmung im Waadtländer Jura anders herauskam als in anderen Wolfsgebieten. Das Dorf Gimel sagte mit knapp 53 Prozent Nein. Der Präsident des Gemeinderats, Eric Marchese, meint, dass sein Dorf zwar auf dem Land liege – sich dort aber viele Leute niedergelassen hätten, die aus der Stadt kommen, aus Genf oder aus Lausanne. Und die weiter dort arbeiten. «Das zeigt sich in den Abstimmungsresultaten», sagt er.

Auch Serge Fischer lebt in Gimel. Fischer ist Präsident der Waadtländer Pro Natura. Er sagt, das Verhältnis zur Natur sei in der Gegend ein anderes als etwa im Wallis. «Die Leute hier verstehen die Natur nicht als etwas, das dem Menschen zu Diensten sein muss; sie ist für sie etwas Eigenes, das für sich funktionieren soll», sagt Fischer. Zudem, so Fischer, habe die jahrelange Präsenz des Luchses in der Gegend geholfen. «Die Leute haben so gelernt, dass das Zusammenleben mit einem Grossraubtier funktionieren kann», sagt der Naturschützer.

Autor

Dominic Wirth

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