Bestechungs-Skandal

Oberster Stadtpolizist: «Wir leben nicht in einem Tatort-Krimi»

Der Präsident der Vereinigung Städtischer Polizeichefs Fritz Lehmann: «Polizisten kennen die rote Linie des Gesetzes haargenau».

Der Präsident der Vereinigung Städtischer Polizeichefs Fritz Lehmann: «Polizisten kennen die rote Linie des Gesetzes haargenau».

Nach den Korruptionsvorwürfen gegen drei Zürcher Polizisten fragt man sich: Arbeiten im Rotlichtmilieu alle Gesetzeshüter nach den Methoden zwielichtiger Tatort-Kommissaren? «Keineswegs», so der Präsident der Vereinigung Städtischer Polizeichefs.

Der Kommissar, der mit Augenmass an einen Fall herantritt, im Gegenzug für Informationen ein Auge zudrückt und der Schattenwelt des Milieus mehr zugetan ist als der bürgerlichen Welt. Entspricht dieses Bild der Realität?

Fritz Lehman*: Nein. Wir leben nicht in einem Tatort-Krimi. Allgemein sind solch hoch spezialisierte Milieu-Polizisten die Ausnahme. Sie finden sie, wenn überhaupt, in den urbanen Zentren wie Basel, Lausanne oder Genf. Wir Polizisten leben in einem bürgerlichen Umfeld und kennen die rote Linie des Gesetzes haargenau. Schimanski hätte bei uns sicher keine Anstellung gefunden.

Wie wird das Milieu denn im Normalfall überwacht?

Das geschieht in erster Linie über die Verwaltungs- und Gewerbepolizei und Überprüfungen im Rahmen des Ausländerrechts. Wir in Winterthur legen den Fokus stark darauf, dass wir wissen, welche Personen hinter den Etablissements stehen und dass wir wissen, welche Frauen dort arbeiten. Die Verhinderung von Menschenhandel hat die oberste Priorität.

Besteht die Gefahr, dass ohne Professionalisierung im Bereich Milieu Polizisten anfälliger reagieren auf Korruptionsversuche?

Das sehe ich nicht so. Ein Polizist, welcher sich nicht täglich im Milieu bewegt, hat ein genaues Gespür dafür, was erlaubt und was verboten ist. Umgekehrt könnte man auch die These aufstellen, dass in professionalisierten Teams, welche ausschliesslich im Mikrokosmos Milieu verkehren, die Korruption näher liege.
In der Sendung «TalkTäglich» brachte ein Anrufer den Vorschlag ein, man solle doch einfach mehr weibliche Polizisten ins Milieu schicken. Diese seien für Bestechungsversuche wie sexuelle Dienstleistungen nicht zugänglich. Was meinen Sie dazu?

Ich weiss nicht, ob das etwas bringt. Ich bin allgemein ein Vertreter von gemischten Teams. Es gibt sicher Aufgaben, welche von einer Polizistin eher besser erledigt werden können als von einem männlichen Kollegen. Andererseits ist es gut möglich, dass sich ein Mann in der Macho-Welt des Sex-Gewerbes besser durchsetzen kann als eine Frau. Aber grundsätzlich: Die ethische Ausbildung eines Polizisten hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Dementsprechend sollte dies auch bei der Arbeit keiner Rolle spielen.

Sie sind Kommandant der Stadtpolizei Winterthur. Gibt es bei Ihnen auch ein Rotlicht-Milieu und entsprechend spezialisierte Beamte?

Nein, sicher nicht in der Art wie an der Zürcher Langstrasse. In Winterthur gibt es einige registrierte Etablissements, welche regelmässig kontrolliert werden. Die Kontrollen führen zivile Beamte, wenn auch im Turnus, durch.

* Fritz Lehmann ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung Städtischer Polizeichefs (SVSP) und Kommandant der Winterthurer Stadtpolizei.

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